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Ferrari-Chef Jean Todt : „Soviel Einkünfte hatten wir noch nie“

  • -Aktualisiert am

„Wir sind gesund”: Jean Todt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Nach der sportlich enttäuschenden Formel-1-Saison will Ferrari 2006 an alte Erfolge anknüpfen. Zweifel sind angebracht, da die finanziellen Quellen zu versiegen scheinen. Doch über diese Geschichten könne er nur lächeln, meint Ferrari-Chef Jean Todt.

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          Jean Todt ist nur von Siegerposen umgeben, von exakt 80. Alle Schnappschüsse mit Ferrari-Piloten unter der Champagnerdusche auf dem Podest der Formel 1 hat er sich rahmen und den Moment des Triumphes rundherum an den Wänden seines Büros in Maranello aufhängen lassen. Wie sich der Generaldirektor von Ferrari auch dreht und wendet, immer hat er das Resultat seiner Arbeit für die Scuderia vor Augen: Da sind ein Gerhard Berger mit Trophäe, ein Jean Alesi, vier Eddie Irvines, neunmal Rubens Barrichello und die 65 Variationen des triumphierenden Michael Schumacher angenagelt worden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          An seiner schlichten Arbeitsstätte ist der Kunstliebhaber nicht sehr variabel in der Wahl seiner Motive. Daran läßt der Franzose keinen Zweifel. Auch die letzten weißen Flecken über der Fensterfront und unter der Fensterbank sollen noch genutzt werden für diese einzigartige Ablichtung des Erfolges. Todt will mehr. „Wir Menschen haben ein kurzes Gedächtnis, wir wollen uns nicht an Erfolge erinnern“, sagt der Ferrari-Chef mit Blick auf den einzigen Sieg in der Saison 2005, „wir bevorzugen die Erinnerung an Mißerfolge, das motiviert mehr.“

          Quellen sollen angeblich versiegen

          Sie haben längst die Ärmel hochgekrempelt. Der nagelneue V-8-Motor läuft bislang wie am Schnürchen. Der Ferrari 2006 soll rechtzeitig vor Beginn der Saison fertig sein. Und doch sind Zweifel gekommen. Wie sollte dieses im Vergleich zu den größten Automobilkonzernen kleine Unternehmen aus der Provinz bei der Schlacht mit Budgets in astronomischer Höhe auf Dauer mithalten können? Konzerne wie Toyota zahlen das Formel-1-Projekt aus der Portokasse.

          Eine von 65 Champagnerduschen mit Michael Schumacher

          400 Millionen Dollar, behaupten Experten, ließen sich die Japaner die große Sause 2005 kosten. Ferrari investierte schätzungsweise 300 bis 350 Millionen. Eine Summe, die der Rennstall ohne die Beiträge der großen Sponsoren wie Philip Morris, Shell und Vodafone nicht hätte aufbringen können. Nun aber sollen die Quellen angeblich versiegen. Seit dem 1. August ist die Tabakwerbung in der EU auch auf den Rennwagen untersagt. Und in der vergangenen Woche kündigte Vodafone an, von 2007 an zu McLaren-Mercedes zu wechseln.

          „Sorry, suchen Sie sich ein anderes“

          Ferrari vor der Verarmung? „Über diese Geschichten kann ich nur lächeln“, sagt Todt. Aber er lächelt nicht. Stattdessen rechnet er kühl vor, wie weit Ferrari vorerst kommen wird: „In den nächsten sieben Jahren werden wir, wie wir glauben, die maximal möglichen Einkünfte haben. Soviel hatten wir in der Vergangenheit nie.“ Der riesige britische Telekommunikationskonzern abgesprungen und doch mehr Geld in der Kasse, die Tabakwerbung gestrichen und doch den Etat erhöht?

          Todt legt nach: „Vodafone ging zu einem anderen Wettbewerber, weil wir ihnen nicht genug von dem geben konnten, was sie wollten. Es ist wie mit einem großen Luxushotel. Sie haben 100 Zimmer, aber 120 Gäste. Sie müssen zwanzig sagen, sorry, suchen Sie sich ein anderes.“ Die glücklichen Stammgäste - Philip Morris arbeitet seit Jahrzehnten mit Ferrari zusammen - hatten vor dem Rennen in Monza eine Verlängerung des Vertrages mit Ferrari verkündet. Statt auszusteigen, geht der Tabakriese in die Offensive und nutzt dabei die nachhaltige Wirkung der traditionellen Bindung. Nun bestätigte Todt erstmals, daß sich auch der Beitrag erhöht hat: „Es ist ein größeres Abkommen.“ Zahlen nannte Todt nicht. Angeblich steigt die Zahlung von Philip Morris von 65 auf etwa 90 Millionen Dollar pro Saison.

          Die Konkurrenz ärgert sich über Ferrari

          Allein damit käme Ferrari nicht schnell genug in die Gänge. Aber der sportpolitische Schachzug, sich als erstes Team auf die Seite von Bernie Ecclestone geschlagen zu haben, war Gold wert. Für die Unterzeichnung des neuen Concorde-Agreements, einee Vertrags zwischen Teams, dem Internationalen Automobil-Verband und dem Rechtevermarkter, erhielt Ferrari eine Abschlagszahlung von 100 Millionen Dollar. Obwohl sich nach wie vor einige Hersteller weigern, dieses von 2008 an gültige Abkommen zu unterzeichnen, reibt sich Todt vorab schon die Hände: „Wir haben das Concorde-Agreement unterzeichnet, das ist ein besseres Stück des Kuchens.“ Das größte, um genau zu sein.

          Deshalb ärgert sich die Konkurrenz. Denn Ferrari, schrieb das Fachblatt „Sportauto“, erhält wegen seiner historischen Sonderstellung in der Formel 1 allein 65 Millionen Dollar pro Jahr, bevor sich nur ein Rad gedreht hat; Prämien und andere Zahlungen im Falle des Erfolges sind nicht eingerechnet. Weil Ecclestone - auf Druck der Konzerne - zusagte, künftig 60 Prozent aller Einnahmen an die Teams auszuschütten, also nicht mehr nur 47 Prozent der Fernseh-Einkünfte, hat Todts Kalkulation bis 2012 Substanz. Zumal der Internationale Automobil-Verband seine Sparmobil-Pläne durchsetzt.

          „Ich mag ihn als Mensch und als Fahrer“

          „Wir sind gesund“, sagt Todt und lächelt. Der Mann, der Ferrari mit Weitblick ins Ziel geführt hat, wird nur beim Thema Kimi Räikkönen kurzsichtig: „Ich konzentriere mich auf 2006.“ Ein angemessenes Gehalt könnte Räikkönen wohl aushandeln, Sympathie ist auch vorhanden: „Ich schätze ihn sehr hoch ein. Ich mag ihn als Mensch, und ich mag ihn als Fahrer“, sagt Todt über den Finnen, dessen Vertrag mit McLaren-Mercedes 2006 ausläuft. Mehr gibt's nicht zum heiklen Thema. Wahrscheinlich, weil Todt erst noch abwartet, ob Schumacher seinen Vertrag verlängert.

          Der Spaß ist dem Chefpiloten nicht vergangen. Im Gegenteil. Erstmals seit Jahren bat er sein Team, den Winterurlaub unterbrechen und schon im Dezember testen zu dürfen. Todt, Freund weil Wesensverwandter des Rheinländers, freut sich über diesen frischen Schwung: „In diesem Jahr war er frustriert, weil er nicht gewinnen konnte. Deshalb ist er motivierter als jemals zuvor.“ Dieses vorläufige Bild würde Todt gerne ausmalen. In seiner Galerie sind ja noch Plätze frei.

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