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Fernando Alonso : Der neue Schumacher

  • -Aktualisiert am

Der Chef kommt: Alonso ist als Nummer eins nach Brasilien gereist Bild: AFP

Fernando Alonso hat beste Aussichten, in diesem Jahr den Titel in der Formel 1 zu gewinnen. Schon in São Paulo kann er Weltmeister werden. Bei Ferrari glaubt man deshalb sogar, am Beginn einer neuen Ära zu stehen.

          3 Min.

          Fernando Alonso lässt sich nicht in die Augen schauen. Die Sonnenbrille ist zu dunkel. Als er sie für einen Moment absetzt, wandert der Blick nach unten. Der Formel-1-Pilot spricht leise. Wenig deutet auf eine Führungskraft hin. Dabei liegt er in allen wichtigen Kategorien vorne. Der Spanier ist Chefpilot bei Ferrari. Er führt seit dem vergangenen Grand Prix in Südkorea wieder die Fahrerwertung an. Und er genießt das unbestimmte Gefühl der Konkurrenz, immer wieder aus weniger mehr machen zu können: „Das muss man so sehen, wenn einer im langsameren Auto vorne ist“, sagt Nick Heidfeld (Sauber) mit Blick auf den Großen Preis von Brasilien an diesem Sonntag in São Paulo: „Fernando gelingt das.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Zwei Rennen vor Ende der Saison ist die Hoffnung der Red-Bull-Crew, in ihrem überlegenen Boliden allen davon fahren zu können, einer unausgesprochenen Sorge gewichen. Alonsos Verfolgern, Mark Webber (elf Punkte Rückstand), Lewis Hamilton (McLaren/21) und Sebastian Vettel (Red Bull/25) fährt einer vor der Nase her, der zunächst eine halbe Saison lang wegen ihrer Schwächen im Rennen blieb. „Es ist schon ein Wunder“, sagt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali, „wenn wir so ein wunderbares Auto wie sie (Red Bull) gehabt hätten, wären wir schon Weltmeister.“

          Fröhlich sprach der Italiener nach Alonsos Sieg in Südkorea über das Allerheiligste der Scuderia; schilderte die leidenschaftlichen Anstrengungen seines Teams, den roten Renner in die Spur zu bekommen, den technischen Rückstand aufzuholen, die Malaisen auszutreiben und Finessen einzubauen. Aber je mehr Domenicali von den schwierigen Tuningprozessen rund um den F10 erzählte, desto mehr schwärmte er indirekt über den Menschen in der Maschine: Alonso hat gleich im ersten Jahr in Diensten der Scuderia geschafft, woran sein Teamkollege Felipe Massa und Alonsos Vorgänger Kimi Räikkönen scheiterten.

          90 von 100 möglichen Punkten: Der Sieg in Südkorea ist vorläufiger Höhepunkt von Alonsos Siegeszug in der zweiten Saisonhälfte

          Der Asturier brauchte keine Aufwärmphase. Er gewann das erste Rennen in Bahrein. Er verwies Massa auf den Beifahrersitz, trieb sein neues Team intern wie öffentlich - mit fein abgestimmter Kritik - an und bestätigte die Erwartung seiner Chefs. Domenicali, seit 1991 in den Diensten der Scuderia, fühlt sich nun an alte Zeiten erinnert: „Natürlich gibt es Parallelen“, sagt er, „alle Großen, alle Champions haben ähnliche Fähigkeiten.“ Noch vor dem Ende der seit Jahrzehnten spannendsten Saison glauben die Ferraristi am Beginn eines neuen, ruhmreichen Kapitels zu stehen: Alonso ist ihr neuer Schumacher.

          Eine heftige Bedrohung für die Jäger

          Eine kleine Kostprobe gefällig? Alonso betrachtet seinen jüngsten Sieg, den Sprung an die Spitze, nicht etwa als ein Glück für den Tüchtigen, nachdem ihm der Motorschaden im RB6 des führenden Vettel den Weg frei gemacht hatte zum fünften Triumph in dieser Saison. „Meine Reifen war noch sehr gut, ich hätte noch angreifen können“, erklärte der 29 Jahre alte Asturier in São Paulo. Eine hypothetische Rechnung - mit Hintergedanken.

          Seine Gegner sollen zumindest von dem Gedanken erfasst werden, dass er es schon in Südkorea in der Hand hatte. Jetzt, mit der ersten WM-Führung seit Anfang April, wirkt Alonsos Auftritt wie eine heftige Bedrohung für die Selbstsicherheit seiner Jäger. Wenn er schon mit einem technisch unterlegenen Ferrari über die Runden kam, was kann er dann in dem aufgerüsteten, fast gleich schnellen Auto gegen Piloten erreichen, die sich trotz technischer Vorteile erstaunlich häufig verfuhren?

          Verehrer des zweimaligen Weltmeisters heben gerne die Nervenstärke ihres Helden aus Oviedo hervor. Sie preisen seine Fehlerlosigkeit unter großem Druck und erinnern an den zweiten WM-Kampf gegen Michael Schumacher 2006. Als seien Webber, Vettel und Hamilton anno 2010 anfällig für Konzentrationsschwächen. Im Kurzzeitgedächtnis sind zwar Bilder von der kuriosen, teaminternen Kollision bei Red Bull in der Türkei, von Webbers dramatischem Salto in Valencia, von Vettels heftigem Auffahrunfall in Spa und Lewis Hamiltons erstaunlichen Abflügen mit dem McLaren in Monza und Singapur haften geblieben.

          Es sind Szenen, die Ferrari-Fans gerne für eine Überlagerung schwacher Momente nutzen. Denn auch Alonso brauchte, wie sein Gefährt, eine Justierung. In China leistete er sich einen Frühstart. In Monaco prallte er mit seinem Dienstwagen im freien Training so heftig in die Leitplanken, dass er am Qualifikationstraining nicht teilnehmen konnte. In Silverstone wurde er wegen eines unsauberen Überholmanövers bestraft und in Spa endete sein Rennen nach einem Fahrfehler mit gebrochener Aufhängung. Die Zahl der Missgeschicke überraschte so sehr wie seine Reaktion in einem Ferrari-Statement: „Ob ich zu viele Fehler mache?“ „Nein.“

          Druck kann er nun weiterreichen

          Erst antwortete er schriftlich, dann auf der Strecke. In den vergangenen sieben Rennen gewann Alonso 133 Punkte, allein 90 von 100 möglichen in den vier Grand Prix vor der Reise nach Brasilien. „Ich wünschte“, sagt Alonso, „die Saison hätte erst in Hockenheim begonnen.“ In Deutschland bescherte ihm die Teamorder von Ferrari zwar neben dem Sieg, also 25 statt 18 Punkten, viel Schimpf und Schande. Der Doppelerfolg dank des verbesserten F10 aber gab ihm Sicherheit. Seither ist Alonso nicht mehr gezwungen, das Auto ständig am Limit über die Pisten zu jagen, um halbwegs mithalten zu können. Prompt sank seine Fehlerquote.

          Den Druck reicht er nun erstmals weiter an die Verfolger. Vettel und Hamilton müssen ihn unbedingt überholen, Webber hätte bei einer kleinen Niederlage noch eine Chance, setzt aber auch auf Sieg. „Ich denke“, sagt Alonso, „die anderen sind jetzt gezwungen, mehr Risiko einzugehen.“ Er hebt den Kopf. Für einen Moment lässt er sich in die Augen schauen. Dieser Blick lässt keinen Zweifel: „Die Zuverlässigkeit wird den Unterschied ausmachen“, behauptet Alonsos Teamchef Domenicali. Er denkt dabei an den Menschen, nicht an die Maschine.

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