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Erlebnispark am Nürburgring : Crash in der Grünen Hölle

Michael Schumacher, 1998 in der „Grünen Hölle” Bild: picture-alliance / dpa

Am Wochenende werden 300.000 Besucher am Nürburgring erwartet. An dem Formel-1-Zirkus verdient allein Bernie Ecclestone. Ein Erlebnispark soll die Region unabhängig vom Renngeschäft machen. Doch die Zweifel an der Wirtschaftlichkeit wachsen.

          Bernie Ecclestone hat seinen Besuch abgesagt. Das ist nicht mal eine schlechte Nachricht für die Betreiber des Nürburgrings. Nachdem der 78 Jahre alte Formel-1-Chef vor einigen Tagen in einem Interview Hitler für dessen Fähigkeit lobte, „Dinge zu erledigen“, wären Fragen nach Ecclestones Zurechnungsfähigkeit wohl nicht ausgeblieben. Und diese Art von zusätzlicher Aufregung ist das Letzte, was Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz am Tag der offiziellen Eröffnung des neuen Freizeit- und Geschäftszentrums in der Eifel braucht.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Kafitz hat Probleme genug. Kurz vor Toresschluss ist die Privatfinanzierung des mehr als 280 Millionen Euro teuren Projektes gescheitert, nun muss das Land Rheinland-Pfalz, mit 90 Prozent ohnehin der größte Anteilseigner der Nürburgring GmbH, in die Bresche springen. Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) hat am Dienstag die Verantwortung für das Finanzdebakel übernommen und sein Amt niedergelegt. Und die Kritik an Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) wächst. „Wir hätten die Reißleine früher ziehen müssen“, sagt er.

          Nun muss Beck zwei Tage nach der Demission seines Finanzministers gemeinsam mit dem eigens engagierten „Ringpaten“ Boris Becker vor 1000 geladenen Gäste auch das neue Zentrum im Warsteiner Event Center eröffnen, abends geht es dann mit der Entourage ins neu geschaffene Feriendörfchen „Grüne Hölle“, eine Bezeichnung, die der frühere Formel-1-Rennfahrer Jackie Stewart für die umwaldete Rennstrecke prägte. Ein Ort der Finsternis ist es für Beck allemal.

          Großbaustelle: Im Dezember 2008 ist das Projekt Erlebnispark schon weit fortgeschritten

          Der Mythos rechnet sich nicht

          Am Wochenende schlägt dann der Formel-1-Zirkus seine Zelte in der Eifel auf. Wahrscheinlich wird der große Preis von Deutschland abermals mehr als 300.000 Besucher in die strukturschwache Region locken. Das teure Boliden- und Promispektakel aber ist nicht die Lösung des Problems, es ist die Ursache. Geld verdient ausschließlich Ecclestone: Der Nürburgring macht mit der Rennserie jährlich bis zu 10 Millionen Verlust und dieser Fehlbetrag konnte auch durch die vielen kleineren Veranstaltungen am Ring nicht kompensiert werden.

          Das Problem ist alt: Schon Kaiser Wilhelm II. hatte Pläne für eine Rennstrecke in Deutschland entwickelt. Geringe Besiedlung, genügend Platz und Investitionshilfe für eine strukturschwache Region ließen schon damals die Eifel ins Blickfeld rücken. Offiziell eröffnet wurde der Ring freilich erst 1927. Hier begeisterten die Mercedes Silberpfeile zum ersten Mal die Massen, hier wäre Niki Lauda fast verbrannt und die Michael Schumacher-Kurve zeugt noch heute von den Erfolgen des ersten deutschen Formel-1-Weltmeisters. Der Mythos besteht, alleine, er rechnet sich nicht.

          Geplant war das ganz anders

          Mit Investitionen in einen Erlebnis- und Geschäftspark wollte die Landesregierung die strukturschwache Region stützen, die Zahl der Arbeitsplätze auf rund 1000 verdoppeln und die Abhängigkeit vom Renngeschäft senken. Die Zweifel an der Wirtschaftlichkeit aber wachsen. Alleine die Kreditkosten für die inoffiziell kolportierten bis zu 300 Millionen Euro Investitionen dürften nur schwer zu erwirtschaften sein. „Das wird nicht reichen, auch wenn jeder Hase in der Eifel abends noch 10 Euro in der Disko ausgibt“, heißt es spöttisch in den Reihen der Opposition. Zwei Hotels, Feriendorf, Casino, Disko, ein Kongresszentrum und ein Erlebnispark mit der angeblich schnellsten Achterbahn der Welt sollen Besucher auch außerhalb der Motorsport-Ereignisse an den Ring locken. Im Jahr hoffen die Betreiber auf zusätzlich 500.000 Gäste.

          Doch der anfangs geplante Kostenrahmen war schnell zu klein und die Absicht, die Hälfe der Investitionen über Private zu finanzieren, musste fallen gelassen werden. Deubel wollte mit Hilfe einer komplizierten Privatfinanzierung 50 Millionen Euro. Doch daraus wurde nichts. Im Gegenteil, heute zahlt der Staat fast alles: Die staatlichen Nürburgring GmbH nimmt 185 Millionen Euro Kredit auf, die landeseigenen Investitions- und Strukturbank finanziert die Bauten mit 80 Millionen Euro. Und das Land stellt in diesem und im nächsten Jahr 5 Millionen Euro als Gesellschafterdarlehen zur Verfügung. Geplant war das ganz anders.

          Das Land muss wieder haften

          Der Finanzdienstleister Pinebeck sollte eigentlich die Immobilien der neuen Erlebniswelt kaufen, das Land hätte diese dann zurückgemietet. Pinebeck wollte das Geschäft angeblich über amerikanische Lebensversicherungen finanzieren, dazu musste die Nürburgring GmbH zunächst aber 95 Millionen Euro auf ein Konto in der Schweiz überweisen, zum Nachweis der Liquidität, wie es hieß. Das Land hat das Geld zurückbeordert, nachdem sich die Zweifel an dem Schweizer Vermittler des Geschäfts, Urs Barandun, verstärkten.

          Im Schweizer „Blick“ wird ihm überdies glückloses Unternehmertum im Zusammenhang mit einer Telefongesellschaft unterstellt, mit der Anleger viel Geld verloren hätten. Ob Barandun Zugriff auf das Landesgeld hatte, ist umstritten. Nachdem bis Montag aber noch immer kein Geld aus dem Immobilienverkauf an die Nürburgring GmbH geflossen ist, hat die Landesregierung das Geschäft gestoppt und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Nach dem Debakel liegt das Formel-1-Risiko wieder beim Staat.

          Ganz wie in dem zwei Autostunden entfernten Hockenheimring. Dort hat der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger gerade ein angesetztes Gespräch mit Ecclestone über die Zukunft der Formel 1 in Hockenheim abgeblasen. Der Rat der Stadt Hockenheim hört es mit Grausen. Denn ohne ein Entgegenkommen von Ecclestone wird das Defizit der Stadt von Jahr zu Jahr größer.

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