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Hockenheim-Kommentar : Das Pokerspiel der Formel 1

  • -Aktualisiert am

Mercedes-Fahrer Valtteri Bottas vor den deutschen Farben neben der Strecke des Hockenheimrings. Bild: EPA

Die Deutschen fahren in fast jeder Beziehung ganz vorne mit: Aber ein Rennen können oder wollen sie sich nicht mehr leisten. Diese fast grotesk anmutende Konstellation hat aber auch etwas Gutes.

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          Vollbesetzte Tribünen beim Großen Preis von Deutschland der Formel 1 in Hockenheim. 70.000 Zuschauer haben nach Angaben des Veranstalters am Sonntag den Sieg von Lewis Hamilton gesehen. Das ist ein Rekord der Post-Schumacher-Ära, ein Beleg für das wieder steigende Interesse an einem Rennen in Deutschland. Auch die Einschaltquoten sind höher als im vergangenen Jahr. Kaum eine Sportart kann auf steigenden Zuspruch verweisen. Und dennoch soll der 37. Formel-1-Grand-Prix im badischen Motodrom seit der Premiere 1970 der letzte gewesen sein, vielleicht sogar der letzte Besuch in Deutschland für eine absehbare Zeit?

          Das wäre merkwürdig. Vettel ist mit 31 Jahren längst nicht über den Zenit seiner Leistungsfähigkeit hinaus. Es sieht so aus, als könne er dem berühmtesten Rennstall wieder zu einem WM-Titel verhelfen, erstmals seit 2008. Zumindest ist weitere Jahre mit einem spannenden Kampf gegen Lewis Hamilton im Boliden des Serien-Weltmeisters Mercedes nach dessen Vertragsverlängerung zu rechnen. Auch im Mittelfeld gibt es einen Bezugspunkt für deutsche Fans. Nico Hülkenberg bringt Renault voran. Attraktiver könnte die große Sause aus deutscher Sicht kaum sein. Die Deutschen fahren in fast jeder Beziehung ganz vorne mit: Aber ein Rennen können oder wollen sie sich nicht mehr leisten. Die Formel 1 ist zu teuer, die Miete für das Fahrerfeld zu hoch. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Bemühen der Nürburgring-Betreiber verstehen, die geliebte wie gefürchtete Nordschleife als Austragungsort wieder in den Blickpunkt zu rücken. Ein Akt der Verzweiflung.

          Die fast grotesk anmutende Konstellation hat immerhin ein Gutes: Das Geschäft in Deutschland ist transparent geworden. Es gibt (zu Recht) keine staatlichen Subventionen mehr – wie früher am Nürburgring – und zum Glück keinen Autokraten, der sich die Formel 1 für 40 Millionen Dollar oder mehr kauft, um sein Regime in besserem Licht erscheinen zu lassen. Von diesen schon aus sportpolitischer Sicht gefährlichen Verbindungen lebt der Formel-1-„Besitzer“ Liberty Media. Aber das Spiel mit Potentaten und Schurken hat eine geringe Halbwertszeit.

          Die Amerikaner wissen das. Sie haben die Bedeutung der traditionellen Standorte erkannt. Zumindest sprach Chefmanager Chase Carey davon gegenüber der F.A.Z. Aber ihm sind vorerst noch die Hände gebunden, denn Liberty muss sich an die gültige Einnahmenverteilung halten. Einige Teams brauchen die Millionen zur Existenzsicherung, solange die von Liberty wieder ins Spiel gebrachte, dringend nötige Kostendeckelung noch nicht greift. Das könnte in ein paar Jahren der Fall sein und dann auch dem Vermarkter die Möglichkeit bieten, die Miete für das Fahrerfeld so zu reduzieren, dass Promotoren unter realen Marktbedingungen das Risiko wagen können. Angeblich ist Liberty nicht abgeneigt, Hockenheim in der Übergangsphase im Rennen zu halten. Und zwar mit der Bestätigung der alten Vertragsbedingungen für ein Rennen 2019: zwölf Millionen Dollar plus 100 Euro für jede Karte jenseits von 50.000 verkauften.

          Eigentlich schweben Liberty 25 Millionen vor. Ein Nachlass könnte sich auszahlen. Dahinter steckt nicht nur das Kalkül, deutsche Fans bei der Stange zu halten. Liberty liebäugelt weiterhin mit deutschen Konzernen, deren Einstieg den Wert der Formel 1 steigern würde. Zwar kursierte am Wochenende in Hockenheim das Gerücht, Porsche habe abgesagt, nachdem Mercedes und Ferrari einer abgespeckten Motorenformel von 2021 an nun doch nicht zustimmen wollen. Aber die Nachricht könnte auch Teil eines großen Pokers sein, in dem große Trümpfe an Wert verloren haben: Allein das „Full House“ der Deutschen reicht nicht für die nächste Runde.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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