https://www.faz.net/-gtl-7ojvs

Ecclestone-Prozess : Krieg hinter den Kulissen der Formel 1

  • -Aktualisiert am

Bernie Ecclestone Bild: dpa

Der Prozess in München gegen Bernie Ecclestone könnte die Formel 1 verändern. Was wird aus der Rennserie, wenn sich die Besitzverhältnisse ändern? Es geht um viel Geld und Macht.

          Pavillon Nummer 04 im Fahrerlager von Schanghai blieb leer. Normalerweise hat Bernie Ecclestone dort sein Hauptquartier. Doch der erste Mann der Formel 1 blieb dem Grand Prix von China fern. Vier Tage nach dem vierten Lauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft beginnt am Donnerstag sein Prozess in München. Ecclestone ist dort vor dem Landgericht wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue angeklagt.

          Er soll das frühere Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesbank, Gerhard Gribkowsky, mit 44 Millionen Dollar bestochen haben, um den Verkauf der Formel-1-Aktien der BLB an den aktuellen Rechteinhaber CVC Capitals zu beschleunigen. CVC war Ecclestones Wunschpartner. Laut Anklageerhebung fürchtete Ecclestone bei einem Verkauf an andere Unternehmen um seine marktbeherrschende Stellung in der Formel 1.

          Ecclestone personifiziert die Formel 1. Es gibt keinen Sport, der so an einer Person hängt wie die Königsklasse des Motorsports. Ecclestone weiß, dass es vor Gericht um seine Zukunft geht. Trotzdem erlaubt er sich, der schwersten Schlacht seines Lebens gelassen entgegenzusehen.

          „Das Gericht war so nett, die Verhandlungstage so festzulegen, dass ich meiner Arbeit weiter nachgehen kann“, sagt er lobend über den Richter. Ein Freund berichtet: „Als Bernie von seinen Anwälten die Bestätigung der Anklage mitgeteilt bekam, hat er nicht mit der Wimper gezuckt.“ Man könnte daraus schließen: Ecclestone glaubt, gute Argumente zu haben, den Prozess zu gewinnen.

          Unzuverlässig und korrupt

          Zwei Kläger sind zuletzt gescheitert. Der Finanzinvestor Bluewater behauptete, seinerzeit ein besseres Angebot als CVC gemacht zu haben, aber nicht zum Zug gekommen zu sein. Das zuständige Gericht in New York erklärte sich für nicht zuständig.

          Constantin Medien bezichtigte Ecclestone, den Kaufpreis zu niedrig angesetzt zu haben, was die Kirch-Erben um eine lukrative Provision gebracht habe. Das Gericht in London konnte keine Beweise für diese Behauptung erkennen. Der Richter erklärte aber, Ecclestone sei unzuverlässig und sein Verhalten korrupt gewesen.

          Trotzdem ist der Ausgang des Verfahrens in München ungewiss. Und damit auch die Zukunft von Ecclestone in seinem Hoheitsgebiet. Offiziell ist er bereits von allen Ämtern zurückgetreten. Trotzdem führt er das Tagesgeschäft weiter, als wäre nichts geschehen. Der Formel-1-Chef verhandelt mit den Fernsehstationen, den Veranstaltern und potentiellen Generalsponsoren für das schnelle Geschäft.

          Und er steckt mittendrin in einem Krieg, der derzeit hinter den Kulissen der Formel 1 tobt. Die Besitzverhältnisse der Formel 1 könnten sich ändern. Trotz eifriger Dementis will CVC Capitals seine 35,1 Prozent an den kommerziellen Rechten versilbern. Es ist absehbar, dass die Formel 1 in Zukunft nicht mehr die Rendite abwirft wie bisher.

          Red Bull ist an Übernahme interessiert

          Veranstalter knicken ein, und auch die TV-Anstalten lassen sich nicht mehr beliebig schröpfen. In England, Italien, Deutschland und Spanien kassiert Ecclestone deshalb bereits doppelt ab. Das freiempfängliche Fernsehen zahlt weniger, dafür der Pay-TV-Kanal umso mehr.

          Red Bull ist Gerüchten zufolge an einer Übernahme der Formel-1-Aktien interessiert. Auch Ferrari bekundet Interesse, lässt sich aber wie üblich alle Optionen offen. Die Übernahme der Kontrolle ist ganz offensichtlich auch von der Sorge getragen, Ecclestone könnte bei einer Verurteilung nicht mehr die Dollar einspielen und den traditionell zerstrittenen Zirkus mit seiner klassischen Strategie „teile und herrsche“ zusammenhalten.

          Die Taktik der Beteiligten ist offensichtlich. Momentan reden Red Bull, Ferrari und Ecclestone die Formel 1 schlecht. Tenor: zu leise, zu langsam, zu kompliziert. Ferrari veröffentlichte auf seiner Website eine Umfrage, bei der 83 Prozent der Fans die neue Formel 1 ablehnten.

          Kurz darauf durfte der Präsident des Italienischen Olympischen Komitees, Giovanni Malagó, auf der gleichen Plattform seine Meinung kundtun: „Ich mag diese neue Formel 1 nicht. Sie macht keinen Sinn. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen noch einmal die Regeln überdenken.“

          „Die 35 Prozent von CVC bringen gar nichts“

          Dahinter steckt ein Plan. Doch wird er auch funktionieren? Lotus-Chef Gérard Lopez glaubt es nicht: „Die 35 Prozent von CVC bringen gar nichts, weil man damit nicht automatisch die Stimmrechte kauft. Da würden sich die anderen Investoren auf die Hinterbeine stellen. Die wollen eine Rendite sehen. Die gibt es nur, wenn alle Anteile auf einmal verkauft werden. Und für die muss man mehr als neun Milliarden Dollar auf den Tisch blättern. Ich bezweifle, dass Red Bull und Ferrari so viel aufbringen.“

          Red Bull und Ferrari geht es in ihrem Machtanspruch nicht nur ums Geschäft. Wenn sie einmal den Daumen auf den kommerziellen Rechten haben, dann werden sie sich auch ihre eigenen Regeln machen. Mit Billigmotoren und Kundenautos.

          Die Hinterbänkler rebellieren schon

          Der Internationale Automobil-Verband (FIA) wird auf die Rolle des Kommissars reduziert. Wenn überhaupt. Die großen Teams bestimmen im Rahmen der neugegründeten Strategiegruppe heute schon, wo die Regeln künftig hinlaufen. Eine Budgetobergrenze haben Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren. Lotus und Williams über den Kopf der FIA hinweg bereits abgelehnt.

          Doch dagegen rebellieren jetzt die Hinterbänkler. Mit Erfolg. Am 1. Mai gibt es ein Treffen mit allen Teams, Ecclestone und der FIA. Dann soll ein zweites Mal eine Kostenobergrenze diskutiert werden. Diesen Termin wird Ecclestone auf jeden Fall noch wahrnehmen können.

          Weitere Themen

          „Kollektives Versagen“

          Darmstadt unterliegt Osnabrück : „Kollektives Versagen“

          Mit viel Leidenschaft gelingt dem Aufsteiger aus Niedersachsen der Sprung auf Platz drei in der 2. Fußball-Bundesliga. Der VfL begeistert sein Publikum an der Bremer Brücke und die „Lilien“ kassieren eine herbe 0:4-Niederlage.

          Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.