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Dokumentation „Senna“ : Atemlos bis Imola

Held der Rennstrecke, Held des Films: Ayrton Senna Bild: Universal Pictures, AngeloOrsi

Liebe oder Abscheu - Ayrton Senna wurden schon immer die Extreme zuteil, auch nach seinem Tod. Asif Kapadia hetzt den Brasilianer in seiner Kino-Dokumentation durch die Formel-1-Karriere. Leider stellt er die entscheidenden Fragen nicht.

          Er bleibt eine Glaubensfrage. Bis zum Schluss und über den Tod hinaus. Liebe, unbändige, überschäumende Begeisterung oder Abneigung bis hin zur Abscheu – dazwischen gab und gibt es kaum Gefühle, die dem Rennfahrer Ayrton Senna zuteilwerden. Ein tiefgläubiger, abgöttisch verehrter Volksheld in seiner Heimat Brasilien, ein Idol für Motorsportfans in England, Japan und darüber hinaus.

          Und zugleich der Formel-1-Pilot, der in der Zeit, in der er dreimal Weltmeister wurde, mehr Unfälle verursachte als alle Weltmeister zuvor zusammen, wie ihm der Schotte Jackie Stewart Anfang der neunziger Jahre in einem Interview vorhielt. Ein Mann, der ein Problem habe, weil er an Gott glaube und sich deshalb für unverletzbar halte, wie sein größter Konkurrent Alain Prost 1990 sagte. Ein Freund, wie er keinen anderen gehabt habe unter den Fahrern, sagte der langjährige Rennarzt Sid Watkins. In dessen Händen ist Senna nach seinem Unfall am 1. Mai 1994 in Imola gestorben. Ein Teil der Radaufhängung des Williams hatte sich beim Aufprall gegen die Betonmauer in der Tamburello-Kurve durch den gelb-grünen Helm und in Sennas Kopf gebohrt. „Ich bin kein gläubiger Mensch“, sagt Watkins in diesem Film, „aber ich spürte, wie sich sein Körper entspannt. Und ich glaube, wenn es eine Seele gibt, hat sie Ayrtons Körper in diesem Moment verlassen.“

          Vielleicht kann es deshalb nicht anders sein, vielleicht muss „Senna“, die Kino-Dokumentation des britischen Regisseurs Asif Kapadia über die Formel-1-Karriere des Brasilianers, in einen Zwiespalt führen.

          Tod auf der Rennstrecke: Der Unfallwagen von Ayrton Senna

          Durch den monegassischen Regen wie ein Besessener

          Die Bilder fließen, das Adrenalin springt aus der Boxengasse über auf den Kinobesucher. Die Bilder der zigarettenfinanzierten Rennwagen, rot-weiß die McLaren, schwarz-gold die Lotus, haben Patina angesetzt über die Jahre, die Fahrer wirken 2011 wie Schauspieler in einem Film über die testosterongeschwängerten Achtziger, als der Mann mit dem gelb-grünen Helm durch den monegassischen Regen rast wie ein Besessener.

          Im unterlegenen Toleman-Hart fährt Ayrton Senna 1984 Kreise um die Konkurrenten, bis er nur noch Prost im McLaren vor sich hat. Das Rennen wird abgebrochen, Prost stellt den Wagen als Sieger ab, fährt keinen Meter zu viel. Senna rast weiter, dreht noch eine Runde, jubelt, winkt den Zuschauern zu. Da haben sich zwei gefunden, die über die nächsten Jahre eine Rivalität ausfechten, wie es sie noch selten gegeben hat in der Geschichte des Sports.

          Warum ist Senna so viel besser als all die anderen, denen es doch bislang nicht gemangelt hatte an Mut, Chuzpe, Ego? Kapadia zeigt es nicht. Er muss weiter. Noch so viele Rennen, so viele Kämpfe bis zum fatalen Ende zehn Jahre später in Imola. Nur so viel: „No money. No politics. Pure racing.“ Das sagt Senna Jahre später über seine schönste Zeit als Rennfahrer – damals im Kart, vor der Formel 1.

          Und Kapadia heftet ihm die Aussage an die Brust, als sei sie sein Mantra gewesen, schickt Senna damit in die Rennen 1988, 1989, 1990, als es auf einmal sehr viel um Geld und Politik geht. Als die Rennen alles sind, aber nicht rein. Als er, nun bei McLaren, gegen Prost um die Weltmeisterschaft fährt. Als er zweimal Weltmeister wird und einmal Prost unterliegt – und dem Willen des selbstherrlichen Motorsportchefs Jean-Marie Balestre, dem, so zeigt es dieser Film glaubwürdig, eigentlichen Gegner Sennas. Aber keine Politik?

          Die nächste Freundin, das nächste Rennen, der nächste Streit

          Fast könnte man meinen, da sei ein Vollgas-Lancelot unterwegs gewesen, auf der Suche nach dem Heiligen Gral des Motorsports. Dann rammt Senna 1990 in Suzuka den mittlerweile zu Ferrari abgewanderten Prost in der ersten Kurve von der Strecke und zeigt damit selbst, dass auch er im Kampf um die Weltmeisterschaft, die er so zum zweiten Mal gewinnt, kein Mittel scheut. Zuvor hatte es Diskussionen gegeben, weil der erste Startplatz, den Senna erobert hatte, von Balestre auf die langsamere Seite der Strecke verlegt worden war. Kapadia zeigt die ganze Rage des Brasilianers über diesen Schritt – und unterlegt sie mit Bildern einer Diskussion Sennas mit einem Funktionär zum gleichen Thema in Hockenheim, ohne den Zuschauer über den Ortswechsel aufzuklären. Künstlerische Freiheit gewiss, aber gleichzeitig Beweis, dass auch Senna das politische Spiel um den Startplatz – eine immer wiederkehrende Diskussion im Motorsport – beherrschte.

          Kapadia hakt auch hier nicht ein, er bildet weiter ab. Die nächste Freundin, das nächste Rennen, der nächste Streit. Der nächste Crash. Bis Imola. Kapadia hat einen emotionalen Film über das Rennfahrerdenkmal Senna gemacht. Leider wollte er nicht mehr.

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