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Die Probleme der Formel 1 : Die kritische Masse

Wohin des Weges? Die Formel 1 rast mit Vollgas auf die nächste Kurve zu, ohne Vorstellung von der weiteren Streckenführung Bild: Imago

Unter dem glänzenden Lack der Formel 1 verbirgt sich ein fragiles Chassis: Sinkende Einnahmen und fallende Einschaltquoten bedrohen inzwischen schon die Existenz von Mittelklasseteams. Das Regime des greisen Ecclestone blockiert den Ausweg.

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          Die Fassade glänzt. Mehrmals am Tag wischen Mechaniker im Fahrerlager der Formel 1 über die lackierten Bleche der Lastwagen, bis kein Fingerabdruck mehr darauf zu sehen ist. Auf der Dachterrasse der „Energy Station“ von Red Bull sitzen sehr blonde und sehr schlanke Frauen, sie tragen enge Jeanshosen, hochhackige Schuhe und nippen an Sektgläsern.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.
          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesem Sonntag, kurz vor dem Start zum Großen Preis von Deutschland (14.00 Uhr / Live im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET), werden die Schönen und auch die Reichen zur Startaufstellung stolzieren, dunkle Sonnenbrillen vor den Augen, immer im Fokus der Fotografen, als Besucher einer Scheinwelt.

          Donnerstagnachmittag am Nürburgring: Nico Hülkenberg zieht seine Kappe tief ins Gesicht, er trägt ein weißes, ziemlich blankes Hemd. Blanke Hemden sind kein gutes Zeichen, weil darauf kaum Sponsorenlogos zu sehen sind. „Es ist eine schwierige Situation im Moment“, sagt er.

          Sein Arbeitgeber Sauber konnte ihm die erste Rate seines Gehalts nicht zum vereinbarten Zeitpunkt überweisen, daraufhin hat der 25 Jahre alte Deutsche seinen Vertrag gekündigt. Schon im vergangenen Jahr soll er so gut wie kein Geld von Force India für seine Steuerkünste erhalten haben. Offen spricht keiner der Verantwortlichen über das Geld, die meisten Sätze werden in Hinterzimmern gesprochen.

          „Das Monster Formel 1 ist zu teuer“

          Das Fachblatt „Auto, Motor und Sport“ warnte schon vor der Saison: „Das Monster Formel 1 ist zu teuer, zu kompliziert geworden.“ Etwa 1,5 Millionen Euro geben die großen Teams pro Woche aus, nur um den Betrieb in der Fabrik aufrechtzuerhalten. Ein Frontflügel kostet 30.000 Euro extra, ein Wagenheber rund 10.000 Euro, eine Radmutter ungefähr 800 Euro.

          Im nächsten Jahr kommt eine neue Motorenformel, Kundenteams müssen dann rund zwanzig Millionen Euro für die Antriebseinheit zahlen. Noch vor Jahren schien Geld im Überfluss vorhanden, inzwischen sind nur noch drei Teams frei von finanziellen Sorgen: Red Bull, Ferrari und Mercedes. Und der Rest? Kämpft mehr oder weniger ums Überleben:

          McLaren: Das Traditionsteam verliert zum Saisonende Titelsponsor „Vodafone“ und damit geschätzt rund fünfzig Millionen Euro, Sergio Perez ist schon jetzt der erste Paydriver in der Geschichte der Briten.

          Lotus: Im Geschäftsjahr 2012 steht ein Rekordverlust in Höhe von etwa sechzig Millionen Euro zu Buche, vor Wochen stieg eine Investorengruppe ein, aber kaum jemand weiß, wer dahinter steckt.

          Force India: Rechnungen werden sehr spät bezahlt, das Geschäftsgebaren ist undurchsichtig - immer wieder gab es Schlagzeilen. 2011 stand die Polizei im Fahrerlager des Nürburgrings.

          Sauber: Gerüchten zufolge fahre das Team ein zweistelliges Millionenminus pro Jahr ein. Die Teamführung verweigert eine Kommentierung. Eine Weiterentwicklung des Autos findet kaum noch statt. Man verhandelt mit russischen Sponsoren, bisher ohne Ergebnis.

          Williams: Schätzungsweise rund dreißig Millionen Euro werden Jahr für Jahr aus Venezuela überwiesen, damit Pastor Maldonado am Steuer dreht. Mit dem Geld drehen sich die Räder.

          Toro Rosso: Das Team gehört zu einhundert Prozent Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, nur deshalb fährt es halbwegs sorgenfrei im Mittelfeld herum.

          Caterham: Zwei Bezahlfahrer finanzieren den Treibstoff, nur deshalb kreist der Rennstall.

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