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Formel 1 in Le Castellet : Carrera-Bahn aus Asphalt

Formel-1-Fahrer brauchen Orientierungskunst, um sich in Le Castellet nicht zu verfahren Bild: EPA

Auf dem Pfadfinderkurs von Le Castellet ist es für die Formel-1-Rennfahrer nicht so einfach, die richtige Kurve zu kriegen: 167 unterschiedliche Streckenvarianten sind möglich.

          Nico Hülkenberg hatte sich verfahren. „Du musst erst mal die richtige Kurve finden, damit du nicht auf den falschen Kurs kommst.“ Es ist nicht so einfach auf diesem Circuit Paul-Ricard. „Am Montag im Simulator bin ich ein paar Mal in die falsche Schikane gefahren.“ Es ist eine besondere Rennstrecke, weil sie mehr als eine Rennstrecke ist. 167 unterschiedliche Streckenvarianten sind möglich, Streckenlängen von 826 bis 5861 Metern. Eine Carrera-Bahn aus Asphalt, auf der sich die Formel-1-Piloten an diesem Sonntag beim Großen Preis von Frankreich (16.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL) zurechtfinden sollen. Hülkenberg brauchte ein paar Runden im Simulator, bis die Navigation stimmte.

          „Man sitzt tief, es gibt etliche blinde Kurven, die man erst sehr spät erkennt. Man sieht auch nur Asphalt, es ist schwierig, den richtigen Bremspunkt zu erkennen.“ Die Augen der Piloten finden kaum einen Fixpunkt, die Leitplanken stehen weit entfernt, sind zum Teil nicht zu sehen. Als der Schwede Marcus Ericsson seinen Sauber am Freitagmittag drei Minuten vor Ende des ersten Trainings in die Streckenbegrenzung setzte, das Auto Feuer fing, Ericsson den Abflug aber unbeschadet überstand, machten schnell Witze die Runde: Ach, da sind sie ja doch, die Leitplanken.

          Hülkenberg hat immerhin einen Vorteil: Er kennt die Strecke besser als die meisten seiner Konkurrenten, seit er sich hier vor drei Jahren im Langstreckenauto mit Porsche auf das 24-Stunden-Rennen von Le Mans vorbereitete. Hülkenbergs heutiger Arbeitgeber Renault nutzt den ersten Grand Prix de France seit zehn Jahren zu einer Vermarktungsoffensive, von Prost bis Arnoux werden Frankreichs Volant-Heroen von einst am Sonntag Siegerfahrzeuge vorstellen – auch von einst. Nach Lage der Dinge wird die Kollektion an diesem Wochenende nicht erweitert werden, es dürfte für Hülkenberg und den Rest des Feldes wieder nur darum gehen, den siebten Platz auszufahren – zu überlegen sind Ferrari, Mercedes, Red Bull. Doch auch das Spitzenpersonal muss durch den Pfadfinderkurs. „Wenn die anderen wissen, was sie erwartet, haben sie uns etwas voraus“, sagt Sebastian Vettel. Ferraris Frontmann hat mit seinem überlegenen Sieg in Montreal wieder die Führung in der Weltmeisterschaft übernommen, liegt einen Punkt vor Lewis Hamilton. Doch der Kurs von Le Castellet, erinnert er nicht zumeist an die Strecke von Barcelona, wo Ferrari Mercedes unterlegen war wie sonst nirgends in dieser Saison? „Es wäre doch schade, jetzt schon den Kopf hängen zu lassen“, sagte Vettel. „Ich bin zuversichtlich.“ Zuversichtlich wohl, aber angesichts des Streckenbausatzes dann doch nicht begeistert. „Es ist vielleicht nicht die aufregendste Strecke in Frankreich. Eher bekannt als Teststrecke, nicht als Rennstrecke. Es ist nicht einfach sich zurechtzufinden, viele Stellen sehen gleich aus.“

          Hamilton hat sich der Sache auf seine Weise angenähert, wie immer ohne Digitalübung: „Ich fahre keinen Simulator.“ Aber der Weltmeister fährt Motorrad. Am Mittwochabend drehte er ein paar Runden auf der Rennstrecke. „Ich hatte gehofft, dass mich keiner erwischt und runterschmeißt.“ Hamilton, mit Mercedes schwer geschlagen von Vettel und Ferrari vor zwei Wochen in Kanada, ist wieder in seinem Element. Eine neue Strecke im Rennkalender, das inspiriert den Engländer regelmäßig zu Komplimenten. „Ich komme immer gerne auf eine neue Strecke. Diese Spannung, das ist ein gutes Gefühl.“

          Spannung? Gefühl? Eine der spannendsten Fragen wird die nach der Stimmung bei Mercedes nach dem Rennen werden. Nach der Niederlage von Montreal, das Stimmungsbarometer war auf Tiefdruck gefallen, habe das gesamte Team eine offene, kritische Diskussion geführt, berichtete Hamilton. „Jeder hat kritisch auf sich selbst geschaut, ich auch. Jeder kann mehr herausholen.“ Offen bleibt noch, mit welcher Motorspezifikation Hamilton und sein Teamkollege Bottas ins Rennen geschickt werden. Technische Probleme hatten bislang den Einsatz der Ausbaustufe verhindert, in Le Castellet starten sie nun mit der „Version 2.1“ des Triebwerks, wie der Rennstall am Freitagabend bestätigte. In beiden Trainingsläufen fuhr Hamilton Bestzeit, war jeweils rund eine Sekunde schneller als Vettel. Durch die Radarfalle auf der 1,8 Kilometer langen, für die Formel 1 von einer Schikane unterbrochenen „Mistral“-Geraden, schoss der Mexikaner Sergio Perez im Mercedes-befeuerten Force India mit 336,6 Kilometern in der Stunde, gefolgt von Bottas (334,6) und Hamilton (334,1). Kündigt sich da schon der nächste Stimmungsumschwung an? Nico Hülkenberg wird das Duell aus der Spitze in der Heckansicht zu sehen bekommen. Das Überholen werde schwierig auf Paul-Ricard, aber die Abnutzung der Reifen könnte „für Abwechslung sorgen, bei den hohen Temperaturen“. Oder es verfährt sich auch am Sonntag noch jemand.

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