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Formel 1 in Sotschi : Ohne Rücksicht auf Verluste

Kleidung, Macht, Leute: Ein T-Shirt mit Putin-Print ist für umgerechnet acht Euro zu haben. Bild: chwb.

Wieder wird Sotschi zur Bühne für Kreml-Chef Putin. Ecclestones Formel-1-Zirkus demonstriert bei seinem Gastspiel in Russland neben Geschäftssinn vor allem eines: Gleichgültigkeit.

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          Wladimir Putin sieht Sergej Sirotkin an. Oder? Putin schaut sehr ernst, aber wohin er blickt, ist schwierig zu sagen. Er trägt eine Sonnenbrille. Er sieht aus wie ein Mann vom Geheimdienst auf dem T-Shirt der russischen Journalistin. Über Putin hat sie eine offene Bluse mit Leopardenprint gezogen. Sie lässt sich von Sirotkin gerade von seiner Trainingsfahrt durch das Autodrom von Sotschi erzählen, wo an diesem Sonntag (13 Uhr/ live in RTL, Sky und F.A.Z.-Liveticker). Sirotkin ist Testfahrer für das Sauber-Formel-1-Team, in seiner Heimat hat ihn sein Team am Freitag das erste Mal seit Monaten ans Steuer gelassen.

          Sirotkin wirkt vom Putin-T-Shirt weder beeindruckt noch irritiert. Die Journalisten aus dem Westen machen Fotos von der Russin. Putin auf Stickern, Tassen und T-Shirts. Putin käuflich, überall in Sotschi. T-Shirts gehen für 400 Rubel, etwa acht Euro. Putin als Matrose, Putin mit ernster Miene. Putin auf dem Pferd, oberkörperfrei, in die Innenstadt von Sotschi fotomontiert.

          Putin auf dem Pferd, oberkörperfrei, auf dem Olympiagelände. Putin mit Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew. Putin mit starkem Spruch, Putin ohne Spruch. Putin im Rennanzug, Putin im Rennauto. Kinder tragen sie, Männer, Frauen, Rentner. Und die Journalistin. „Wie gefällt Ihnen unser Autodrom?“, fragt die Russin einen Kollegen auf Deutsch.

          „Wir sind die falschen Adressaten für die Frage.“

          Franz Tost, Teamchef des Toro-Rosso-Teams, sitzt am Freitagnachmittag in der Pressekonferenz des Internationalen Automobilverbandes. Der Österreicher sagt: „Ich muss Putin und Bernie Ecclestone für das Rennen hier sehr danken. Früher oder später werden die Sanktionen aufgehoben. Russland ist ein Land für die Zukunft, deshalb ist es wichtig, dass wir hier sind.“

          Olympischer Restposten: Die Formel 1 findet im Schatten der Fackel statt

          Ein weißrussischer Journalist möchte wissen, warum und welche westlichen Massenmedien ein so schlechtes Bild von Russland zeichnen. Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci sagt: „Wir sind die falschen Adressaten für die Frage. Es ist nicht unsere Aufgabe, darauf zu antworten. Wir sind in einem schwierigen Moment hier und versuchen, ein vernünftiges Rennen zu veranstalten. Welches Bild die Medien zeichnen, könnte mir nicht gleichgültiger sein.“ Am vergangenen Wochenende ist der Formel-1-Pilot Jules Bianchi in Japan schwer verunglückt.

          Auf den Baustellen gähnende Leere

          Oberhalb von Krasnaja Poljana planieren Bagger und Raupen noch mehr Skipisten für die Wintersaison. Unten im Ort stehen sehr große Hotels sehr leer, werden immer noch dieselben Einkaufszentren versprochen wie vor acht Monaten bei Olympia. „Opening soon“, bald geht es los. Es ist Herbst, und hier ist nichts losgegangen. Die Baustelle vor dem „Gorki Plaza East“ ist menschenleer und verlassen an diesem Mittwoch, bevor die Formel 1 in Sotschi startet. Als könnten sich Bauplaner nicht entscheiden, ob sie hier etwas auf- oder abbauen sollen. Bauarbeiter sind nicht zu sehen.

          Der Wind zerrt ein bisschen an den Plastikplanen. Pistenpläne an der Talstation derGondel versprechen Lifte und Abfahrten, die noch nicht in den Bergwald geschlagen sind. Die Gondel steht, nach einer halben Stunde läuft sie wieder. Ein paar Mountainbiker stürzen sich einen Downhill-Trail hinab, zwei Dutzend Rentner lassen sich auf die 2200 Meter hohe Bergstation gondeln und schießen Bilder vom Tal und vom Kaukasus. Ein Rentner trägt ein T-Shirt von Putin, dem Matrosen. Der Ausblick ist atemraubend, der Herbstwald leuchtet. Durch das Tal schlängelt sich ein graubraunes Band leerer Hotels an einer wenig befahrenen Straße. Ihr Bau und der der parallel verlaufenden Bahntrasse hatten 6,8 Milliarden Euro gekostet.

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