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: David Coulthard findet den Weg durch das Chaos

Erster Sieger: David Coulthard Bild: dpa

Das ist die Ironie des Zufalls: Nach wochenlangen Diskussionen und Streitereien um das neue Reglement, trotz wissenschaftlicher Hochrechnungen, wie aus den Ferrari-Demonstrationen wieder Autorennen werden könnten, stellte Mutter Natur das High-Tech-Ereignis auf den Kopf: Mit einem kleinen Regenguß zur rechten Zeit.

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          Das ist die Ironie des Zufalls: Nach wochenlangen Diskussionen und Streitereien um das neue Reglement der Formel 1, trotz der wissenschaftlichen Hochrechnungen und messerscharfen Analysen, wie aus den Ferrari-Demonstrationen wieder Autorennen werden könnten, stellte Mutter Natur das High-Tech-Ereignis down under auf den Kopf: Mit einem kleinen Regenguß zur rechten Zeit. So schlidderte Ferrari erstmals seit Juni 1999 auf feuchter Strecke aus dem Rampenlicht der ersten drei, so gehörte Michael Schumacher als Vierter zum ersten Mal seit dem 16. September 2001 in Monza nicht zum Kreis der besonders Geehrten, sondern gratulierte aus der Fußvolk-Perspektive dem Gewinner David Coulthard (McLaren-Mercedes), der Nummer zwei Juan-Pablo Montoya (BMW-Williams) und dem dritten auf dem Podium von Melbourne: Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes). Nicht nur nach seiner eigenen Einschätzung hätte er höchstpersönlich eigentlich auch wieder da oben stehen können, sogar auf dem obersten Treppchen. Aber das war eben der Reiz des Großen Preises von Australien: Sechs Führungswechsel, zahlreiche Überholmanöver, Fahrfehler, Dreher und kleinere Mißgeschicke, die beste Positionen und reichlich Punkte kosteten wie lange nicht mehr. Nach dieser Premiere 2003 wird mancher wieder auf die Formel 1 abfahren.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In London, so hieß es, habe sich Max Mosley, Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) und Vater der umstrittenen Regeländerungen, nach den ersten Runden genüßlich zurückgelehnt und das muntere Treiben mit wachsender Begeisterung verfolgt. Na, seht ihr! Dabei sah doch alles nach der nächsten Solotour von Ferrari aus. Und das auch noch im kaum modifizierten Gebrauchtwagen. Schumacher Sieger des Qualifikationstrainings im Ferrari F 2002, Schumacher als Erster in der Kurve vor seinem Teamkollegen Rubens Barrichello. Aber eben nicht als Erster wieder an der Box. Diese Entscheidung verhalf McLaren-Mercedes zum Erfolg. Räikkönen, als 15. des Trainings ohnehin weit hinten plaziert bei der Abfahrt, drehte schon nach der Einführungsrunde ab, ließ sich die Reifen von Michelin für trockenen Asphalt montieren, den Tank füllen und fuhr dem davonsausenden Feld aus der Boxengasse hinterher. Coulthard kam in der zweiten Runde, Montoya am Anfang gar nicht. Der Südamerikaner setzte von vornherein auf das Gutwetter-Modell von Michelin.

          "Nachher ist man immer schlauer", sagte Schumacher zu seiner Wahl: Bridgestones Regenreifen. Aber wahrscheinlich hatte er keine Alternative. "Die Trockenreifen hätten auf dem anfangs noch nassen Belag nicht funktioniert", erklärte Willy Rampf, der Technische Direktor von Sauber, den Zeitverlust bei seinen Fahrern Heinz-Harald Frentzen (Sechster) und Nick Heidfeld (ausgeschieden). Weil der Kurs aber schneller als erwartet abtrocknete, mußte Schumacher die Regenreifen auch noch vor seinem geplanten Boxenstopp (7. Runde) wechseln. So erging es den meisten Bridgestone-Piloten: drei statt nur zwei bremsender Aufenthalte vor der Garage. "Ein entscheidender Unterschied heute", sagte Montoya, "waren die Reifen." Neben der Laune der Natur und den kleinen technischen Unterschieden kam mit zunehmender Renndauer auch der Mensch verstärkt ins Spiel. Rubens Barrichello hatte in der fünften Runde Form und Fassung seines Ferrari beim Aufschlag gegen die Leitplanke verloren und eine Safety-car-Phase ausgelöst, die nach dem Pannenpech des Jaguar-Piloten Mark Webber wiederholt werden mußte. "Das war doch ein chaotisches Rennen mit den Wetterumständen, den Safety-car-Phasen, die man nicht richtig nutzen konnte", schilderte Schumacher die Achterbahnfahrt: führen, zurückfallen, wieder führen, wieder zurückfallen: "Ich bin zwar ein bißchen enttäuscht, aber wir haben auch gesehen, daß unser altes Auto stark genug ist."

          Zweifellos. Doch die Konkurrenz ist auf dem Sprung. Sonst hätte Kimi Räikkönen die Attacke des Weltmeisters mit seinem weiterentwickelten Jahreswagen, vor allem der Motor hat an Kraft gewonnen, nicht abwehren können. Rad an Rad schoben sich der Weltmeister von heute und dereinst sein möglicher Nachfolger durch die enge erste Kurve in der 37. Runde. Auf der Außenbahn suchte Schumacher den Finnen zu attackieren, leicht schien der Rheinländer im Vorteil. Beim Einlenken aber hielt der Finne stur seinen Kurs. "Er war ein bißchen schneller. Aber die Kurve war zu eng für zwei", sagte Räikkönen.

          Wenn er nicht so schnell gefahren wäre, hätte es sogar zum ersten Grand-Prix-Sieg gereicht. Doch bei der Fahrt in der Boxengasse überschritt er - wegen eines technischen Defektes - das Tempolimit um 1,1 Kilometer pro Stunde. Zur Strafe mußte der Sünder noch mal kommen. Schumacher wußte die Gunst der Stunde diesmal nicht zu nutzen. Der Weltmeister ritt nach Montoyas Boxenstopp als Führender über die Randsteine (44.), daß die Fetzen flogen. Die Windleitbleche hinter den Vorderreifen lösten und verklemmten sich unter dem Renner. Weil sie dies als Gefahr für den Fahrer und andere erkannte, befahl die Rennleitung Ferraris Chefpiloten eine Zwangsreparatur. "Die Windleitbleche allein haben mich nicht den Sieg gekostet. Ich mußte sowieso noch einmal zum Tanken rein. Es waren die Umstände, die Reifen, die Taktik. Man kann nicht immer perfekt sein."

          Das hat sich Montoya auch gesagt. Wie der Überraschungssieger sah er zehn Runden vor Schluß aus, den ersten Formel-1-Sieg seiner Karriere vor Augen. Dann unterlief ihm dieser Lapsus: "Ich ging vor der ersten Kurve vom Gas, dann kam das Heck rum. Ganz klar, mein Fehler." Die Lücke füllte einer, der vom elften Startplatz losgefahren und in der zweiten Runde noch Letzter war. David Coulthard, der alte Fahrensmann von McLaren-Mercedes. Er gewann, weil er keinen Fehler machte. Auch nach dem Rennen nicht: "Lassen wir uns nicht täuschen: Wir haben noch viel zu tun, um so schnell zu werden wie Ferrari."

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