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Formel-1-Pilot Raikkönen : Das Comeback des alten Finnen

Wieder auf Trophäenjagd: Hier hät Kimi Raikkönen noch den Pokal für Rang zwei in Bahrein in Händen Bild: dpa

Kimi Räikkönen galt mal wieder als Auslaufmodell unter den Formel-1-Piloten. Doch plötzlich heißt es nicht nur bei Ferrari, er sei ein Siegfahrer. Wie ist das möglich?

          Er spricht tatsächlich. Und zwischendurch lächelt er sogar: „Wir halten zusammen im Team, und ich bin mir sicher, dass wir noch stärker werden“, sagt Kimi Räikkönen. Er ist kaum wiederzuerkennen: Durchtrainiert sieht er aus, fokussiert wirkt er, und doch hat er sich etwas von dieser Gleichgültigkeit bewahrt, die ihn in der Formel 1 zum Liebling der Fans und zum Albtraum der Medien hat werden lassen. Am Ende des Jahres läuft sein Vertrag bei Ferrari aus, doch der Rennstall könnte den Kontrakt per Option verlängern. Was Räikkönen davon halte? „Es gibt diese Option, ja. Aber das ist mir egal. Es liegt an mir und dem Team, einen guten Job zu machen.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beim Großen Preis von Spanien an diesem Sonntag in Barcelona (Start: 14 Uhr/ live bei RTL, Sky und F.A.Z.-Liveticker) gilt Ferrari abermals als der große Herausforderer vom Branchenprimus Mercedes. Und Räikkönen als Geheimtipp für den Sieg.

          Druck auf Hamilton

          Den Ingenieuren von Ferrari ist ein bemerkenswerter Entwicklungsschritt im Vergleich zur vergangenen Saison gelungen, der schlechtesten aus Sicht der Scuderia seit 21 Jahren. Das ist auch den Verantwortlichen von Mercedes nicht entgangenen. „Von Rennen zu Rennen sind sie stärker geworden“, sagt Toto Wolff, der Motorsportchef der Silberpfeile. Vier Rennen, vier Podiumsplätze, drei für Sebastian Vettel, einer für Räikkönen - das ist die Zwischenbilanz der Roten. Zuletzt in Bahrein rettete Lewis Hamilton bei seinem Sieg gerade einmal dreieinhalb Sekunden Vorsprung auf den Finnen ins Ziel, ein paar Runden mehr, und Räikkönen hätte noch eine Attacke setzen können.

          Nach dem Rennen stand sein Teamchef unter den Flutlichtanlagen im Fahrerlager und sagte: „Kimi is back!“ Maurizio Arrivabene hatte sein rotes Hemd ziemlich weit aufgeknöpft, er lächelte, sprach mit dieser Reibeisenstimme und schob hinterher: „Jetzt weiß jeder, dass wir zwei richtig schnelle Fahrer haben.“ Räikkönen ist inzwischen 35 Jahre alt, so alt wie kein anderer im Feld der Formel 1.

          Einige hatten ihn längst abgeschrieben, schließlich wirkte er nicht nur lustlos, sondern drohte zudem in der Mittelmäßigkeit zu verschwinden. Nur zu Platz zwölf reichte es für Räikkönen im vergangenen Jahr in der Gesamtwertung, zudem wurde er von seinem damaligen Teamkollegen Fernando Alonso deklassiert, der mehr als einhundert Punkte mehr sammelte. Und nun soll derselbe Mann auf einmal wieder ein Kandidat für Podien und vielleicht sogar Siege sein.

          Vettel hat Ferrari verändert

          Im vergangenen Jahr hatte Räikkönen wegen des schlechten Ferraris weit mehr als Alonso zu leiden. Der Finne benötigt für seinen Fahrstil viel Gefühl für die Reifen auf der Vorderachse, doch der rote Renner mit der Typennummer F14-T neigte zum Untersteuern. Räikkönen verlor das Vertrauen und damit seinen Speed. Doch schon bei den Testfahrten vor dieser Saison spürte er, dass das Nachfolgemodell SF15-T viel besser zu ihm passt, dass er damit Gas geben und zudem die Reifen schonen kann, dass der Kimi-Style damit wieder gefragt ist. Hinzu kommt ein Gefühl, das Räikkönen so beschreibt: „Ich habe noch nie eine solche Atmosphäre in einem Team erlebt, in diesem Jahr ist sie wirklich besonders.“

          In der Verfolgung: Noch fahren Vettel und Raikkönen in ihren Ferraris hinter Hamilton in seinem Mercedes

          Das neue Personal hat Ferrari verändert - und Räikkönen beschleunigt. Vettel sorgt für einen neuen Spirit in Maranello, er tritt den Mitarbeitern und seinem Teamkollegen weit offener entgegen, als es Alonso jemals getan hat in seinen fünf Jahren bei Ferrari. „Er ist ein normaler Typ, mit dem man gut zusammenarbeiten kann. Es gibt keine Politik. Wenn uns irgendetwas stört, können wir darüber reden und es aus der Welt räumen“, sagte Räikkönen zuletzt dem Fernsehsender CNN. Der zweite Faktor ist Arrivabene, der Rockstar unter den Teamchefs. Sein Credo: Wenn wir nicht gewinnen können, dann müssen wir die Leute zumindest unterhalten, sie mitreißen, die Sympathien der Fans gewinnen. Räikkönen sagt: „Maurizio ist genau der Typ, den Ferrari gebraucht hat.“

          Raikkönen hat es selbst in der Hand

          Zum Europa-Auftakt der Serie bringen alle Teams erstmals in dieser Saison viele ihrer Neuentwicklungen an die Strecke. Es ist damit so etwas wie das Rennen der Wahrheit: Kann Ferrari das Tempo in der Fabrik hochhalten und den Abstand auf Mercedes weiter reduzieren? Im Vergleich zur vergangenen Saison haben sie rund eine Sekunde aufgeholt. Allein der neue Motor soll rund 45 PS mehr an Leistung bringen.

          Bei Räikkönen probiert es Arrivabene zudem mit einer Art Extramotivation. Schon in Bahrein sagte er: „Kimi ist am schnellsten, wenn er Druck spürt.“ Als Nachfolger wird schon über den derzeitigen Williams-Fahrer Valtteri Bottas spekuliert. „Gerade liegt zwischen uns ein weißes Blatt Papier, und ich habe den Stift in der Hand. Mal hebe ich ihn hoch, mal lege ich ihn wieder hin. Das treibt ihn an“, sagt Arrivabene. Mit anderen Worten: Räikkönen hat seine Zukunft selbst in der Hand.

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