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Crashtest – Formel-1-Kolumne : Parade um die Olympia-Klunker

2010 unterschrieb Formel-1-Macher Bernie Ecclestone den Vertrag für das Rennen in Russland (im Hintergrund Wladimir Putin). Bild: dpa

In Sotschi steht die schnellste Parade an, die Russland an einem 1. Mai je gesehen. Vor dem Rennen erfüllt die Formel 1 den Gastgebern um Wladimir Putin aber nur einen von zwei Wünschen.

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          Hello again. Beziehungsweise: Schon wieder priwjet. Der Große Preis von Russland steht der Formel 1 ins Haus, und schon sind überall alte Bekannte zu sehen. Ist noch gar nicht lange her, dass Lewis Hamilton in Sotschi den Siegerpokal von Wladimir Putin in die Hände gedrückt bekam. Seither sind erst sechs Monate vergangen, aber die russischen Veranstalter, deren jährliche Überweisung von deutlich über 30 Millionen Euro mehr Geld bringt als die meisten der anderen 20 Grand-Prix-Ausrichter, hatten seit der Premiere ihres Rennens 2014 zwei Wünsche: Ein Rennen im Frühjahr – und am besten bei Nacht. 2016 bekamen sie einen Wunsch erfüllt, das Rennen wurde ins Frühjahr verlegt.

          Der Wunsch nach weniger natürlichem Licht hat sich bislang nicht erfüllt, dabei würden des Nachts die olympischen Protz- und Prachtbauten bei Nacht funkeln. Bei Tageslicht dagegen fiel bislang auf, dass der Kurs größtenteils in die nicht eben unterdimensionierten Beton-Freiflächen des Olympiageländes von 2014 gesetzt ist.

          Vor allem aus der Hubschrauberperspektive wirkte der Große Preis von Russland bislang wie ein Autorennen über die Parkflächen westeuropäischer Bau- und Möbelmärkte – die bei Nacht aber im Leben nicht so schön funkeln können wie die Sportstättenklunker, die sich der starke Mann im Kreml an den Strand von Sotschi hat setzen lassen. Oder wann waren Sie zuletzt nachts im Gewerbegebiet, um sich die LED-Beleuchtung des Gartencenters anzuschauen? Eben.

          Zurück zum Rennen. Das läutet nun immerhin gewissermaßen die Badesaison am Schwarzen Meer ein. Lewis Hamilton müsste das eigentlich gefallen. Nach dem ersten Rennen vor 18 Monaten hatte er vom Siegerpodest seine Erwägung verkündet, hier nun häufiger Urlaub machen zu wollen. Allein: Wäre doch mehr Zeit für Müßiggang. 36 Punkte Rückstand hat der Weltmeister nach den ersten drei Rennen der Saison auf Teamkollege Nico Rosberg, da bleibt keine Zeit fürs Planschen in der Imeritinskaja-Bucht. Da kann auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff noch so oft loben, der Engländer gehe mit der Situation wie ein „wahrer Champion“ um – die Lage ist heikel. Hamiltons Siegesserie in Sotschi sollte schon halten, jene von Rosberg, seit sechs Rennen ist der Deutsche ungeschlagen, endlich reißen, ansonsten heißt es Hochspannung statt Entspannung für Hamilton bis Saisonende.

          Sergej Sirotkin war eine große Hoffnung

          Aber noch ist der Rennsonntag (Start 14.00 Uhr MESZ / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) fern, vor uns liegen Qualifying (für nervöse Gemüter die beruhigende Nachricht: nein, das Reglement wurde kein weiteres Mal geändert) und zunächst die freien Trainingsläufe. Und da darf schon am Freitag Sergej Sirotkin wieder einmal ins Lenkrad greifen. Sergej wer? Nun ja, der junge Mann war einmal die große Hoffnung. Nicht gleich der ganzen Formel 1, aber des Sauber-Rennstalls. Und auch nicht eben in sportlicher Hinsicht, sondern eher auf finanziellem Feld. Eine russische Investorenschar hatte einst versprochen, den klammen Schweizern weiterzuhelfen, würde nur Nachwuchsfahrer Sirotkin eine Chance am Volant bekommen.

          Doch das Geld floss nie, jedenfalls nie reichlich genug, und so blieb es für Sirotkin bei einer Testfahrt – und einem Freitagsausflug im Sauber, damals beim ersten Russland-Grand Prix in Sotschi 2014. Nun aber kehrt Sirotkin in die Formel 1 zurück, am Freitag darf er das erste Training für Renault bestreiten. Es steht sportlich für Renault nicht eben gut, aber finanziell doch um einiges besser als für den nach wie vor klammen Sauber-Rennstall.

          Stilecht in Sotschi: Lewis Hamilton freut sich über den Sieg im Oktober 2015.

          Auf Sirotkins Gönner ist das Werksteam primär nicht angewiesen, und der Russe hat in der Zwischenzeit in der Nachwuchsserie GP2 gezeigt, dass er womöglich einen ernsthaften Test auf Herz und Nieren in der Formel 1 verdient hat. Die vergangene GP-2-Saison beschloss Sirotkin als Dritter, neben mehreren Podestplätzen siegte er in Silverstone. Deutlich geschlagen zwar vom Belgier Stoffel Vandoorne und dem Amerikaner Alex Rossi, aber immerhin ließ Sirotkin den Indonesier Rio Haryanto hinter sich, der es in diesem Jahr zu einer dauerhaften Anstellung neben – oder besser: hinter – Pascal Wehrlein im Manor-Team geschafft hat.

          Der 20 Jahre alte Sirotkin fährt nun in der GP2 für das stärkste Team der letzten Jahre und hat es bei Renault zum Development Driver, dem Entwicklungsfahrer, gebracht. Häufig genug verbirgt sich hinter der Jobbeschreibung allerdings ein Euphemismus und die Entwicklung der jungen Männer zu gestandenen Formel-1-Piloten endet, bevor sie so richtig begonnen hat. Allzu langsam sollte sich Sirotkin am Freitag also nicht um den Olympiapark bewegen – schon gar nicht im Vergleich zum Teamkollegen.

          Das Wort „Parade“ ist mit Bedacht gewählt

          Am Sonntag, wenn die schnellste Parade der Werktätigen ansteht, die Russland an einem ersten Mai je gesehen hat, wird Sirotkin schon wieder in Vergessenheit geraten sein. Die russischen Zuschauer werden auf Daniil Kwjat achten, nicht zuletzt, weil er jüngst in China Dritter geworden war im Red Bull und dabei Sebastian Vettel im Ferrari schon so arg auf den Pelz gerückt war, dass der Deutsche rot sah, obwohl er auf den blauen Rennwagen seines Gegners blickte. Kwjat schickt sich an, eines nicht allzu fernen Tages der erste russische Siegfahrer in der Formel 1 zu werden.

          Für den Moment aber ist ihm wie jedem anderen angeraten, sich in Sotschi beim Start, vor und in der ersten Kurve, eine günstige Ausgangsposition zu suchen. Denn erster Mai hin oder her, die Erfahrung der beiden bisherigen Rennen über den Olympia-Park des Wladimir Putin lehrt: das Wort von der Parade ist mit Bedacht gewählt.

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