https://www.faz.net/-gu4-8ans3

Crashtest – Formel-1-Kolumne : Die Quelle aller Stories

Ron Dennis war schon immer ein harter Hund Bild: Picture-Alliance

Er lästert über Fahrer, beleidigt Journalisten und hat Wutanfälle: In all den Jahren des Wandels in der Formel 1 ist Ron Dennis immer ganz der Alte geblieben. Doch eines schmerzt ihn ganz besonders.

          2 Min.

          Endlich eine gute Nachricht. Ron Dennis ist noch ganz der Alte. Schneidig, dozierend, über den Irdischen schwebend, der einstige und vielleicht auch zukünftige Erfolgsmanager von McLaren. Siege am laufenden Band, Weltmeisterschaften, Aufstieg vom Mechaniker über den Teamchef zum Vorstandsvorsitzenden: Alles „State oft the Art“, bis zum Marmorboden in der Box. Sie erinnern sich an seinen Wutanfall, als Bernie Ecclestone seinerzeit die Boxenzuteilung an die Teams zum Scherz verschieben ließ, um einen anderen Rennstall in den Genuss des feinen Belags kommen zu lassen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Und Sie haben auch die staatsmännischen Auftritte von Dennis nicht vergessen: „Wir machen Geschichte, sie schreiben drüber“, mahnte der Brite 1994 Journalisten, die Reihenfolge zu wahren, weil er sehr konkret nach einem Geheim-Besuch bei Mercedes gefragt worden war, dem dann kommenden Motoren-Lieferanten für die nächsten zwanzig Jahre. Die Antwort war zwar nicht besonders klug. Und die schnippische Anmerkung in Richtung einer hartnäckigen Reporterin, er frage sie ja auch nicht, mit wem sie die vergangene Nacht verbracht habe: „Inappropriate“, wie Dennis gerne bei unangenehmen Nachfragen mit spitzem Mündchen zu antworten pflegt: also „unangemessen“.

          „Er sprengt nun einige Ketten“

          Aber im Kern hat der Commander of the British Empire, der so gerne Sir geworden wäre, doch Recht. Er ist die Quelle der Stories, die andere aufschreiben. Etwa diese: „Wäre er noch bei McLaren, dann würde er sich nicht so verhalten, denn das hätten wir ihm nicht erlaubt. Er sprengt nun einige Ketten, die er loswerden wollte."

          Er? Das ist Lewis Hamilton, das einstige Ziehkind von Dennis. Schwer mit Ketten behängt, ein Freund der Rapper-Szene, ein Weltenwanderer, wenn man dass angesichts des Privatjets so schreiben darf. Heute Silverstone, morgen San Francisco, in sechs Tagen um die Welt. Und sonntags sofort am rechten Ort. Nämlich ganz vorne, dort, wo Dennis immer sein wollte, oft war, aber inzwischen nicht mehr ist. Sondern weiter weg als je zuvor.

          Schwere Ketten um den Hals: Lewis Hamilton liebt das leichte Leben

          Nun verhält sich sein Star-Fahrer Fernando Alonso so, wie ihm dass Dennis eigentlich nicht erlauben darf. Sarkastisch scherzend über die Langsamkeit seines McLaren bei voller Fahrt und offenem Mikrophon. Ein Sakrileg. Die Zeiten haben sich auch bei McLaren geändert. Nur Dennis scheint geblieben, was er war. Ein unbestechlicher Erklärer. Der gerne nickt zum Abschluss seiner Vorträge, zustimmend – sich selbst. Man hatte dabei nie den Eindruck, dass er der mit psychologischem Feingefühl im harten Business beim Umgang mit Fahrern oder Kollegen vorging: „Der Zweite ist der erste Verlierer.“  Als Freund soziologischer Betrachtung beim Blick auf Formel-1-Phänomene trat er auch selten in Erscheinung.

          Aber in diesem Punkt ist Dennis vorangekommen. Vielleicht ändert das Alter doch die Perspektive. „Top-Sportler sind deswegen so großartig“, sagt Dennis, „weil sie so viele Opfer bringen. Und manchmal passiert das in einer prägenden Phase ihrer Kindheit, weshalb sie sich auf sozialer Ebene, oder in ihrem Verhalten nicht immer so entwickeln, wie man es gerne hätte.“ Punkt. Was er damit meint? Hamilton hat in seinem Drang, sich von den Fesseln der Bevormundung – auch unter Dennis – zu befreien, mit Tattoos verzieren lassen und allerlei unkonventionelle Dinge getan.

          Das passt nicht in das Weltbild eines Teamchefs, der Fahrern wie Kimi Räikkönen schlechte Manieren mit Entschuldigungsschreiben an düpierte Sponsoren austreiben wollte. Übrigens vergeblich. Ein geschulter Psychologe würde vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass Hamiltons Befreiung eine Flucht vorausging. Weg von McLaren, weg von Dennis in eine etwas freiere Welt. Was dabei rausgekommen ist? Ein Hamilton, der bei Mercedes auf eigenen Füßen steht, zwei WM-Titel in zwei Jahren gewann und für McLaren empfindet, was Dennis am meisten schmerzt: ehrliches Mitleid.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.