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Crashtest – Formel-1-Kolumne : Vergiftetes Angebot oder Querfinanzierung?

Die Rücklichter von Red Bull sehen die schnellsten Fahrer der Formel 1 derzeit selten Bild: dpa

Ohne Flügel: Red Bull hat in der Formel 1 ein Antriebsproblem. Auf der Suche nach einem neuen Triebwerk gibt es zwei Optionen - allerdings mit kleinen Haken.

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          In São Paulo haben sie einen Weg gefunden, Mercedes endlich einzubremsen. Seit 6. November gilt Tempo 50 im Stadtgebiet der größten Agglomeration Lateinamerikas. Da fluchen die Taxifahrer, wenn sie mal nicht im Stau stehen, aber wer weiß: Vielleicht ist das ja der Weg, endlich mal einem anderen Team zu einem Formel-1-Sieg zu verhelfen am Sonntag beim Großen Preis von Brasilien auf dem Autodromo Carlos Pace - Red Bull, zum Beispiel. Kleine Raterunde gefällig? Wann gelang der austro-englischen Kombination mit französischem Heckantrieb der letzte Sieg? 15 Monate ist es her, da siegte Daniel Ricciardo in den Ardennen beim Großen Preis von Belgien. Wer nun sagt, seither gab es nicht mehr als Pleiten, Pech und Pannen, erzählt nicht die ganze Wahrheit.

          Bereits zum Saisonstart im März in Australien, als der Renault-Motor im Heck von Daniil Kwjat schon auf dem Weg in die Startaufstellung verendete, war klar, dass in dieser Saison schon viele günstige Umstände würden zusammen kommen müssen, um etwas erleben zu können, was nach dem Selbstverständnis des viermaligen Weltmeister-Rennstalls unter die eigene Definition des Wortes Erfolg subsumiert werden könnte - auf die glückliche Fügung wird weiter gewartet. Also ergingen sich die Verantwortlichen in Milton Keynes, in Fuschl am See, aber auch aus Renaults Motorenabteilung Viry-Châtillon in für Außenstehende durchaus unterhaltsamen gegenseitigen Vorwürfen.

          Selbst als in Ungarn Kwjat Zweiter, Ricciardo Dritter und Max Verstappen im Toro Rosso mit Renault-Vortrieb Vierter wurden, kommentierte Red Bulls Motorsportdirektor Helmut Marko: „Man hat gesehen, wenn das Streckenlayout einer Rennstrecke mehr ähnelt als einer Beschleunigungsstrecke, dann sind wir wieder dabei.“

          Hieß gar nicht so frei übersetzt: Auf Strecken wie dem Hungaroring, auf dem die nach wie vor überaus geniale Arbeit unserer Aerodynamik-Abteilung voll zum Tragen kommt, können wir sogar mit dem schwachbrüstigen Motörchen, das uns die Franzosen immer noch vorsetzen, aufs Podium fahren. Und es war ja was dran: Bald darauf wurde Ricciardo in Spa als bester Renault-Kunde Sechster, auf der High-Speed-Strecke in Monza gar nur Achter. Durchaus folgerichtig, dass Red Bull den für die kommende Saison vereinbarten Vertrag schon vor Monaten kündigte - immer vorausgesetzt, einen besseren Partner zu finden.

          Veraltetes Triebwerk im Angebot

          Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz soll davon ausgegangen sein, 2016 einen Mercedes-Motor zu bekommen. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat. Einer Zusammenarbeit mit Honda schob Ron Dennis, der McLaren-Boss, mit Verweis auf seine Exklusivklausel einen Riegel vor. Und nachdem auch Ferrari beim Gedanken an die Vorstellung, ein Kundenteam könnte der eigenen Scuderia womöglich davonfahren, wenn es die Potenza aus Maranello im Heck hat, ein klares No nach Milton Keynes schickte, drohte Dietrich Mateschitz mit dem Ausstieg aus der Formel 1. Nicht ohne der Konkurrenz aus der Emilia Romagna und aus Schwaben mangelnden Sportsgeist vorzuwerfen, versteht sich.

          Red-Bull-Eigner Mateschitz muss nachdenken

          Nun aber, vor dem vorletzten Rennen der Saison, droht er nicht mehr ganz so laut, denn Mateschitz muss nachdenken. Plötzlich, just nachdem der Dosenmäzen „drei Wochen draufgelegt“ hatte, ein Triebwerk zu finden, haben sich zwei Optionen aufgetan: Fiat- und Ferrari-Chef Sergio Marchionne bot Anfang der Woche an, Red Bull für 2016 einen Motor aus dieser Saison, mithin ein veraltetes Triebwerk, zur Verfügung zu stellen, an dem die Red-Bull-Ingenieure fortan selbst herumbasteln mögen.

          Bei Ferrari müssen sie derzeit ein wenig Gutwetter machen, denn das jüngste Veto beim nächsten Versuch, die Kosten bei der Motorenentwicklung zu deckeln, kam weder bei Bernie Ecclestone noch beim Internationalen Automobilverband Fia gut an. Dabei ist deren Präsident Jean Todt - Ferraris Teamchef in den goldenen Schumacher-Jahren. Also gibt es nun ein einigermaßen vergiftetes Angebot von Marchionne an Mateschitz, aber nach Lage der Dinge ist das besser als gar keines.

          Eine Traumwelt

          Trotzdem erscheint in den Tagen vor dem Großen Preis von Brasilien eine noch spektakulärere Volte wahrscheinlicher: Weiter mit Renault - für ein Jahr wenigstens, bis ein Alternativmotor zu den Aggregaten der Werksteams entwickelt ist. Das britische Fachblatt „Autosport“ berichtet, die Verträge seien ausformuliert, allein die Unterschriften fehlten noch. „Pas de problème“, sagen demnach die Franzosen, die vor der Übernahme des Lotus-Rennstalls stehen und in der kommenden Saison wieder als Werksteam an den Start gehen dürften. Allerdings, ein kleines Problem gibt es doch noch: Angesichts der Kränkungen, die man durch Red Bull im Laufe des Jahres erleiden musste, würde die Zusammenarbeit künftig etwas teurer werden. Vergeben und vergessen kostet manchmal, gerade in der Formel 1, ein wenig mehr als Überwindung.

          Zumal, wenn sie Renaults Sportabteilung willkommene Nebeneffekte bringt. Denn mit den Mehreinnahmen ließe sich Vorstandschef Carlos Ghosn gewiss leichter überzeugen, die Lotus-Übernahme endgültig abzusegnen. Immerhin bekäme Red Bull ein aktuelles Triebwerk, aber wie man es dreht und wendet, es bliebe dabei: Nach einem Jahr voller Pleiten, Pech und Pannen würde Red Bull seinem herzhaft verwünschten Motorenpartner die Rückkehr als Werksteam querfinanzieren. Dietrich Mateschitz überlegt noch. Daniel Ricciardo, sein bislang letzter Siegpilot, damals in Spa, sagte am Donnerstag in São Paulo, er habe über die Motorenauswahl für das kommende Jahr nachgedacht. „Wenn es wird wie dieses, wäre es schön, einen Mercedes im Rücken zu haben.“ So gesehen bleibt die Formel 1 für Red Bull eine Traumwelt.

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