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Crashtest – Formel-1-Kolumne : Vollbremsung für den Auto-Piloten

  • -Aktualisiert am

Auch Lewis Hamilton wird in der neuen Saison im Wagen mehr auf sich alleine gestellt sein. Bild: AP

Die Formel 1 macht einen Rückschritt – um interessanter zu werden. Fahrhilfen aus der Box sind nun bei Strafe verboten! Das ist zwar kein Fortschritt für die Menschheit – aber ein kleiner für die Formel 1.

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          Die Formel 1 macht einen Rückschritt – um interessanter zu werden. Während die Auto-Industrie mit Verve Selbstfahrerstudien betreibt, damit der moderne Autobesitzer bei voller Fahrt Zeitung (als E-Paper selbstredend) lesen, Karten spielen, Nägel feilen oder Büroarbeiten erledigen kann, wird der Formel-1-Fahrer wieder abgekoppelt vom Netzwerk.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Fernsteuerung von der Box ist von der neuen Saison noch weiter eingeschränkt worden. So will es das Reglement. Und der Internationale Automobil-Verband schwört Stein auf Bein, dass er scharf kontrollieren werde. Jedes Wort im Funkverkehr, jede versteckte Geste, jedes geheime Signal: Fahrhilfen, Informationen über den Gegner, Strategie-Erklärungen – alles bei Strafe verboten!

          Wie passt das zusammen mit dem Anspruch der Konzerne, ihr über die Jahre milliardenschweres Formel-1-Engagement mit der Erprobung und Entwicklung modernster Technik zu rechtfertigen? Angeblich bewegte nur der Einsatz der komplexen Hybrid-Motoren die Daimler AG, im Rennen zu bleiben, verlockte Honda zur Rückkehr und Renault nun zum Wiedereinstieg als Werksteam. Und jetzt dies: Eine Kampfansage an das Selbstfahrerprinzip, an den Computer als ersten Steuermann, an die Zukunft.

          Die Formel 1 ist entgegen mancher Behauptung ihrer Protagonisten also doch nicht das allererste Spielfeld der Hightech-Branche. Was jeder schon länger weiß, der mal unter die Kohlefaserhauben geschaut hat. Da steckt zwar manch Neues drin, aber längst nicht alles, was ein hundsgewöhnlicher Mittelklassewagen (ohne Aufpreis) bietet: Bremskraftverstärker, Niveauregulierung, Einzelradbremsung. Schon der Einbau halbautomatischer Getriebe verärgerte seinerzeit Niki Lauda. Statt seiner Nachfolger könnte man auch „Affen“ ins Cockpit setzen.

          Seitdem haben sich die Ansprüche an die Piloten enorm verändert. Inzwischen sind die physischen Belastungen zwar nicht mehr so hoch wie noch zu Schumachers Zeiten. In Monaco haben die Fahrer der Gegenwart nach 78 Runden in Monaco und tausenden Schaltvorgängen auch keine Blasen an den Händen – wie einst Lauda und Kollegen. Aber dafür werden sie mit Daten überschüttet. Im Training, in den Besprechungen mit den Ingenieuren, während der Rennen und nach den Grand Prix.

          Die Schnelligkeit auf der Piste hängt vom Tempo der Informationsverarbeitung im Oberstübchen ab. Abermillionen Informationen dienen einem Optimierungsprozess, der spannend ist – für die Beteiligten, aber langweilig für alle Zuschauer: Die Autos bleiben nicht mehr liegen, Fahrfehler und Abflüge werden immer seltener, Zufälle weitgehend ausgeschlossen. Der Erfolg ist unspektakulär.

          Eine Kehrtwende wird es nicht geben. Aber eine kleine Zäsur. In den nagelneuen Cockpits werden schriftliche Hinweise kleben, mahnende Erinnerungen, so wie sie sonst am Kühlschrank hängen: Essen im Backofen, nur zehn Minuten bei 250 Grad! Solche Spickzettel für etwas komplexere Zubereitungen auf dem Weg zum Grand-Prix-Genuss sind noch erlaubt. Aber der Auto-Pilot an der Box muss schweigen – selbst bei Fragen zur Strategie, wie lange die Reifen noch halten, was der Kollege macht, ob ein Boxenstopp eine Runde früher nicht sinnvoll wäre, mit welchem Fahrstil das Benzin erst nach dem Zielstricht zur Neige geht.

          Ja, es wird ein paar Automatisierungen geben. Der Formel-1-Ingenieur ist findig. Die Überlastung des Motors wird sich derselbe nicht gefallen lassen und einen Gang runterschalten. Aber den Rest muss der Mann im Cockpit erledigen: Er trägt mehr Verantwortung, muss sich auf sein Gefühl verlassen, alles im Blick haben. Die Fehlerrate wird steigen. Das ist kein Fortschritt für die Menschheit, aber vielleicht ein kleiner für die Formel 1.

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