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Crashtest – Formel-1-Kolumne : Was zählt, ist auf der Piste

Ein Bremslicht für die Formel 1? Nicht doch, die Faszination lebt. Bild: Picture-Alliance

Die Formel 1 wurde zuletzt oft abgeschrieben – nicht nur wegen der ständigen Regeländerungen. Doch das sind Nebengeräusche. Die Faszination an der Rennserie besteht nach wie vor.

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          Schon klar, Sie erwarten an dieser Stelle ein paar Worte über die Formel 1. Großer Preis von Italien in Monza, Rosberg gegen Hamilton, Verstappen gegen alle, Ferrari gegen die zu großen Erwartungen. Emozione grande! Aber lassen Sie uns mit dem Fußball beginnen, für den die Fan-Herzen zu schlagen scheinen wie für kaum etwas anderes in dieser Sportlandschaft. All den Skandalen zum Trotz. Fußball bleibt eben Fußball, heißt es dann. Wenn Sie sich da mal nicht täuschen. Denn wissen Sie eigentlich, wie viele Änderungen es vor der neuen Fußball-Saison im Regelbuch gegeben hat?

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie werden es nicht erraten und kaum glauben: 95! Ja, richtig gelesen, 95 Modifizierungen hat der Fußball-Weltverband Fifa beschlossen und damit die bisher größte Regeloffensive dieses Fußball-Jahrhunderts eingeleitet. Das Prinzip des Spiels bleibt freilich gleich: Weiterhin treten elf gegen elf an, und am Ende gewinnt jene Mannschaft mit den meisten Toren – also Bayern München.

          Wer aber nun beim Anlauf zum Elfmeter stoppt und dann weiterläuft, sieht die Gelbe Karte, und der Gegner bekommt einen Freistoß zugesprochen. Wer den Gegner im Strafraum foult, riskiert zwar immer noch einen Elfmeter, muss aber keine Rote Karte mehr bekommen. Und dann noch etwas Optisches: Die Unterhose der Spieler muss künftig die gleiche Farbe haben wie die Hose des Trikots. Mehr als 10.000 Wörter wurden aus dem Regelwerk gestrichen, so solle der Fußball den Schritt in die Moderne machen. Einen Aufschrei der Traditionalisten haben wir deshalb nicht vernommen. Aber warum eigentlich nicht? Warum scheint im Fußball normal zu sein, was in der Formel 1 einem Tabubruch gleichkommt?

          Selbst Chefvermarkter Bernie Ecclestone gefällt seine Formel 1 nicht immer.

          In der Königsklasse des Motorsports wird das Regelwerk Saison für Saison angepasst, und das Hauptargument dafür ist das gleiche wie im Fußball: Wer mit der Zeit Schritt halten will, der muss sich selbst verändern können. Im kommenden Jahr werden die Autos deshalb breiter, die Reifen bekommen mehr Auflagefläche, die Flügel werden flacher. Drei Sekunden oder mehr sollen die Boliden so schneller werden – und zudem deutlich aggressiver aussehen. Änderungen also, die ganz nach dem Geschmack der Fans sein dürften. Denn das neue Reglement ist auch eine Reaktion auf die Kritik in der Vergangenheit.

          Nehmen wir nur die letzte einschneidende Änderung des Technischen Reglements, die Einführung des Hybridantriebs mit Sechszylinder-Turbomotoren zur Saison 2014. Was war das für ein Aufschrei! Selbst Weltmeister Sebastian Vettel dachte auf einmal, er höre er nicht richtig, weil die neuen Triebwerke so viel leiser waren als ihre Vorgänger. Chefvermarkter Bernie Ecclestone behauptete immer wieder, er würde kein Geld mehr für Eintrittskarten in der Formel 1 ausgeben, die Fans schimpften und wünschten sich den alten Lärm zurück. Selbst die Experten und Kommentatoren des Fernsehens waren nicht mehr zufrieden mit dem, was sie da beurteilen sollten. Jeder, der seine Vernunft noch nicht verloren hatte, musste bei diesen Reaktionen allerdings die Hände voller Verzweiflung über dem Kopf zusammenschlagen.

          Zuletzt in Spa-Francorchamps waren die Tribünen voll.

          Denn wenn es nur der Lärm ist, der eine Sportveranstaltung für den Zuschauer zu einem gelungenen Event werden lässt, dann läuft etwas fundamental falsch. Regeln sind nicht mehr als ein Hilfsmittel für den Sport. Sie sollen Fairness und Verständnis garantieren und einen Rahmen bilden für das, was am Ende hoffentlich gute Unterhaltung ist – egal auf dem Rasen oder auf der Rennstrecke.

          Die Bundesliga muss das in dieser Saison erst noch beweisen, der Formel 1 hat es bereits getan. 75.000 Zuschauer kamen deshalb am vergangenen Wochenende nach Spa-Francorchamps – so viele wie seit sechszehn Jahren nicht mehr. Ähnlich viele werden an diesem Wochenende auch im Königlichen Park von Monza erwartet. Das zeigt eines: Die Faszination an der Formel 1 besteht nach wie vor. Dabei wurde die Serie zuletzt oft abgeschrieben – wegen der ständigen Regeländerungen, der Dominanz von Vettel und nun von Mercedes oder einfach nur deshalb, weil eine Ökowelle durch die Gesellschaft zu ziehen schien. All das ist nicht von der Hand zu weisen. Und doch sind es nur Nebengeräusche. Was zählt, ist auf dem Platz.

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