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Crashtest – Formel-1-Kolumne : War Bianchis Unfalltod vermeidbar?

  • -Aktualisiert am

Jules Bianchi verunglückte 2014 beim Formel-1-Rennen in Japan und verstarb Monate später. Bild: dpa

Ein Jahr nach dem Tod von Formel-1-Pilot Jules Bianchi ziehen seine Eltern vor Gericht. Ihnen gebührt Respekt vor diesem schweren Schritt. Denn sie ahnen wohl, was auf sie zukommt.

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          Wer kann das nicht verstehen? Die Eltern fordern eine vollständige Aufklärung fast ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes. Sie wollen sich nicht abfinden mit der Quintessenz des fast 400 Seiten starken Untersuchungsbericht zum fatalen Unfall von Jules Bianchi beim Großen Preis von Japan im Oktober 2014: Der Fahrer sei zu schnell gefahren, habe trotz der Warnhinweise nicht ausreichend abgebremst. Selbst Schuld also?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Familie ist nicht überzeugt von dieser Darstellung und verspricht sich mehr Transparenz von einer Auseinandersetzung vor Gericht. Sie hat den Internationalen Automobil-Verband Fia, die Formel-1-Gruppe mit Bernie Ecclestone als mächtigsten Mann und das Team ihres verstobenen Sohnes, Marussia, verklagt. Der Hauptvorwurf ist erschütternd: Der Unfall, so beteuerte der Rechtsanwalt der Familie, sei vermeidbar gewesen.

          Dieser Eindruck hatte sich schon damals aufgedrängt. Was hat ein Bergungsmobil unmittelbar neben der Piste zu suchen, wenn die Boliden noch kreisen? Der Radlader war zum Abtransport des Sauber von Adrian Sutil losgeschickt worden, der mit seinem Rennwagen auf regenasser Piste von der Strecke gerutscht war. Kurz darauf verlor Bianchi an gleicher Stelle die Kontrolle über seinen Marussia und rutschte unter das Räumfahrzeug. Dabei prallte er mit dem Helm gegen den Stahlkörper. Bianchi erlitt so schwere Kopfverletzungen, dass er ins Koma fiel und an den Folgen der Verletzung im vergangenen Juli starb ohne je das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

          Allein den Piloten für sein Schicksal verantwortlich zu machen erscheint zu simpel und typisch für Parteien, die als Organisatoren und Teilnehmer in einem Interessenkonflikt stecken. Selbst wenn Bianchi nicht angemessen auf das Schwenken der Gelben Flaggen als Signal für eine Drosselung des Tempos reagiert haben sollte.

          Die Eltern des Franzosen verklagen nun die Formel 1.

          In der Formel 1 ist seit den tödlichen Unfällen 1994 in Imola auf so vielen Gebieten so viel für die Sicherheit der Piloten getan worden, dass die Crash-Konstellation von Suzuka menschliches Versagen auch außerhalb des Cockpits suggeriert. Hat denn niemand jemals darüber nachgedacht, dass ein tonnenschweres Fahrzeug am Rande der Fahrbahn ein enormes Risiko darstellt, auch wenn die Rennwagen nur mit Tempo 150 vorbeirauschen?

          Anderorts, etwa in Monaco, werden wegen der Enge Kräne eingesetzt, um kaputte Boliden aus der Gefahrenzone zu heben. War diese Variante zu teuer? Dann hätte man das Rennen abbrechen und neustarten müssen nach dem Crash. So ungewöhnlich und unglücklich der Unfall auch war. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich dieses Szenario vorzustellen. Weil es ähnliche Vorfälle schon gab. Glücklicherweise schossen die Boliden an den rollenden Hindernissen vorbei.

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          Wahrscheinlich geht es den Eltern von Bianchi nicht nur um die Bergungsmethode. Nach wie vor nicht eindeutig geklärt ist die Frage, warum Bianchi mit einem Krankenwagen ins Hospital gebracht wurde und nicht mit dem Hubschrauber. Angeblich hätte der Helikopter wegen des Wetters nicht am Krankenhaus landen können. Belegt ist diese kolportierte Begründung nicht.

          Genauso wenig wie das Gerücht, wegen eines heranziehenden Taifuns, der viel Regen und Wind brachte, hätte der Grand Prix gar nicht gestartet oder im Verlauf abgebrochen werden müssen. Insofern kann eine öffentliche Auseinandersetzung hilfreich sein. Den Eltern gebührt Respekt vor diesem schweren Schritt. Sie ahnen wohl, was auf sie zukommt: Die Verklagten werden versuchen, ihren Sohn als allein verantwortlichen Raser hinzustellen. 

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