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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Zirkus der Ignoranten

Und sie fahren und fahren und fahren: Der Formel 1 sind die Bedingungen außerhalb der Strecke gleich Bild: dpa

Flugzeugabschüsse stören den Verkehr in den Boxengassen nicht: Die Osterweiterung der Formel 1 geht weiter dank der Harmonie zwischen den Autokraten Putin und Ecclestone.

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          Bernie Ecclestone hat sich schon mal festgelegt. „Wir fahren hundertprozentig in Sotschi. Wir mischen uns nicht in politische Angelegenheiten ein“, sagte der Dreiundachtzigjährige der Londoner Tageszeitung „Daily Mail“. Am 12. Oktober soll der erste Große Preis von Russland auf der Rennstrecke des Olympiageländes am Schwarzen Meer stattfinden. Wie war das noch mit Ecclestones Gespür für Diktatoren? Ja, richtig, Adolf Hitler habe „Dinge erledigt“ bekommen, das sei Anerkennung wert, hatte Ecclestone vor fünf Jahren erklärt – aber bitte schön, das möge niemand als politische Einmischung verstehen.

          Schließlich ließ Ecclestone auch die Motoren in Südafrika dröhnen, als die rassistische Apartheidsregierung vom Rest der Welt gemieden wurde. Gestreikt haben die Fahrer nur einmal, 1982, als sie neue Verträge unterschreiben sollten, die sie enger an die Teams gebunden hätten. Die politische Lage, ihr Auftritt als Teil der Belustigung der Weißen, war ihnen egal.

          Geändert hat sich an dieser Nicht-Haltung zu politischen Fragen jetzt, 30 Jahre später, nichts. Die Hand aufhalten und wegsehen, das ist ein Teil des Geschäftsprinzips der Formel 1, nicht nur in Russland. In Bahrein ist die Formel 1 nach einem Jahr Pause wieder gefahren, obwohl das sunnitische Herrscherhaus friedliche Demonstranten der schiitischen Mehrheit im Land hatte niederschießen lassen, obwohl Oppositionelle in den Gebäuden der Rennstrecke gefoltert worden waren – und die Menschenrechtsverstöße fortgesetzt wurden.

          Bernie ist noch überall gefahren

          2016 kreist die Formel 1 übrigens in Baku, Aserbaidschan. Auch dort sitzen Regierungsgegner in Folterkellern, berichtet „Amnesty International.“ In Sotschi werden Vettel und Kollegen auch fahren, in ein paar Wochen schon. Schließlich lässt sich Wladimir Putin die Sause geschätzt 50 Millionen Dollar im Jahr kosten. Putin ist im Sinne Ecclestones offenbar auch jemand, der Dinge erledigt bekommt. Die Annexion der Krim beispielsweise. Oder das Einkerkern seiner Gegner. Bernie Ecclestone schätzt ihn jedenfalls: „Mr. Putin hat uns enorm unterstützt und war sehr hilfreich, und wir werden das gleiche tun.“

          Dass allem Anschein nach pro-russische Separatisten drei Monate vor der Formel-1-Sause in Sotschi eine Verkehrsmaschine vom Himmel schossen und 298 Menschen starben, die von Amsterdam nach Asien fliegen wollten, scheint Ecclestone nicht mal nachdenklich zu stimmen. Die Forderung britischer Abgeordneter, das Rennen abzusagen, wird den Chefzyniker der Vollgasreisegruppe kaum beeindrucken. Bernie ist noch überall gefahren.

          Dass die Rennstrecke, wie das Gelände selbst, in einem früheren Naturschutzgebiet liegt, wirkt angesichts der Schrecken des Krieges um die Ostukraine beinahe vernachlässigenswert, aber eben nur beinahe. Der Mann, der für die Vollendung des Baus bis zum Rennen im Oktober verantwortlich ist, wird in der jüngsten Ausgabe des „Manager-Magazins“ so zitiert: Er sei in der Bredouille, manchmal für Länder zu arbeiten „die vielleicht nicht ganz in Ordnung“ seien, sagt Bauingenieur Hermann Tilke aus Aachen: „Persönlich ist mir das nicht egal.“ Aber Geschäft sei Geschäft: „Es ist wie es ist.“ Der Satz könnte auch über dem Eingang zum Fahrerlager stehen: Willkommen im Zirkus der Ignoranten.

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