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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Wir sind doch nicht auf der Autobahn!

Begeisternde Fahrt: Lewis Hamilton Bild: dapd

Felipe Massa? Sollte seine Zunge im Zaum halten. Lewis Hamilton? Wird für ein misslungenen Überholversuch bestraft. Ein Plädoyer für offene Worte und mutige Manöver.

          2 Min.

          Was wollen die Menschen eigentlich? Oder genauer gesagt jene Formel-1-Experten, die uns Rennen für Rennen erklären, was gut, was falsch, was angemessen und was unwürdig ist. Jetzt hacken manche auf Felipe Massa herum. Weil der Brasilianer es tatsächlich gewagt hatte, Lewis Hamilton während eines Live-Interviews nach dem Großen Preis von Singapur auf die Schulter zu klopfen und ihm sarkastisch zu danken.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Für den kleinen Auffahrunfall, bei dem der rechte Hinterreifen des Ferraris vom zersplitternden McLaren-Frontflügel aufgeschlitzt wurde. Massas Rennen war dahin. Aber darüber hätte er schweigen, seine Gefühle kontrollieren sollen, falls man die Kritiker jetzt ernst nimmt. Wo kommen wir denn hin, wenn einer ungeschminkt im Fernsehen sagt, was ihn bewegt? Das geht nicht.

          Denn Formel-1-Fahrer haben kontrolliert zu sein. Nur die vollständige Kontrolle garantiert Erfolg. Das stimmt zwar. Aber sind es nicht dieselben Experten, die sich über die Nebeneffekte der Perfektion ärgern, die sie ständig verlangen? Die permanente Geißelung der Spontaneität hat, kombiniert mit Sprachregelungen von Markteinabteilungen der Teams und Konzerne längst zu einer Selbstzensur geführt. Interviews transportieren in der Regel nur noch Selbstverständlichkeiten und Sponsorbotschaften.

          Schwer gezeichnet: Felipe Massas Ferrari nach Hamiltons Attacke Bilderstrecke
          Schwer gezeichnet: Felipe Massas Ferrari nach Hamiltons Attacke :

          Man könnte darüber hinweghören oder -lesen, schließlich sind die Formel-1-Piloten Rennfahrer und keine Rhetoriker. Ihre Rennen sollen spannende Geschichten erzählen. Daran hat es in dieser Saison bislang nicht gemangelt. Und trotzdem gibt es eine unübersehbare Parallele zur Domestizierung abseits der Strecke. Denn die jüngste Verkehrspolitik des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) muss jedem „Racer“ die Lust am Überholen verleiden. Hamilton ist am Sonntag nach der missglückten Attacke auf Massa zu einer Durchfahrtsstrafe verurteilt worden. Die Botschaft ist deutlich: Haltet Abstand, Freunde!

          Hamilton ist eine Attraktion

          Das Motto ist ehrenwert - auf der Autobahn. In der Formel 1 war es nach den tödlichen Unfällen in Imola 1994 auch zwingend notwendig, die Verdrängungspraxis bei Tempo 330 zu zügeln. Inzwischen aber greifen die immer schärferen Fia-Urteile den Lebensnerv der Formel 1 an. Ob Hamilton die pädagogische Absicht der Strafe für einen vergleichsweise harmlosen Fehler in Fleisch und Blut übergeht, mag man bezweifeln. Angreifen, attackieren, überholen sind Teil seines Charakters. Selbst wenn sein Fuß auf dem Gaspedal mitunter schneller zu sein scheint als die Schaltung im Oberstübchen: Gäbe es diesen Typ nicht, die Formel 1 wäre um eine Attraktion ärmer.

          Jeder hat das am Sonntag nach dem Fehler des Briten gesehen. Eine unterhaltsame, beeindruckende Tour von Rang 19 auf fünf begeisterte das Publikum in einem ansonsten eintönigen Grand Prix. Viele von Hamiltons Kollegen aber werden auf die rigide Verkehrspolitik reagieren und im Zweifel nüchterner kalkulieren, abwarten, vielleicht sogar bis ins Ziel hinterherfahren.

          Auf eine Saison gesehen kann eine defensivere Taktik zwar zum Erfolg führen. So wie die Sprachlosigkeit von Piloten auf kritische Fragen längst als kluge Strategie gilt. Kurzfristig aber wird es heftige Reaktionen geben, wenn ein Massa schweigt und ein Hamilton nicht überholt: Haben die Piloten von heute denn keinen Mumm mehr? Man hört sie schon, die Experten. Und kann nicht an einem Urteil vorbei: Sie wissen nicht, was sie wollen.

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