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Crashtest - Die Formel-1-Kolumne : Senna und die Erinnerung

Lebt in den Köpfen und Herzen vieler junger Rennfahrer weiter: Ayrton Senna Bild: dpa

Vor zwanzig Jahren starben in Imola Roland Ratzenberger und Ayrton Senna. Vor allem Sennas Tod habe zu einem Umdenken geführt, das vielen Kollegen das Leben gerettet habe, heißt es. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit.

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          Zwanzig Jahre nach dem Tod von Ayrton Senna erinnern sich die Formel-1-Fans gerne an den Brasilianer. Es scheint kaum jemanden zu geben, der nicht leuchtende Augen bekommt, wenn von der „Legende“ aus Sao Paulo gesprochen wird, von seiner Entwicklung vom Talent zum Chefpiloten, von seinen phantastischen Manövern etwa in der ersten Runde des Regenrennens von Donington 1993.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das ist ein gutes Zeichen: Wir erinnern uns vor allem an das Beste eines beeindruckenden Menschen und nicht zuerst an die Selbstjustiz im Zweikampf mit Alain Prost beim Saisonfinale 1990 oder an andere, typische Verdrängungsrituale auf der Piste im Leben eines Platzhirschen.

          In den Köpfen und Herzen von vielen jungen Rennfahrern ist Senna am 1. Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino in Imola nicht gestorben. Mit dem Abstand zu diesem schrecklichen Unfall scheinen wir allerdings auch die Distanz zu verlieren und einer Verklärung gerne Spielraum zu überlassen.

          Senna, sagte Max Mosley dieser Tage sinngemäß, habe vielen Kollegen das Leben gerettet. Weil sich eine konsequente Sicherheitspolitik erst mit dem tödlichen Unfall in der Tamburello-Kurve durchsetzen ließ. Wer, wenn nicht der damalige Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), der Sicherheitsapostel des Rennsports, wüsste das besser zu beurteilen?

          Und trotzdem ist es nicht die ganze Wahrheit. Die Geschichte des Renn-Wochenendes um den 1. Mai in der Emilia-Romagna begann mit einem fatalen Trugschluss. Weil Rubens Barrichello bei den Trainingsfahrten am Freitag einen fürchterlichen Crash mit einem Nasenbeinbruch überstand und abends ganz munter wieder im Fahrerlager auftauchte, sprach die Szene von der Unverwundbarkeit der Formel 1. Was kann uns noch passieren?

          Aufstieg zum Chefpiloten: Der junge Senna 1986 bei Lotus-Renault Bilderstrecke

          Einen halben Tag darauf brach Roland Ratzenberger im Qualifikationstraining beim Aufprall gegen die Betonmauer das Genick. Ein Debütant in dem Boliden der Bastelbude Simtek – das erschien den Protagonisten wie ein tragisches Einzelschicksal. Als dann am strahlend hellen Sonntag nach dem ersten Startunfall (mit schwerverletzten Zuschauern) auch der Chefpilot im Auto des Weltmeisterteams sein Leben verlor, gab es keine Ausflucht mehr: wenn es denn schon Senna traf, dann war jeder in Lebensgefahr.

          Der Tod als ständiger Begleiter: Das war viele Jahre lang so schrecklich wie anziehend zugleich. In welcher etablierten Sportart riskierten Athleten ihr Leben? Nur selten, etwa nach Niki Laudas Unfall auf dem Nürburgring 1976, setzen sich die Fahrer mit ihren Wünschen nach mehr Sicherheit durch. Diesmal schien es wieder so weit.

          Aber der erste Eindruck, Sennas Crash werde die Welt der Formel 1 sofort und radikal ändern, täuschte gewaltig. Erst der nächste Unfall, zwei Wochen später erlitt der Österreicher Karl Wendlinger so schwere Kopfverletzungen in Monaco, dass er 19 Tage im Koma lag, leitete die Wende ein.

          Machtkampf zwischen Briatore und Mosley

          Hinter den Kulissen tobte ein Kampf zwischen Mosley und manchen Teamchefs, allen voran Flavio Briatore von Michael Schumachers Rennstall Benetton. Sie lehnten eine Tempodrosselung radikal ab. Warum? Weil sie fürchteten, in der neuen Hackordnung - mit Benetton erstmals ganz vorne - ihre Position wieder zu verlieren.

          Briatore scheiterte bei seinem Versuch, Mosley abzusetzen. Für das Rennen in Barcelona wurden die Frontflügel gestutzt und eine provisorische Schikane auf die Piste gesetzt.

          Diese Entscheidungen bildeten den Anfang einer bis heute ungebrochen Sicherheitspolitik, die bislang alle Piloten nach der Ära Senna, von welcher Qualität und in welchen Autos auch immer, vor tödlichen Verletzungen bewahrte. Aber schon beim nächsten Grand Prix in Spanien kann es wieder passieren.

          Crashtest - Die Formel-1-Kolumne: Anno Hecker, Christoph Becker und Michael Wittershagen folgen in ihrer Kolumne dem schnellsten Kreisverkehr der Welt auf den Formel-1-Rennstrecken und abseits der Boxengassen.

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