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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : „Niki, du warst ein krasser Typ“

Niki Lauda alias Daniel Brühl im Kinofilm „Rush“ Bild: dpa

Der Kinofilm „Rush“ zeigt die frühere Formel 1 als Feld voll mit Egomanen und Todesmutigen, die in Kanonenkugeln auf Rädern steigen. Ist die Branche anno 2013 ein Haufen voller Langweiler?

          2 Min.

          Was, wenn beinahe an jedem Wochenende einer sterben kann? Wenn man den Rennanzug anzieht, den Helm aufzieht, ins Cockpit steigt und nicht weiß, ob und wie man es Stunden später wieder verlassen wird. Mit Knochenbrüchen, inneren Blutungen, Gehirnverletzungen, halb verbrannt oder tot.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer keine Vorstellung davon hat, wann er sich vom Leben verabschieden muss, der lebt schneller und intensiver. Der reist in der Gesellschaft halbnackter Frauen, hat Sex wann immer und wo immer es geht, raucht Hasch-Zigaretten und trinkt Hochprozentiges – anders war er nicht zu ertragen, der Wahnsinn der siebziger Jahre.

          Lehnen Sie sich also zurück, schnallen Sie sich an und tauchen ein in diese Welt. Zumindest für 91 Minuten. Denn „Rush“ bringt sie dorthin, lässt Niki Lauda und James Hunt auf der Kinoleinwand erscheinen und damit das, was Puristen des Sports noch heute als die wahre Formel 1 betrachten: Ein Feld voll mit Egomanen und Todesmutigen, die in Kanonenkugeln auf Rädern steigen und nicht wissen, wie diese am Limit reagieren.

          Die Branche anno 2013 – ein Haufen voller Langweiler? Von glattgebügelten Vollgas-Artisten, die ihre Boliden zwar im Grenzbereich beherrschen, die ansonsten so stromlinienförmig daher kommen, wie es ihre Arbeitgeber fordern?

          Kinopremiere : Daniel Brühl spielt Niki Lauda in „Rush“

          Beginnen wir mit dem Weltmeister. Niemand war in den vergangenen vier Jahren derart erfolgreich wie Sebastian Vettel. Und kaum ein Champion in der Geschichte der Formel 1 lieferte derart wenige Schlagzeilen, welche über die Randsteine der Asphaltpisten hinausgehen.

          Lange brachte Vettel nicht einmal seine Freundin mit an die Strecke, er wollte nicht, dass es gemeinsame Bilder der beiden geben könnte. Er wollte nicht in den Klatschspalten erscheinen, er wollte einfach nur seinen Job machen. Ein Musterknabe! Ein Lieblingsschwiegersohn! Einer, der nach seinen Erfolgen brav die Dose mit den Bullen in die Kameras hält. Ein Profi! Aber ganz sicher kein Draufgänger.

          Sebastian Vettel ist so erfolgreich - und liefert so wenige Geschichten
          Sebastian Vettel ist so erfolgreich - und liefert so wenige Geschichten : Bild: dpa

          Als Draufgänger gelten vielmehr Typen wie Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen. Der eine nennt seine Hundewelpen Coco und Roscoe, trägt gern Brillanten im Ohr und hat Freunde, die als Rapper ihr Geld verdienen. Der andere redet nicht gern und deshalb selten, feiert gern, trinkt viel, gilt als Einzelgänger und allein schon deshalb als Vollgas-Typ der Neuzeit.

          Wer noch bleibt? Fernando Alonso, der neuerdings viele Bücher über die japanische Kultur liest und Samurai-Weisheiten in die Welt hinaus verschickt. Oder Jenson Button, der gerne Triathlon macht, Radfahren, Laufen und Schwimmen, immerhin aber eine Modelfreundin mit an die Rennstrecken dieser Welt bringt. Es lebe das Klischee!

          Lewis Hamilton trägt immerhin gern Brillanten im Ohr
          Lewis Hamilton trägt immerhin gern Brillanten im Ohr : Bild: REUTERS

          Ob nun früher alles besser war? Manch einer jedenfalls reibt sich verwundert die Augen. Als Lewis Hamilton im Sommer am Nürburgring als einer der Ersten „Rush“ sehen durfte, zwickte er Lauda danach in die Hüfte und sagte: „Niki, ich kann nicht glauben, was für ein krasser Typ du gewesen bist!“ Einer, der es mit dem Tod aufnahm.

          Diesen muss heute eigentlich niemand mehr fürchten. Die Fahrer tragen feuerfeste Anzüge und Helme, die Rennwagen sind ausgerüstet mit den ausgetüftelsten Crash-Strukturen, die Rennstrecken besitzen Auslaufzonen so groß wie Fußballfelder. Die Formel 1 ist ein Hochsicherheitstrakt geworden, und das ist gut so.

          Doch ein Restrisiko bleibt. Und deshalb sollte niemand vergessen, dass die Branche ein Unterhaltungsbetrieb ist. Der schnellste Wanderzirkus der Welt. Und dass sie und ihre Protagonisten nicht als steriler Kreisverkehr daher kommen sollten, wenn sie um den Globus ziehen.

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