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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Die subtile Freude des heimlichen Siegers

Die mediale Welt frisiert die Szene: Nico Rosberg macht sich seinen Reim drauf Bild: DPA

Wer ist Michael Schumacher? Viermal hat Nico Rosberg den großen Star der Szene diese Saison bereits hinter sich gelassen. Der vermeintliche Co-Pilot gilt zunehmend als Nummer 1 bei den Silberpfeilen. Doch Vorsicht ist geboten.

          Ob man an Michael Schumacher nicht vorbeikommt? Doch, das ist im Moment leichter als erwartet. Jedenfalls auf der Strecke. Im Alltag hat der geneigte Formel-1-Fan schon größere Schwierigkeiten, den Rekordweltmeister zu übersehen. Solange die mediale Welt die Szene extrem frisiert. Denn mit Schumacher kann man nur in die Gänge kommen, wenn er triumphierend siegt oder kolossal scheitert. Ein durchschnittlicher PS-Held lässt sich nicht verkaufen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Welt ist ungerecht. Zumindest aus der Sicht von Nico Rosberg. Viermal hat er den Großmeister seit Beginn der Saison hinter sich gelassen. Viermal wurde Schumachers Malaise in epischer Breite international beschrieben, während der vermeintliche Co-Pilot mehr oder weniger unbeachtet Mercedes im Rennen hielt. Inzwischen aber bezeichnen selbst Experten Rosberg als die Nummer 1 bei den Silberpfeilen. Rein rechnerisch ist er das. Fünfzig WM-Punkte gegenüber Schumachers zehn und Rosbergs konstante Überlegenheit im Qualifikationstraining lassen wenig Spielraum für Interpretationen. Trotzdem hält sich der heimliche Sieger der Auftaktrunde in Übersee vornehm zurück. Warum? Weil Rosberg ahnt, dass Schumachers derzeitige Schwäche technischer Natur ist. Was, wenn der Rheinländer den Umgang mit den Reifen lernt?

          Rosberg macht weniger Fehler

          Es ist ein weiterer Beleg für seine Intelligenz, dass Rosberg die Genugtuung angesichts seines Erfolges in der Öffentlichkeit nicht einmal andeutet. Und wenn, dann allenfalls subtil. Neulich machte der gut 16 Jahre Jüngere dem Senior Mut. Der Etappensieg über den Rekordhalter auf der Suche nach Haftung ist aber letztlich nur ein Pluspunkt für Rosbergs Image. Unter den Ingenieuren weit über sein Team hinaus wird der Junior im Silberpfeil als heimlicher Gesamtsieger der ersten vier Grand Prix gehandelt. Denn wie kann es sein, dass einer im viertbesten Auto des Feldes an Platz zwei der Fahrerwertung steht, zehn Punkte hinter McLaren-Pilot und Weltmeister Jenson Button?

          Die Nummer 1 bei den Silberpfeilen: Nico Rosberg

          Die Antwort ist so simpel wie unspektakulär. Rosberg machte weniger Fehler. Eigentlich nur einen groben. Beim Rennen in Schanghai verlor er auf nasser Piste wegen eines Ausritts die Führung. Aber alle die anderen in ihren zweifellos schnelleren Boliden, ob Lewis Hamilton im McLaren, Ferrari-Star Fernando Alonso oder Sebastian Vettel (Red Bull) leisteten sich beim Übersee-Auftakt der Formel 1 taktische Fehlentscheidungen oder Fahrfehler.

          Aussicht auf den Posten des Chefpiloten

          Rosberg war nicht immer so fehlerfrei. In der Saison 2008 setzte er gute Startpositionen zu selten in entsprechende Resultate um. Mehrfach endeten glänzende Vorstellungen im Qualifikationstraining in einer ärgerlichen Kaltverformung des Williams an den Leitplanken: „Ich wollte wohl zuviel.“ Aber Rosbergs Steigerung in dieser Teildisziplin war schon 2009 unübersehbar. Bei Williams gelang ihm, was er mit Mercedes nun fortsetzt: Mit einem unterlegenen Auto Kollegen in schnelleren immer wieder hinter sich zu lassen. Das ist die höchste Kunst des Rennfahrens.

          Wer sie beherrscht, der kann einen ganzen Rennstall vom Druck der ungeheuren Erwartung befreien. Es ist also müßig über die Reaktionen eines Teams auf Rosbergs Mehrwertsteuer zu diskutieren. Die Chefetage wird zunehmend auf den Fahrer schauen, der sie am weitesten nach vorne bringt. Rosberg gefällt die Aussicht auf den Posten des Chefpiloten. Solange er aber die Rennwagen-Abstimmung seines Teamkollegen übernimmt, ist er an Schumacher noch nicht vorbei.

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