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Crashtest - Die Formel-1-Kolumne : Die Letzten werden die Letzten sein

Das Team HRT hat zwar keine Erfolgs-, aber immerhin eine Geschichte Bild: dapd

Die Formel-1-Piloten Vitantonio Liuzzi und Nairan Karthikeyan verbinden nicht nur schwierige Namen, sondern auch Jobs im schlechtesten Rennstall. Der HRT ist mit Abstand das langsamste Auto im Feld. Doch auch damit kann man Geschichte schreiben.

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          Letzter. Kein schönes Gefühl. Erst recht nicht, wenn es darauf ankommt. In der Formel 1 zum Beispiel. Den Letzten beißen in Bernie Ecclestones Fahrgeschäft zwar nicht unbedingt die Hunde, jedenfalls nicht, solange das Geschäft nicht in Istanbul Station macht. Dort lief vor drei Jahren, der Nachwuchs drehte gerade in der GP-2-Klasse seine Runden, dem Brasilianer Bruno Senna ein Streuner vor das linke Vorderrad. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Einmal, weil der Kurs Bernie Ecclestone gehört, er also für bissige und sonstig fehlbare Hunde haftet. Zum anderen, weil der Wildunfall für Senna eine Episode auf dem Weg nach oben blieb.

          Zwei Jahre später, 2010, heuerte er eine Klasse höher beim Hispania Racing Team an - in der Hoffnung, beim Neuling die Erwartungen zu erfüllen, die mit seinem Nachnamen und der Erinnerung an Onkel Ayrton verbunden wurden. Das gelang nicht. Der Weg führte nun eher wieder abwärts. Denn Neffe Bruno machte ganz eigene Erfahrung mit dem letzten Platz. In Hockenheim kam Senna als 19. ins Ziel, nach ihm aber niemand mehr.

          Das ist aber auch bemerkenswert, weil Senna in seiner bisher einzigen Saison neunmal gewertet wurde und der HRT das eindeutig langsamste Auto des Starterfelds im vergangenen Jahr war - Senna also achtmal schneller war als die Teamkollegen Chandhok, Klien und Yamamoto. Schneller, aber nicht schnell genug. Also wurde Senna - Gruppenschicksal bei HRT - ersetzt.

          Narain Karthikeyan macht mächtig Dampf: nur kommt er nicht voran damit

          Karthikeyan kam immerhin schon mal auf Platz vier ins Ziel

          In dieser Saison nun geben dort der Italiener Vitantonio Liuzzi, vormals Adrian Sutils Teamkollege bei Force India, und Narain Karthikeyan Gas. Auch der Inder hat eine Formel-1-Historie. Für die muss man allerdings, zumindest in analogen Kompendien, ein bisschen blättern. 2005 war er für Jordan unterwegs und fuhr in Indianapolis auf Platz vier. Richtig, in jenem Rennen, bei dem nur Bridgestone-bereifte Autos an den Start gingen, also insgesamt sechs - aber immerhin. Einen vierten Platz hat beileibe nicht jeder Formel-1-Pilot vorzuweisen, nachzufragen nicht nur bei Bruno Senna.

          Lange sah es so aus, als sollte es das an Formel-1-Ruhm gewesen sein für Karthikeyan. Im vergangenen Jahr verdingte er sich in einem Chevy Silverado auf den hinteren Rängen des Nascar-Pickup-Ablegers namens Camping World Truck Series auf Rennovalen zwischen Illinois und Texas und wurde von den Fans zum beliebtesten Fahrer des Jahres gewählt. Ein schöner Preis, gewiss, aber aus dem Mittleren Westen ist der Weg zurück in die Formel 1 ziemlich weit. Und trotzdem hat der Inder nun, am vergangenen Wochenende in Schanghai einen Rekord aufgestellt, der ihm bis auf weiteres weiteren, wenn auch zweifelhaften Ruhm einbringt. Doch der Reihe nach.

          HRT hat in der Formel 1 eigentlich nichts zu suchen

          Nairan Karthikeyan wurde beim Großen Preis von China Letzter. Das ist, siehe oben, bedauerlich, weil Beweis mangelnder Klasse - des Piloten, aber auch seines Untersatzes: Der HRT ist, das beweist auch Liuzzis 22., also vorletzter, Platz, weiterhin das langsamste Auto im Feld. So langsam, dass, zöge der Trainingsschnellste, also Sebastian Vettel, im ersten Durchgang des Qualifyings weiche Pneus auf, Liuzzi und Karthikeyan an der 107-Prozent-Regel scheitern würden und im Rennen nicht starten dürften. So langsam, dass HRT, wie Virgin, eigentlich nichts in der Formel 1 zu suchen haben sollte.

          Andererseits aber hat dieser letzte Platz auch positive Seiten: Denn immerhin qualifizierten sich die HRT-Piloten in Sepang und Schanghai überhaupt für das Rennen und anders als in Sepang kamen sie in China auch über die Distanz und ins Ziel. Und überhaupt - mittlerweile hält mancher Beobachter die Mannschaft des Gredinger Teamchefs Colin Kolles für eine bemerkenswerte, nein, nicht Erfolgs-, aber doch Geschichte. Denn den ganzen Winter über hatte kaum einer, auch der Crashtest nicht, unbedingt damit gerechnet, die HRT 2011 im Starterfeld zu sehen.

          Möglich also, dass HRT bald an Virgin vorbeizieht

          Von Geldmangel war (und ist nach wie vor) die Rede, die Mannschaft musste neu zusammengestellt werden (was sich nicht zuletzt bei Boxenstopps auf der Stoppuhr niederschlägt) und nach Melbourne reiste das Team ohne einen einzigen Testkilometer aufgezeichnet zu haben. Und nun, nur drei Wochen später, ist Liuzzi im Qualifying keine halbe Sekunde langsamer mehr als Timo Glock im Virgin. „Beängstigend“ nannte Glock diese Entwicklung vor Schanghai, nun empfiehlt er seinem Team „vielleicht wirklich mal über die generelle Strategie nachzudenken“.

          Gut möglich also, dass HRT demnächst an den Virgin vorbeizieht - und Nairan Karthikeyan nicht mehr Letzter wird. Der in Schanghai „gewonnene“ Ruhm aber dürfte bleiben. Zu ihm hat auch die Boxenmannschaft des Toro-Rosso-Piloten Jaime Alguersuari beigetragen. Weil sie eine Schraube am rechten Hinterrad nicht richtig fest zogen, strandete der Spanier mit einem lahmen Dreirad. Es blieb der einzige Ausfall des Rennens. Nairan Karthikeyan belegte den 23. Platz. Das schaffte in 61 Jahren noch niemand. So viele Autos kamen bei einem Grand Prix der Formel 1 noch nie ins Ziel.

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