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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Die Entdeckung der Ethik

Blick in die Zukunft: der Altersweise Mr. E. wacht über den Ethik-Code Bild: REUTERS

Wenn die Formel 1 zur Tat schreitet, dann gleich radikal: Seit dem 1. Juli kann auch die Annahme von kleinen Geschenken zur Entlassung führen. Da haben einige Kameraden aber Glück gehabt und die Gnade der frühen Geburt genossen.

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          Man traut seinen Augen nicht. Und noch weniger dem Gedächtnis: Die Formel 1 hat eine Ethik-Kommission ins Leben gerufen. Und zwar eine neue. So steht es auf der Internet-Seite namens „Pitpass“. Eine offizielle Bestätigung gibt es bislang nicht. Aber seien wir doch mal hoffnungsfroh und nicht immer so superskeptisch: In der Formel 1 gibt es schließlich nichts, was es nicht gibt. Warum also nicht ein Gremium, dass mit Argusaugen über Sitte und Anstand in Bernie Ecclestones Zirkus wacht?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Passt doch in die Zeit, nach all den Bestechungsvorwürfen und Skandalen im Sport der vergangenen Monate. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass Ecclestones Vorstoß eine gute Woche vor der Anklage der Münchener Staatsanwaltschaft gegen den früheren Banker und Formel-1-Mitspieler Gribkowsky publik wurde. Gribkowsky wird Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Ein gewisser Bernhard E. soll auch im Spiel gewesen sein. Das ist allerdings keine Überraschung.

          Wenn die Formel 1 zur Tat schreitet, dann gleich radikal

          Trotzdem sind Berichterstatter, die schon zur Zeit der ersten Mondfahrt in der Formel-1-Umlaufbahn kreisten, verblüfft. Weil eine neue Ethik-Kommission schließlich voraussetzt, dass es doch eine alte gegeben haben muss. Aber fragen wir nicht mehr danach und schauen in die Zukunft. Die könnte so aussehen: Mr. E., der Altersweise, hockt an einem großen Tisch, umrahmt zur Rechten und Linken von ehrenwerten Mitgliedern seiner Gesellschaft. Man sitzt zu Gericht, der Ehre halber. Denn, welch Schande, ein Mitarbeiter, Mitfahrer, Mitmacher des Zirkus hat gegen den Ethik-Kodex verstoßen. Das muss nicht mal eine große Sache gewesen sein. Nicht mal eine Schmiergeldzahlung im großen Stil, die Manipulation eines Rennens, technisches Doping oder eine Stallorder zum Nachteil eines konkurrierenden Teams (was immer noch bestraft werden darf).

          Flavio Briatore: Wie viele zweite Chancen darf ein Spitzbube bekommen?

          Nein, seit dem 1. Juli könnte auch die Annahme von kleineren Geschenken zur Entlassung führen. Donnerwetter! Und typisch. Wenn die Formel 1 zur Tat schreitet, dann gleich radikal. Kleine Aufmerksamkeiten, die früher die Freundschaft erhielten - oder wie lautete die freie Übersetzung von geschickter Bestechung? -, könnten nun die Karriere ein für allemal gefährden. Da haben einige Kameraden aber Glück gehabt und die Gnade der frühen Geburt genossen.

          Warum also nicht auch Flavio Briatore zurückholen?

          Mike Coughlan und Pat Symonds sind mehr oder weniger wieder an Bord. Der eine hatte als McLaren-Ingenieur geheime Ferrari-Dokumente kopiert. Der andere war am Rennbetrug von Singapur 2008 als Technischer Direktor von Renault beteiligt. Warum also nicht auch Flavio Briatore zurückholen, damals Teamchef von Renault? Wenn er doch seit der Enthüllung und Verurteilung immer wieder zu Gast im Fahrerlager sein darf. Mit dem Segen von Ecclestone.

          Die neue Ethik-Kommission wird sich auf das Recht der zweiten Chance für uns Menschenkinder berufen. Wobei niemand dokumentiert hat, wie viele zweite Chancen der eine oder andere Spitzbube schon bekommen hat. Es könnte aber auch sein, dass die neue moralische Instanz sich gar nicht zuständig fühlt für solche heiklen Fragen und auf ihre spezielles Einsatzgebiet verweist. Denn, Ehtik hin oder her, sie soll vorwiegend darauf achten, dass die Geschäftsplattform Formel 1 nicht den geringsten Anlass gibt, an Bestechung zu glauben.

          Das Interesse an dem exklusiven Verein hat rapide nachgelassen

          Doch, es dreht sich schon um die Rennen am Sonntag, aber sehr vieles auch um Geschäftsvereinbarungen etwa im Paddock-Klub hoch über dem Rennbetrieb. Während so einer Einladung zu einer Grand-Prix-Sause sind schon manche Millionendeals im Paddock-Klub angebahnt worden. Was ein einträgliches Geschäft war für die Formel 1. Weil die Klubkarten je nach Veranstaltung à 3500 Dollar kosten.

          Inzwischen aber hat das Interesse an dem exklusiven Verein rapide nachgelassen. Wie man hört, weil seriöse Firmen zunehmend dem Verdacht ausweichen wollen, gegen die strengen Antibestechungsregeln etwa in Deutschland zu verstoßen. Die Entdeckung der Ethik hat also einen handfesten Grund: Sie könnte helfen, auch den Klub wieder zu füllen. Also die Kasse.

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