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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Der Mensch macht‘s

  • -Aktualisiert am

Ausgehebelt: Das Rennen von Bruno Senna im Williams war direkt nach dem Start schon gelaufen Bild: picture alliance / dpa

In Melbourne zerdepperten die beiden Williams-Piloten den Coup der Saison. Der Rennstall hat ein Problem im Auto - nicht vorne oder hinten, sondern in der Mitte. Wie es besser geht, zeigte das virtuose Pedalspiel eines Zauberers.

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          Sie sind glücklich bei Williams. Das sagen sie jedenfalls. Und sie sind scharf darauf, am Sonntag beim Großen Preis von Malaysia (Rennstart am Sonntag 10.00 Uhr MESZ / Live im F.A.Z.-Ticker) schon wieder zu zeigen, dass sie von aller Welt zu früh abgeschrieben worden sind. Williams vor dem Abgrund? Was für eine Fehleinschätzung! Dieses Team doch nicht, dieser renommierte Formel-1-Rennstall, ein Star der neunziger Jahre, Weltmeister 1992, 1993, 1996 und 1997 mit Hightech-Boliden, die in diesen Jahren nicht zu schlagen waren.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die berühmtesten Piloten stellten sich damals an, den Wunderwagen der frühen Neunziger aus der Hand des Star-Konstrukteurs Adrian Newey steuern zu dürfen: Nigel Mansell, Alain Prost und Ayrton Senna. Schmallippig unterkühlt hat Teamchef Frank Williams damals das Firmencredo etabliert: Williams macht Menschen zu Weltmeistern, nicht umgekehrt.

          Leider war das mitunter eine fatale Fehleinschätzung, ganz besonders als Senna am 1. Mai 1994 in Imola tödlich verunglückte. In den vergangenen Jahren schluckten Champions allenfalls, wenn ihnen ein Williams angeboten wurde, der mit der Spitze nicht mithalten konnte. Die Saisonpremiere in Melbourne am vergangenen Sonntag aber macht den Fans dieser britischen Motorsportschmiede wieder Hoffnung.

          Pastor Maldonado steuert den Boliden, „ein richtiges Rennauto!“, auf Rang Acht des Qualifikationstrainings und lag in der letzten Runde des Grand Prix auf Position sechs, knapp hinter einem gewissen Fernando Alonso im Ferrari. Das war die Überraschung des Tages, vielleicht, so dachten die Fans, gelingt Williams nun der Coup der Saison.

          Sektflaschen einpacken, Trümmer zusammenkehren

          Ins Grübeln aber sollten die Engländer doch gekommen sein. Schließlich hat Maldonado in einer Schrecksekunde den Boliden wenige Kilometer vor dem Ziel an die Wand geklatscht und dabei acht zum Greifen nahe Punkte verloren, mehr als Williams 2011 in 19 Grand Prix gewinnen konnte (fünf).

          Der fast sichere geldwerte Vorteil ist vorerst auch dahin. Jeder Punktgewinner erhält bei Überseereisen ordentlich Gepäckrabatt von Chefmanager Bernie Ecclestone. Dazu kommt der Millionen-Bonus, falls Williams bis zum Ende der Saison ein Aufstieg in der Konstrukteurs-WM gelingt. Stattdessen musste der Rennstall die Sektflaschen wieder einpacken, die Trümmer zusammenkehren, die teure Reparatur zahlen und an eine Variation des Firmenmottos denken: Der Mensch macht den Williams zum Schrotthaufen.

          Vorteil Mensch: Mit seinem virtuosen Pedalspiel und seiner leichten Hand beim Lenken zeigte Fernando Alonso eine Glanzleistung

          Das Auto hat also doch ein Problem: nicht vorne oder hinten, sondern in der Mitte, wo gemeinhin der Fahrer sitzt. Weil auch Bruno Senna, der Neffe des dreimaligen Weltmeisters, wegen eines Unfalls ausschied, sprachen Computerexperten im Fahrerlager angesichts der Nullpunkterunde für Williams von einem klassischen Softwarefehler.

          Die Vorführung von Zauberer Alonso verstärkte diesen Eindruck. Mit seinem virtuosen Pedalspiel und seiner leichten Hand beim Lenken hat der zweimalige Champion die schmachvolle Vorstellung im Qualifikationstraining (zwölfter Platz) übertüncht. Um 0,5 Sekunden, flüsterte eine Ferrari-Stimme während der Pressekonferenz nach diesem Husarenritt, habe der Mensch die Maschine unter der kalkulierten Rundenzeit gehalten. Man sah ein Lächeln auf den Mienen der roten Garde.

          Ferrari steht - auf Erden - über allem

          Ihr so freundlicher Teamchef Stefano Domenicali flog zwar dann doch, aber nicht raus, sondern zwischen Rennen eins und zwei mal schnell von Melbourne über Maranello nach Kuala Lumpur, also rund 25.000 Kilometer. Wirklich entlastet durch Alonsos Dienste wirkte er vor der Abreise nicht. Zumal so ein Gewalttrip zusammen mit dem Technik-Chef Pat Fry eigentlich nur einen Grund haben kann: nämlich die Einbestellung beim Ferrari-Präsidenten.

          Der stets um Pathos bemühte Luca di Montezemolo wird seinem Teamchef bei dieser Gelegenheit vielleicht recht bestimmt an ein ungeschriebenes Gesetz des Commendatore Enzo Ferrari erinnert haben: Ferrari steht - auf Erden - über allem. Domenicali muss also ganz schnell die Hardware tunen lassen. Sonst rechnet irgendjemand demnächst exakt aus, was Alonso im Williams zustände brächte.

          In Melbourne hätte es, grob kalkuliert, zu einem Kampf mit dem Sieger Jenson Button gereicht, theoretisch. Was das für die Praxis heißt? Der Erfolg mit der Maschine hängt immer von dem ab, der drinsitzt.

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