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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Depperte Denksportaufgabe

Reifenschieber in der Boxengasse: Wer kapiert den Pirelli-Code? Bild: REUTERS

Die Formel 1 ist zu einer Scheinwelt geworden. Die Führung wechselt so oft, dass die Experten den Überblick verlieren. Schuld daran sind die Reifen. Crashtest - die Formel-1-Kolumne.

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          Na also, da haben all die Hoffnungslosen und Verzweifelten ja schon wieder die passende Ausrede gefunden für die Plätze im Nirgendwo: Die Reifen sind es! Wir können nichts dafür, wir haben eine gute Basis, unser Auto ist schnell – nur eben nicht dauerhaft! Weil den Fahrern oft schon nach wenigen Kilometern die Gummifetzen um die Ohren fliegen. Das war das Ziel des Reifenherstellers Pirelli. Traut man den Eindrücken der Saisonpremiere von Melbourne, dann wurde es erreicht. Verzweifelte Gesichter, um Erklärungen ringende Männer – wer noch immer geglaubt hat, die Formel 1 der Neuzeit besteht lediglich darin, sich in einen Rennwagen zu setzen, kräftig Gas zu geben und sich im Kreis zu drehen, der hat sich getäuscht.

          Wer einen Grand Prix gewinnen möchte, der muss zunächst Denksportaufgaben lösen: Wie komme ich am schnellsten über die Runden? Und wie werden sich dabei die Reifen verhalten? Fragen, die unmittelbar miteinander verwoben sind, die sich nicht trennen lassen voneinander. Teil eins dieser Herausforderung hat in Melbourne zum Beispiel Adrian Sutil (Force India) hervorragend gelöst. Von Platz Startplatz zwölf aus ging der Mann aus Gräfelfing ins Rennen, nach fünfzehn Runden führte er erstmals in seiner Formel-1-Karriere einen Grand Prix an. „Es lief alles nach Plan“, sagte der Dreißigjährige später.

          Sieben Fahrer aus fünf Rennställen

          Ein schöner Plan war das. Sutil durfte seine Reifen frei wählen. Also blieb er zunächst mit der härteren der beiden Mischungen möglichst lange auf der Strecke, er konnte so kampflos vorbeiziehen an allen, die auf der weicheren Mischung den Halt verloren und zum Boxenstopp abbiegen mussten. Blöd nur, dass es die Punkte erst nach der Zielflagge gibt, und da war Sutil lediglich Siebter.

          Was zunächst keiner verstand: Das Team hatte sich verzockt, Sutil große Schwierigkeiten am Ende des Rennens, rutschte auf den weichen Gummis hin und her und war froh, als er den Wagen endlich abstellen konnte. Was wir daraus lernen? Die Formel 1 ist mehr denn je zu einer Scheinwelt geworden, es spielt keine Rolle, wer im Verlauf eines Rennens irgendwann mal die Nase vorne hat.

          Schwarze Magie: Die Formel der Formel-1-Reifen

          In Melbourne waren dies gleich sieben Fahrer aus fünf verschiedenen Rennställen. Da kann man als Beobachter schon mal den Überblick verlieren. Und dann diese vielen Reifenwechsel. Niki Lauda gefällt das überhaupt nicht. „Das Problem mit den Reifen ist absolut deppert“, sagt der RTL-Experte und Aufsichtsratschef des Mercedes-Formel-1-Teams in der „Bild“-Zeitung.

          Dabei sind doch nur diejenigen deppert, die noch keine Lösung gefunden haben. Lotus und Kimi Räikkönen haben den Code entschlüsselt, für sie ist die Saison eine große Chance. Red Bull und Weltmeister Sebastian Vettel stehen noch vor einem Rätsel. Der RB9 ist das schnellste Auto, aber das nützt gar nichts, wenn die Fetzen fliegen. Wir sollten Pirelli also dankbar sein. Dafür, dass ein Rennen so unvorhersehbar ist. Und die Alleswisser einmal so wenig wissen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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