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Crashtest - die Formel-1-Kolumne : Brennstoff aus Baku

Teeparty: Aserbaidschans Präsident Alijew und Wladimir Putin (r.) im vergangenen August in Alijews Residenz Bild: AFP

Demnächst dreht die Formel 1 in Aserbaidschan ihre Runden. Flavio Briatore hat den Deal eingefädelt, Bernie Ecclestone darf sich auf den nächsten Kreisverkehr bei einem Autokraten freuen. Mit Wladimir Putin läuft es ja bestens.

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          Das ging schnell: In der vergangenen Woche konnten wir unsere Vorfreude auf das Rennen in Sotschi im kommenden Oktober kaum bremsen, da steht, vielleicht schon ab der kommenden Formel-1-Saison, ein weiterer Grand Prix an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien in Aussicht.

          Die aserbaidschanische Hauptstadt Baku dürfte den Teamchefs und ihren Fahrern spätestens von 2016 an eine Reise wert sein: Eine Vereinbarung über ein Rennen in Baku stehe, hat Bernie Ecclestone der Londoner „Daily Mail“ erzählt.

          Die Aserbaidschaner, als Gastgeber der ersten „European Games“ 2015 ohnehin schwer im Sportfieber, würden am liebsten schon im kommenden Jahr die Motoren in ihrer Hauptstadt dröhnen hören, aber Ecclestone hält das übernächste Jahr für „wahrscheinlicher“. Und warum auch nicht?

          Alle Termine und Startzeiten der Formel-1-Saison 2014

          Die politische Lage am Kaspischen Meer ist derzeit deutlich entspannter als am Schwarzen Meer, die aserbaidschanischen Öl- und Gasvorkommen bieten reichlich Brennstoff, sollte dem ein oder anderen Fahrer der Sprit ausgehen. Denn trotz der grünen Welle, auf der die Formel 1 derzeit zu reiten versucht,  geht es schließlich nach wie vor nur dank der guten, alten Verbrennung fossiler Bodenschätze standesgemäß voran.

          Einzelhändler mit Einfluss: Flavio Briatore (Foto: Am 28. Januar bei Gericht in Genua, wo er demnächst wegen Steuerhinterziehung angeklagt ist)
          Einzelhändler mit Einfluss: Flavio Briatore (Foto: Am 28. Januar bei Gericht in Genua, wo er demnächst wegen Steuerhinterziehung angeklagt ist) : Bild: dpa

          Vor allem aber gibt es einen weiteren sehr guten Grund, in Baku Halt zu machen und zwar nicht nur für die Ichthyologen in der Vollgasfraktion: Huso huso. Mögen die Eier des Belugastörs bislang in Monte Carlo am besten geschmeckt haben – fangfrischer als in Baku dürften die Gäste in Ecclestones Paddockclub ihren Kaviar nirgends genießen dürfen.

          Und ein bisschen Kaviar beim Empfang unter Gleichgesinnten, das bietet sich an. Hatte der Richter des Londoner High Courts Ecclestone neulich doch glatt als „nicht vertrauenswürdig und korrupt“ eingestuft. Da sind wir erleichtert, dass sich der 83-jährige auf alte Freunde mit ähnlich schlechtem Leumund verlassen kann.

          Brennt: Öl aus dem Kaspischen Meer (Foto: Ölfeld vor Baku)
          Brennt: Öl aus dem Kaspischen Meer (Foto: Ölfeld vor Baku) : Bild: AFP

          Mit den Verhandlungen in Aserbaidschan wurde ein, natürlich, durch und durch vertrauenswürdiger Einzelhändler aus Bakus Unternehmergilde betraut: Flavio Briatore, am Kaspischen Meer mit einer Filiale seiner Boutique „Billionaire“ vertreten, und den Rennsportfreunden nach zwei Jahrzehnten Tricks und Gaunereien bis hin zur Manipulation des Großen Preises von Singapur 2008 zu Gunsten seines Frontmannes Fernando Alonso in schlechter Erinnerung.

          Briatore hat den Deal eingefädelt, Ecclestone darf sich auf den nächsten Kreisverkehr bei einem Autokraten freuen. Mit Wladimir Putin läuft es ja augenscheinlich bestens. Denn „Wladimir und ich haben keine Probleme“, erzählte Ecclestone der „Daily Mail“, „er hat prima Winterspiele organisiert“.

          Schmeckt: Kaviar aus dem Kaspischen Meer (Hinweis: Foto zeigt iranischen Kaviar)
          Schmeckt: Kaviar aus dem Kaspischen Meer (Hinweis: Foto zeigt iranischen Kaviar) : Bild: REUTERS

          Der Umgang mit Staatspräsident İlham Alijew wird Ecclestone also gefallen. Gleich und gleich gesellt gern. Wie Ecclestone hat Alijew zwei wohlhabende Töchter. Tamara Ecclestone durfte sich einst in der Reality-Show „Billion Dollar Girl“ präsentieren, über Alijews Familienangelegenheiten gibt es eine Dokumentation des amerikanischen Senders CNBC. Titel: „Stinkreich – Schmutziges Geld“. 

          Die im „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) zusammen geschlossenen investigativen Journalisten aus Mittel- und Osteuropa wählten Alijew 2012 angesichts seiner vielfältigen, vor allem für seine Familienmitglieder förderlichen Geschäfte  zu ihrem „Mann des Jahres“.  Alijew war der erste, dem der Titel verliehen wurde. 

          Demnächst fährt die Formel 1 auch in Sotschi - dank Wladimir Putin
          Demnächst fährt die Formel 1 auch in Sotschi - dank Wladimir Putin : Bild: AP

          Wladimir Putin schaffte es da nur zu einer  „ehrenwerten Erwähnung“, auch wenn die Kollegen vor vierzehn Monaten über Putins Regime schrieben, dass „der atemraubende Maßstab eines Jahrzehnts des blanken Diebstahls und der Korruption in Russland womöglich in der modernen Welt nicht mehr übertroffen werden wird“.

          Wie gesagt, Alijew bekam den Titel, nicht der russische Präsident. In der Formel 1 wird offenkundig weiter Gas gegeben wie bisher – in durch und durch ehrenwerter Gesellschaft.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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