https://www.faz.net/-gtl-9y0wt

Produktion in Corona-Krise : So hilft die Formel 1 beim Überleben

Eine freiwillige Patientin an einer CPAP-Atemhilfe in England. Bild: AFP

Die Räder in der Formel 1 stehen still. Doch auch in der Corona-Krise fließen die Ideen, die Produktion läuft. Die englischen Teams helfen der Regierung. Ziel der konzertierten Aktion ist die Entlastung der Medizin.

          3 Min.

          Zu normalen Zeiten würden Formel-1-Ingenieure in diesen Tagen teure Frontflügel für ihre Boliden konfigurieren – und die meisten wegwerfen. Die Motorenspezialisten suchten nach mehr PS, prüften, wie die heißen Abgase effizienter zu nutzen seien für die Gewinnung und Speicherung von Energie. Sie marterten ihre Hirne, um ein paar Hundertstelsekunden schneller über die Runde kommen zu können beim nächsten Rennen – oder gar eine Zehntel?

          F+ Newsletter

          Erhalten Sie jeden Freitag um 12 Uhr eine Empfehlung unserer Redaktion mit den besten Artikeln, die Sie exklusiv mit Ihrem Zugang zu F+ FAZ.NET komplett lesen können.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Spielfeld hat sich geändert in der Corona-Krise. Die Räder stehen zwar still, aber die Ideen fließen, und die Produktion läuft. Statt Abgase in den Äther zu jagen, produziert die Formel 1 in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Wirtschaft seit ein paar Tagen Stoff zum Überleben, unter anderem Atemhilfsmaschinen: „Diese Geräte“, sagt Professor Mervyn Singer, Berater für Intensivpflege des Universitätskrankenhauses London (UCLH), „werden dazu beitragen, Leben zu retten.“

          Die Bitte, nicht mehr allein um sich selbst zu kreisen, kam vor etwa zwei Wochen von der britischen Regierung. Sie befürchtet einen Notstand, falls sich die Pandemie auf der Insel so ausbreitet wie etwa in Italien. Dann wird es an medizinischen Hilfsmitteln in den Krankenhäusern fehlen und zu Fragen führen, die eine Gesellschaft fürchtet und schon gestellt werden: Welcher Patient genießt Priorität? Die Formel 1 in England reagierte umgehend auf die Anfrage und gründete das „Project Pitlane“. Sieben Rennställe, jene mit Sitz in Mittelengland, haben sich dem Aufruf nach Unterstützung unter anderem bei der Überprüfung, Überarbeitung, Skalierung, Prototypenherstellung und Produktion von Medizinprodukten angeschlossen.

          „Die Fähigkeit, schnell auf technische und technologische Herausforderungen zu reagieren, ermöglicht es der Gruppe, einen Mehrwert für die Reaktion der Maschinenbauindustrie zu schaffen“, schrieb Liam Parker, der Kommunikationschef der Formel-1-Gesellschaft, auf Anfrage: „Die Teams sind bekannt für schnelles Design, Herstellung von Prototypen, Test und qualifizierte Montage.“ Frei übersetzt: Wer hochkomplexe, zuverlässige Hybridsysteme bauen kann, wird auch Atem-Ventilatoren für die Versorgung von Corona-Kranken optimieren können.

          Ziel der konzertierten Aktion ist die Entlastung der Intensivmedizin. Denn mit den Atemhilfsgeräten (CPAP) sollen viel mehr Covid-19-Patienten davor bewahrt werden, auf der Intensivstation für eine Sauerstoffversorgung sediert und intubiert werden zu müssen, schreiben die an dem Projekt Beteiligten in einer Mitteilung vom Montag. CPAP-Geräte werden eingesetzt, um Patienten im Krankenhaus oder zu Hause mit Atembeschwerden zu unterstützen. Sie drücken eine Luft-Sauerstoff-Mischung kontinuierlich in Mund und Nase. In Italien soll in fünfzig Prozent der Fälle, in denen ein CPAP zur Verfügung stand, eine invasive mechanische Beatmung vermieden worden sein.

          Seit dem 18. März arbeiten die Universität College London, das zugehörige Universitätskrankenhaus (UCLH) und das Formel-1-Team von Mercedes „rund um die Uhr“ an der Überarbeitung eines Geräts, dass nun von der Regulierungsbehörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte zur Verwendung empfohlen wird, schrieb die Arbeitsgemeinschaft: „Es dauerte weniger als 100 Stunden vom ersten Treffen bis zur Herstellung des ersten Geräts.“ Vierzig wurden an UCLH und drei weitere Londoner Krankenhäuser geliefert. Falls die Versuche gut verliefen, könnte das Formel-1-Team von Mercedes bis zu 1000 CPAP-Geräte pro Tag produzieren, behauptete die BBC am Montag. Mercedes bestätigte auf Anfrage, dass die Produktion anderer Unternehmen, die bislang bei fünf pro Woche gelegen habe, auf „Hunderte pro Tag hochgefahren“ werden könnte. „Angesichts des dringenden Bedarfs“, wurde Professor Tim Baker von der Universität London (Maschinenbau) zitiert, „sind wir dankbar, dass wir einen Prozess, der Jahre dauern kann, auf wenige Tage reduzieren konnten.“

          Die Rennställe bearbeiten zurzeit vier Projekte: Unter Führung von Mercedes kümmern sich gegenwärtig allein 50 Mitarbeiter im Motorenwerk (HPP) Brixworth um die Entwicklung eines vereinfachten Beatmungsgeräts. McLaren sowie Williams arbeiten unter anderem an der Beschleunigung der Produktion der üblichen Ventilatoren und der Sicherstellung der Lieferketten. Red Bull entwickelt einen Prototypen eines neuen Atemhilfsgeräts. In einem vierten Projekt werden Untersätze entworfen, mit denen die Geräte leicht in Krankenhäusern von Zimmer zu Zimmer geschoben werden können. „Vier Teams haben eine Führungsfunktion, aber alle Rennställe helfen sich untereinander“, sagt Mercedes.

          Zwar haben alle Formel-1-Teams nach der Verschiebung von acht der ersten neun Grands Prix die Werkstore gegenwärtig geschlossen und achten mit Argusaugen auf die Vereinbarung. Aber für die neue Aufgabe gibt es ausreichend Spielraum und Freiheiten. Sie scheint die sonst nicht um Gezänke verlegene Branche zu einigen: „Die Formel-1-Gemeinschaft hat eine beeindruckende Resonanz auf den Aufruf zur Unterstützung gezeigt“, sagte Andy Cowell, Leiter des Formel-1-Motorenwerks von Mercedes, „wir sind stolz darauf, unsere Ressourcen in den Dienst der Universität von London stellen zu dürfen, um das CPAP-Projekt auf höchstem Niveau und in kürzester Zeit umzusetzen.“

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Newcastle United spielt im St. James’ Park, zumindest wieder wenn die Corona-Pause vorbei ist.

          Fußballklub im Fokus : Arabische Schlacht um Newcastle

          Muhammed bin Salman und der saudische Staatsfond wollen Newcastle United übernehmen. Der Premier-League-Partner Qatar hält dagegen. Es ist ein Kampf mit allen Mitteln. Ein Konflikt, der weit über den Sport hinaus reicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.