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Ferrari-Pilot Charles Leclerc : Angriff auf dem Boulevard Albert

  • -Aktualisiert am

„Mein Traum ist wahr geworden“: Charles Leclerc fährt für Ferrari auf dem Stadtkurs seiner Heimat in Monaco. Bild: Reuters

Charles Leclerc ist der Aufsteiger des Jahres in der Formel 1. In seiner Heimat Monaco bietet sich ihm die Chance zum Überholmanöver mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit.

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          Das ist kein Kinderspiel. Aber damit hat es begonnen bei Charles Leclerc. Mit Spielzeugautos, die der Monegasse auf dem Balkon eines Freundes kreisen ließ. Die infernalischen Geräusche zum Matchbox-Rennen lieferten Michael Schumacher und seine Kollegen. Wenn sie vom Boulevard Albert I in die erste Kurve St.-Devote einbogen und mit bis zu 280 Kilometern pro Stunde hinauf zum Casino schossen. Eine Art Formel-1-Orchester mit 78 Rundentakten. Musik in den Ohren des kleinen Charles, die er vor seinem geistigen Auge zu einem Vor-Bild komponierte: „Bei meinem ersten Rennen hier war ich erst vier. Damals fuhr Michael im Ferrari, und ich habe schon immer ein bisschen mehr auf die roten Autos geschaut. Ich habe mir immer gesagt, dass ich eines Tages gerne bei diesem Rennen dabei wäre“, erzählte Leclerc dieser Tage mit Blick auf den Großen Preis von Monaco an diesem Sonntag (15.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky): „Mein Traum ist wahr geworden.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          17 Jahre hat er den Traum vor Augen gehabt, fast 14 hat er nach dem Start als Kartpilot mit acht Jahren an der Verwirklichung gearbeitet. So sehen das die Talentspäher und Entwickler des Motorsports wie der Teamchef von Toro Rosso, Franz Tost. „Wir erleben jetzt die dritte Generation von Piloten, die früh im Kart angefangen hat und noch intensiver ausgebildet wurde als die Generation Vettel.“ Max Verstappen führt sie als Chefpilot und Hauptbotschafter von Red Bull an, mit nicht einmal 22 Jahren. Die Verpflichtung des gleichaltrigen Leclerc zu dieser Saison ist Ferraris Antwort auf die Strategie des Brauseproduzenten. Zwei junge Erwachsene sollen die Wünsche, die Hoffnungen und Forderungen ihrer Werksteams mit bis zu 1300 Mitarbeitern erfüllen.

          Bei Leclerc kommt noch die Ferraristi-Nation dazu. „Wer für Ferrari fährt“, sagt der frühere Scuderia-Pilot Jean Alesi, „der fährt für Italien.“ Größer kann der Druck kaum sein. „Ich glaube aber, dass die Piloten zu jung sind, wenn sie schon mit 19 Jahren in die Formel 1 kommen“, erklärte der Franzose im Formel-1-Podcast: „Man muss schon mal Herzensbrüche erlebt haben.“ Leclerc hat die schmerzhaftesten hinter sich. 2015 starb sein Freund Jules Bianchi an den Folgen des Formel-1-Unfalls in Suzuka 2014. Zwei Jahre später sein Vater.

          Am Fahrer soll es nicht liegen

          Die Schultern des Monegassen wirken schmal. Auf 1,79 Meter verteilen sich 69 Kilogramm. Leichtgewichte haben größere Chancen, im Cockpit und im Fahrerlager zu Größen heranzuwachsen, falls sie im Trubel gelassen bleiben. Beim Gespräch mit Journalisten aus aller Welt setzt Leclerc seine Sonnenbrille ab. Ein fester Blick aus dunklen Augen schweift über die Runde. Von der träumerischen Balkon-Vision ist nichts mehr zu sehen. Obwohl er ein bisschen schwärmt von seinem Weg. Erst täglich zu Fuß mit dem Tempo des Eiligen (vielleicht sieben Kilometer pro Stunde) zur Schule, dann mit dem Bus und maximal 50 durch die Straßenschluchten seiner Heimatstadt. 2018 dann bei seiner Premiere im Sauber im Formel-1-Tempo.

          Raus aus dem Hintergrund: Charles Leclerc will das Heimspiel in Monaco nutzen.
          Raus aus dem Hintergrund: Charles Leclerc will das Heimspiel in Monaco nutzen. : Bild: dpa

          Am Samstag müsste Leclerc im Qualifying noch ein Sprung gelingen, um Erster unter den Besten werden zu können: Mehr als 170 Kilometer pro Stunde im Schnitt auf einer Runde im Ferrari? Am Fahrer soll es nicht liegen. Leclerc genießt das Vertrauen seines Teams. Seit den Testfahrten fährt er so schnell wie Sebastian Vettel, der viermalige Weltmeister, eine Dekade älter, reifer, erfahrener. Beim Grand Prix in Bahrein hatte Leclerc sogar seinen ersten Grand-Prix-Sieg vor Augen, ehe ihn ein Motorschaden stoppte, während Vettel mit dem Ferrari haderte. Sofort stellten nicht nur italienische Medien Vettels Führungsposition in Frage. Leclerc rührte sich nicht. Er ließ sich in der Öffentlichkeit auch kaum etwas anmerken, als ihn eine Teamorder zugunsten von Vettel zu Saisonbeginn gebremst hatte. Die Scuderia unter der Führung des neuen Teamchefs Mattia Binotto scheint nicht so entschieden Vettel als Nummer eins zu behandeln, wie noch vor Saisonbeginn angekündigt. Als der Heppenheimer vor zwei Wochen in Barcelona im zweiten Teil des Grand Prix auf den langsameren Leclerc auflief, brauchten sie zehn Runden bis zu einer Entscheidung.

          Für den Kampf um die WM mag dieses Zögern unerheblich sein. Binotto drücken größere Probleme. Der Ferrari ist zu langsam, um Mercedes in diesen Tagen Paroli bieten zu können. Weitere Niederlagen am Sonntag und in den nächsten Wochen verwandelten das Rennen um die Titel in eine Werksmeisterschaft von Mercedes.

          Leclerc aber böte sich dann der Spielraum, den er noch braucht. Denn seine Fehlerquote ist noch zu hoch. In Baku setzte er seinen Dienstwagen im Qualifikationstraining in die Streckenbegrenzung. Auch in Barcelona leistete er sich einen größeren Schnitzer. Vettel führt nach Trainingsduellen 4:1. Deshalb gewinnt die Speed-Prüfung über eine Runde am Samstag so an Bedeutung in diesem langsam schwelenden Zweikampf der Generationen um die Hierarchie im Team: „Es ist unglaublich schnell, man fährt super nah an die Mauern heran, und es gibt kaum Auslaufzonen, fast wie auf einer Kart-Strecke“, beschrieb Leclerc seine jüngsten Eindrücke vom Heimatkurs: „Das macht eine gute Qualifying-Runde umso schwerer. Aber genau die braucht man, weil man kaum überholen kann.“

          Das rote Duo: Charles Leclerc (rechts) und Sebastian Vettel posieren vor der Saison mit ihren Autos.
          Das rote Duo: Charles Leclerc (rechts) und Sebastian Vettel posieren vor der Saison mit ihren Autos. : Bild: EPA

          Rennwagen hin oder her: In den Straßen von Monaco haben sich die Größen der Szene etabliert. Niki Lauda beeindruckte 1973 beim Qualifikationstraining in seinem BRM (6.) Ferrari-Gründer Enzo Ferrari. Montags erhielt er den ersehnten Anruf vom Stammsitz in Maranello. So nahm diese Ära ihren Lauf. Ayrton Senna hätte 1984 um ein Haar im eher zweitklassigen Toleman auf regennasser Piste Alain Prost noch eingeholt – wenn das Rennen nicht abgebrochen worden wäre. Prompt verpflichtete Lotus den späteren Superstar. 2007 übte ein gewisser Lewis Hamilton bei seiner Formel-1-Premiere in Monaco im McLaren so viel Druck auf den führenden, zu Saisonbeginn verpflichteten Chefpiloten Fernando Alonso aus, dass die Regelhüter zunächst glaubten, dem Brite sei von seinem Team ein Überholmanöver (strafwürdig) untersagt worden. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Ein paar Monate später floh Alonso zurück zu Renault. In Monaco können Formel-1-Piloten entscheidend vorankommen, auch in einem schwächeren Auto.

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