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Debatte nach Bianchi-Unfall : Wie kann die Formel 1 sicherer werden?

Die Garage des verunglückten Jules Bianchi in Sotschi bleibt leer Bild: AP

Kräne? Kanzeln? Tempo-60-Zonen? Die Formel 1 soll nach dem Unfall von Jules Bianchi sicherer werden. Aber wie? Vielen im Fahrerlager gefallen die Alleinstellungsmerkmale wie offene Räder und Cockpits.

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          „Über dem Wochenende hängt ein Schatten.“ Über Sotschi strahlt die Sonne, 25 Grad Celsius, als Sebastian Vettel das sagt, am Donnerstagnachmittag in der Pressekonferenz der Fahrer vor dem ersten Großen Preis von Russland seit einhundert Jahren. Aber das Schicksal von Jules Bianchi, der schwerste Rennunfall in der Formel 1 seit zwanzig Jahren, hat die Stimmung im Fahrerlager schlagartig verändert.

          Der Franzose liegt in kritischem Zustand mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus in Japan, weil er im Regen von Suzuka vergangenes Wochenende die Kontrolle über seinen Marussia-Boliden verlor und unter einen Radlader geriet, mit dem die japanischen Streckenposten gerade den Sauber C33 des zuvor an gleicher Stelle verunglückten Adrian Sutil bargen.

          Bei der Pressekonferenz der Fahrer in Sotschi sind die Stimmen von Vettel, Fernando Alonso, Jenson Button, Felipe Massa, Adrian Sutil und Daniil Kvyat nahezu 45 Minuten lang belegt. Im Fahrerlager beginnt kaum ein Gespräch nicht mit Bianchis Unfall. „Wir Fahrer reden untereinander“, sagt Nico Hülkenberg, Pilot bei Force India. „Wir telefonieren, schicken E-Mails. Wieso kamen alle schlimmen Dinge zusammen? Der Unfall ist der schlimmste Fall, den man sich vorstellen kann. Wir müssen ihn analysieren, um so etwas in Zukunft ausschließen zu können.“

          Schnell kommen die Gespräche in Sotschi zu der Frage, was der Radlader neben der Strecke zu suchen hatte, während die Fahrer noch nicht von einem Safety Car eingebremst wurden. Die Antwort ist im Grunde einfach: Die Japaner haben sich an das übliche Procedere gehalten und versucht, die von Sutils Wrack ausgehende Gefahrenstelle möglichst schnell zu beseitigen.

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          Abtransport des Fahrzeugs mit einem Radlader, während Streckenposten die Fahrer mit Gelben Flaggen zum langsameren Fahren auffordern, so wird das seit Jahren praktiziert – und so sehen es die Anweisungen bislang auch für Sotschi vor, wo wenigstens zwölf Radlader auf den Einsatz im Notfall warten und eingesetzt werden dürften. Kommt es in den Trainingsläufen am Freitag und Samstag, in der Qualifikation oder im Rennen am Sonntag (Start: 13.00 Uhr MESZ / Live bei RTL und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) zu einem ähnlichen Unfall wie dem von Sutil in Suzuka, werden Streckenposten wohl auch in Sotschi mit ihnen ausrücken.

          Seit zwei Jahren haben sich die russische Streckenposten, so genannte „Marshals“ unter anderem mit Unterstützung der Experten des australischen Motorsportverbandes auf den Großen Preis von Russland vorbereitet. Ändern könnte sich kurzfristig, wie der Internationale Automobil-Verband Fia und ihr Rennleiter Charlie Whiting, auf eine Radlader-Situation reagieren: Dass etwa, schon um auszuschließen, dass sich ein Unglück wie in Suzuka wiederholt, das Safety Car vor das Feld geschickt wird, sobald ein Fahrzeug geborgen werden muss.

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          „Wenn die Antwort so einfach ist“, sagt Vettel, „sollten wir es so machen. Aber ich weiß nicht, ob es so einfach ist.“ Sollten die Fahrer Unglücksstellen mit deutlich verringerter Geschwindigkeit passieren, nur noch so schnell, wie sie unterwegs sind, wenn das Safety Car das Feld hinter sich versammelt hat oder etwa mit der Geschwindigkeit, wie sie in der Boxengasse vorgeschrieben ist? „Technisch ist das kein Problem“, sagt Hülkenberg. Konkrete Forderungen stellen die Piloten bislang nicht, verweisen darauf, dass sie zunächst das Ergebnis der Untersuchung des Bianchi-Unfalls durch die Fia abwarten wollen.

          Am Freitagabend wollen sich die Piloten der Fahrervereinigung GPDA zusammensetzen, bis dahin könnte ein möglicher Konflikt bereits durch Rennleiter Whiting entschärft werden. Bislang aber hat die Fia nicht erkennen lassen, ob und wie sie auf Bianchis Unfall reagieren will. Marussia hat derweil entschieden, aus Respekt vor Bianchi nur mit einem Auto an den Start zu gehen.

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          Offen ist, wie die Serie in Zukunft den Sicherheitsstandard erhöhen will. Könnten statt mobiler Radlader etliche Kräne hinter der Streckenbegrenzung zur Bergung gestrandeter Boliden eingesetzt werden? „Sie zeigen in Monaco, dass so etwas geht“, sagt Richard Cregan, der ehemalige Geschäftsführer des Yas Marina Circuit in Abu Dhabi und inzwischen Berater der Autodrom-Betreiber von Sotschi. Und mancher Pilot würde neue Versuche mit geschlossenen Cockpits begrüßen. „Die schwersten Verletzungen der vergangenen Jahre waren Kopfverletzungen“, sagt Ferrari-Pilot Alonso.

          „Falls es die Möglichkeit gibt, das zu testen, sollten wir es tun“, sagt auch der Brasilianer Felipe Massa. Die Einführung von Cockpitkanzeln wie in Kampfjets bleibt trotzdem eher unwahrscheinlich. Viele im Fahrerlager gefallen die Alleinstellungsmerkmale der Formel 1: Offene Räder, offene Cockpits. „Ich habe da gemischte Gefühle“, sagt etwa Vettel. Und Lewis Hamilton (Mercedes), der WM-Spitzenreiter, sagt: „Ich kenne die Formel 1 nur so. Mir gefällt es, wie es ist. Es ist etwas Besonderes.“

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