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Formel 1 in Portugal : Hamilton und der Weltrekord in der Umlaufbahn

Ein neuer Rekord: Hamilton siegt zum 92. Mal Bild: Reuters

Mit seinem 92. Sieg in der Formel 1 am Sonntag in Portugal hat Lewis Hamilton Michael Schumacher überholt und auf der Strecke selbst die schärfsten Rivalen distanziert.

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          Der Teamchef brauchte nur zwei Worte: „Lewis, ninety-two. Ninety-two“, bekam Lewis Hamilton von Toto Wolff zu hören. 1030 Große Preise gab es seit 1950 in der Formel 1, zweiundneunzig hat Lewis Hamilton gewonnen, auf 28 Rennstrecken. „World record“, Weltrekord, funkelte vom LED-Band über der Ziellinie des Autódromo Internacional do Algarve am Sonntagnachmittag. Kein Mensch hat so viele Formel-1-Rennen gewonnen wie Lewis Hamilton aus Stevenage, Hertfordshire.

          Gut neunzig Minuten zuvor hatten düstere Wolken über der Algarve gelegen. Wer wissen wollte, wie sich die vor Jahren von Bernie Ecclestone vorgebrachte Idee in der Praxis bewährt, gegen Langeweile in der Formel 1einfach mal die Strecke zu wässern, der bekam just zum Start des ersten Großen Preises von Portugal seit 24 Jahren eine Kostprobe: Die Startampel erlosch, es nieselte. Der erste Regen des Rennwochenendes auf dem erstmals, als Corona-Folge, ins Programm genommenen Kurs von Portimão.

          Und plötzlich, in der zweiten Runde, führte Carlos Sainz das Rennen an, im McLaren-Renault, vor Valtteri Bottas und Hamilton, die in ihren so überlegenen Mercedes das Rennen doch aus der ersten Reihe aufgenommen hatten, während Sainz von Platz sieben kam. Da kurvte Kimi Räikkönen in seinem Alfa, Startplatz 16, im Alter von 41 Jahren plötzlich auf Platz sechs, was Max Verstappen im Gedächtnis blieb. Er würde darauf zu sprechen kommen.

          Dabei war Hamilton zum 97. Mal in seiner Formel-1-Karriere von der Pole Position gestartet, dieses Rennen sollte vor allem eine Frage beantworten: Gewinnt der Brite hier seinen 92. Grand Prix, überbietet er hier die Bestmarke Michael Schumachers, die er vor 14 Tagen auf dem Nürburgring erreicht hatte?

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          Das wetterbedingte Freispiel hatte ein schnelles Ende. Die Tropfen fielen nur noch vereinzelt, die Feuchtigkeit verdunstete wie die Führung des Spaniers im McLaren. In Runde sechs flog Bottas an Sainz vorbei, keine Viertelstunde später gehörte dieses Rennen einem Mann allein: Lewis Hamilton. Den Teamkollegen Bottas, der ihm in den ersten Kurven entwischt war, hatte er überholt, er legte Runde um Runde sieben, acht, neun Zehntelsekunden und mehr zwischen Bottas und sich. Hamilton, dem manches Mal die Überbeanspruchung der Reifen Probleme gemacht hatte in seiner Karriere, hatte zu Beginn Tempo herausgenommen, um nach der Anfangsphase umso schneller davonzuziehen. „Ich habe mich zurückgehalten“, sagte Hamilton anschließend, Bottas dagegen hatte zu Beginn zu viel riskiert.

          Die Rekordfahrt in eigener Sache glich einem Triumphzug, sie war eine Lehrstunde für Bottas, der anschließend schlicht sagte: „Ich hatte einfach nicht die Pace.“ Und alle anderen waren ohne jede Chance. Der in die Jahre kommende Weltmeisteranwärter Max Verstappen, dem im Qualifying nur zwei Zehntelsekunden gefehlt hatten? Abgeschlagen erreichte er als Dritter das Ziel. Charles Leclerc und Sebastian Vettel in ihren Ferrari erst recht, auch wenn sie ihre SF1000 ein wenig in Fahrt bringen. Leclerc wurde Vierter, Vettel kämpfte sich von Startplatz 15 in die Punkteränge – der Plural allerdings ist kaum angezeigt, für Platz zehn gibt es einen. „Das Gefühl im Auto ist das ganze Jahr ein bisschen murks“, sagte Vettel anschließend. „Auch wenn sich die Runden okay anfühlen, ist es noch ziemlich weit weg.“

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          Zur Halbzeit des Rennens überrundete Hamilton Verstappens Teamkollegen Alex Albon, von Platz sechs gestartet, im nominell zweitstärksten Auto. Die Konkurrenz ist überfordert von der Kombination Mercedes/Hamilton, seit Jahren. Selten wirkte es so offensichtlich wie in Portimão, nicht nur bei Lance Stroll. Der Kanadier wollte seinen Racing Point in Runde 18 auf dem Randstein am McLaren von Lando Norris vorbeidrücken, bei Tempo 280, mindestens. Er hatte Glück, dass er ohne weitere Folgen von der Strecke gekegelt wurde, nur ein Stück des Frontspoilers verlor. Auch Norris konnte die Fahrt fortsetzen.

          Vollkommen schmerzfrei kam der Sieger nicht über die Runden, kurz vor Rennende funkte Hamilton, er habe einen Krampf. Die schnellste Rennrunde fuhr er trotzdem noch. Angesichts des Rekords schien es Hamilton ein wenig die Sprache zu verschlagen, was eine umgehende Bewertung anging. Er bedankte sich über Funk beim Team: „Ich hätte das ohne euch nie erreicht, danke dafür, dass ihr immer an mich geglaubt habt, dass ihr nach Perfektion strebt. Es ist eine Ehre, mit euch zu arbeiten.“

          In Montreal 2007 hatte Hamilton, in seiner ersten Formel-1-Saison bei McLaren, zum ersten Mal einen Grand Prix als Sieger beendet. Dreizehn Jahre später hat er Michael Schumachers Rekord gebrochen. Jene Marke von 91 Siegen, von der viele damals und noch Jahre später sagten, sie würde wohl nie erreicht – bis angesichts der Überlegenheit des Weltmeisterteams und der Konstanz Hamiltons immer deutlicher wurde, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde. Am 1. Oktober 2006 hatte Schumacher zuletzt, in China, gesiegt, am 25. Oktober 2020 ist sein Rekord gefallen.

          77 Punkte Vorsprung hat Hamilton nun in der Weltmeisterschaft, bei fünf ausstehenden Rennen. Den siebten WM-Titel, die Einstellung der wichtigsten Schumacher-Marke, kann Bottas aus eigener Kraft nicht mehr verhindern. Toto Wolff sollte die Leistung des Finnen bewerten, als er durchblicken ließ, was er nun für Hamilton gelten lässt: „Wenn du gegen den Besten aller Zeiten antrittst“, sagte der Mercedes-Teamchef, „hast du es schwer.“ Selbstverständlich geht die rasende Rekordfahrt weiter. Wie hoch wird Lewis Hamilton aus Stevenage, Hertfordshire die Latte legen? „Das hängt davon ab, wie hoch wir sie legen wollen“, antwortete Hamilton später auf der Pressekonferenz. Als der neben ihm sitzende Verstappen den Kurzauftritt Kimi Räikkönens im Vorderfeld zu Beginn des Nachmittags lobend erwähnte, ergänzte Hamilton: „Ich bin 35. Ich frage mich immer, wann der Zenit erreicht ist, wann es bergab geht mit der Leistung. Nach heute zu urteilen, ist es noch nicht so weit.

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