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Formel 1 : Auf Crashkurs mit Ecclestone

Am großen Rad drehen andere: Der Rennstall Sauber kämpft in der Formel 1 um jede Position und jeden Euro. Bild: dpa

Die Rennställe Sauber und Force India wollen einen gerechten Wettbewerb. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Geldverteilung. Die Beschwerde bei der EU könnte das System Ecclestone in der Formel 1 beenden.

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          Das ist ein Frontalangriff. Der Versuch, das Machtsystem von Bernie Ecclestone aufzulösen: In ihrer Verzweiflung nach Jahren diplomatischer Versuche, zu ihrem Recht zu kommen, haben die beiden Formel-1-Rennställe Sauber und Force India nun ihre Drohung wahr gemacht. Am Montagabend erhielt die Wettbewerbskommission der Europäischen Union (EU) eine formale Beschwerde der beiden Teams, die sich gegen die Formel-1-Gruppe richtet. Der Vorwurf ist schwerwiegend: Ein eklatanter Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Sie soll den Aufstieg und das langfristige Überleben kleiner, privater Rennställe systematisch verhindern.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sauber und Force India bestätigten am Dienstag, die EU angerufen zu haben, wollten sich aber darüber hinaus nicht äußern. „Die Teams wollen zeigen, dass das System der Geldverteilung und die Art, wie Regeln festgelegt werden, sowohl unfair als auch ungesetzlich sind (...),“ heißt es in einem Dokument, das dieser Zeitung vorliegt und neben der Begründung auch die Sorgen von Sauber und Force India dokumentiert: „Diese ungesetzlichen Praktiken schaden dem Sport, den Teilnehmern, tausenden von Menschen, die in und um die Formel 1 herum arbeiten und vielen Millionen europäische Fans. (...).

          Sauber und Force India haben deshalb die Kommission angerufen, diese ungesetzlichen Praktiken zu beenden.“ Die Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ließ den Eingang der Klage am Dienstag bestätigen und kündigte eine Prüfung an. Juristische Auseinandersetzungen mit der Formel-1-Führung werden in der Branche grundsätzlich vermieden. Man fürchtet den langen Arm von Ecclestone, der letztlich als Statthalter des Luxemburger Finanzunternehmens CVC, dem Besitzer der Formel-1-Vermarktungsrechte, die Geschäfte führt. Der bald 85 Jahre alte Brite hat sein Führungsposition über Jahrzehnte immer wieder mit Sonderzuwendungen aus der Zentralvermarktung an wichtige Rennställe wie etwa Ferrari gesichert. So sprengte er im letzten Moment jede gefährliche Opposition.

          Vor ein paar Jahren aber dehnte der Engländer seine Strategie unter dem Druck von CVC aus. Das Unternehmen beabsichtigte einen Börsengang und brauchte dazu die Garantie der großen Rennställe, über Jahre in der Formel 1 bleiben zu wollen. Das kostete viel Geld. Ferrari, Red Bull, McLaren, Williams und nach harten Verhandlungen auch Mercedes erhalten Sonderboni unabhängig von den Kriterien, die den Verteilerschlüssel bestimmen: die sportlichen Leistungen und der Verdienst um die Formel 1.

          Kritik nicht nur an der Geldverteilung

          Angeblich kostet die aus dem Einnahmentopf bezahlte Sonder-Kooperation 210 Millionen Euro pro Jahr. 2014 sollen gut 490 der 725 Millionen Euro Preisgeld an die fünf großen der insgesamt zehn Rennställe geflossen sein. Nur bei einer angemessen Verteilung, so die Argumentation von Sauber und Force India, würden die Wettbewerbsregeln halbwegs eingehalten: „Die Begünstigten“, heißt es in der Argumentation, „können wesentlich mehr für die Technik, Forschung, Entwicklung und das Team ausgeben, was den Leistungsunterschied vergrößert und das Ergebnis der Meisterschaft vorherbestimmen.“

          Ecclestone kennt die Vorwürfe. Er hält sie für eine Ablenkung von hausgemachten Fehlkalkulationen bei Sauber und Force India. Deren Attacke geht aber weit über die Kritik an der Geldverteilung hinaus. Schon seit Monaten beklagen sie, von der sogenannten „Strategie-Kommission“ ausgeschlossen zu sein. Dort legen Ecclestone, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes, Jean Todt, und die „Big Five“ fest, welche Technik in Zukunft eingesetzt oder abgeschafft werden soll. „Diese Teams können die Regeln und die Entwicklung der Technik zu ihrem eigenen Vorteil steuern.“

          Vorschlag einer Budget-Deckelung scheiterte

          Sauber und Force India scheiterten mit ihrem Vorschlag, eine Budget-Deckelung zu installieren und die Einführung der teuren wie komplizierten Hybrid-Antriebe zu überdenken. Die Folgen sind in diesen Tagen zu erkennen. Red Bull droht nach der Trennung von den schwachen Renault-Antrieben mit einem Ausstieg, falls nicht Ferrari als neuer Lieferant von Antriebseinheiten erster Qualität einspringt. Private Motorenhersteller haben nicht das Geld, auch nur annähernd gleichwertige Motoren zu bauen.

          Der notgedrungene Crashkurs wird die Formel 1 mächtig in Rotation versetzen. Ecclestone könnte sich nach Ansicht eines Insiders gezwungen sehen, die Überweisung der Sonderzahlungen aufzuschieben, bevor der Fall in Brüssel geklärt ist. Zum Ärger der Profiteure, die, wie Williams, jeden Euro brauchen.

          Mercedes wiederum hat nicht nur wegen seiner Dominanz im WM-Kampf das geringste Interesse, in einen Fall von Wettbewerbsverzerrung hineingezogen zu werden. Bis zur Entscheidung der EU, ob sie die Beschwerde teilt und eingreift, werden Wochen vergehen. Unvorbereitet aber trifft die Kommission der Fall nicht. Die britische EU-Parlammentarierin Anneliese Dodds (Labour) hat vorgearbeitet und vor Monaten eine Untersuchung gefordert. Den langen Arm Ecclestones brauchen Sauber und Force India mit der Veröffentlichung vorerst nicht zu fürchten. Jeder schaut nun hin, ob sie ausgebremst werden. Gefährlich wird es nur, falls Ecclestone die Kurve kriegt.

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