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Bernie Ecclestone : Der Preis der Freiheit

Bernie Ecclestone am Dienstag im Landgericht München Bild: dpa

100 Millionen Dollar, zu zahlen binnen einer Woche – das ist für Bernie Ecclestone der Preis für das Ende seines Prozesses. Nun will er zurück in die Formel 1. Ein Rennen rund um Schloss Neuschwanstein wird es aber nicht geben.

          4 Min.

          Bernie Ecclestone ist ein freier Mann. Aber Unordnung mag er nicht, auch nicht im Gerichtssaal. Also rückt der Chefvermarkter der Formel 1, der Mann, der Dinge so gerne „erledigt“, dass er für diese Fähigkeit einst Adolf Hitler und jüngst Wladimir Putin lobte, seinen Stuhl zurück in Reih und Glied. Die Ordnung ist wieder hergestellt. Ecclestone, so erzählt es sein Anwalt Sven Thomas vor der Tür des Gerichtssaals B173, hat seinen Prozess gewonnen. Doch Ecclestone muss jetzt warten, bis Thomas fertig ist mit seinem Auftritt vor den Kameras. Er ist bald 84 Jahre alt, seine 46 Jahre jüngere Frau Fabiana Flosi hat ihm gerade die Schulter getätschelt. Ecclestone bleibt ein freier Mann, wenn er 100 Millionen Dollar zahlt. 99 Millionen an den Freistaat Bayern, eine Million an eine Kinderhospizstiftung.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Draußen vor der Tür von B173 steht die Luft. Die Menschen drängen sich, Journalisten, Anwälte, die Gerichtssprecherin, der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Schweißperlen rinnen. Es riecht nicht gut. Kameralichter gehen an, aus, wieder an. Das Landgericht München I hat den Prozess gegen Bernie Ecclestone wegen des Vorwurfs der Bestechung eines Amtsträgers und der Anstiftung zur Untreue vorläufig eingestellt. Bis zu zehn Jahre Haft hatten ihm gedroht, aber Ecclestone gilt nicht als vorbestraft, wenn er die 100 Millionen Dollar zahlt, binnen einer Woche. 100 Millionen in einer Woche. „Ist das machbar?“, hatte ihn der Vorsitzende Richter am Morgen gefragt. „Yes“, hatte Ecclestone geantwortet. Verfahrenseinstellungen nach §153 a der Strafprozessordnung gibt es in Deutschland hunderttausendfach jedes Jahr. 100 Millionen für eine Verfahrenseinstellung, das gab es in Deutschland noch nie. Die Summe orientiert sich an den Einkommens- und Vermögenswerten. Der Paragraph wurde wohl noch nie auf jemanden angewendet, der so reich ist wie Ecclestone.

          Vor acht Jahren hatte Ecclestone Gerhard Gribkowsky, dem einstigen Risikovorstand der Bayerischen Landesbank 44 Millionen Dollar gezahlt, aber es darf nun niemand mehr behaupten, er habe ihn bestochen. Gerhard Gribkowsky, der einst die Anteile seiner Landesbank an der Formel 1 unter Ecclestones Vermittlung an die Investmentgesellschaft CVC verkauft hatte, wurde 2012 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Wegen Steuerhinterziehung. Und weil ihm Ecclestone das Geld gezahlt hatte. Verurteilt hatte ihn damals Richter Peter Noll. Derselbe Peter Noll, der an diesem Dienstag im Saal B173, zwanzig Minuten, bevor Ecclestone seinen Stuhl zurecht rückt, das Verfahren gegen ihn eingestellt hat. „Erhebliche Zweifel, dass Ecclestone die Amtsträgereigenschaft Gribkwoskys erkannt hat“, habe das Gericht, führte Noll zur Begründung aus. Kein Wunder, schließlich hatte selbst Kurt Faltlhauser, in den Jahren zwischen 2004 und 2006, als Ecclestone und Gribkowsky ihr Ding mit den Formel-1-Anteilen drehten, bayerischer Finanzminister, als Zeuge in diesem Prozess zu Protokoll gegeben, die Amtsträgereigenschaft der von ihm beaufsichtigten Landesbanker sei für Außenstehende nicht zu erkennen gewesen.

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