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Bernie Ecclestone : Der Preis der Freiheit

Bernie Ecclestone am Dienstag im Landgericht München Bild: dpa

100 Millionen Dollar, zu zahlen binnen einer Woche – das ist für Bernie Ecclestone der Preis für das Ende seines Prozesses. Nun will er zurück in die Formel 1. Ein Rennen rund um Schloss Neuschwanstein wird es aber nicht geben.

          Bernie Ecclestone ist ein freier Mann. Aber Unordnung mag er nicht, auch nicht im Gerichtssaal. Also rückt der Chefvermarkter der Formel 1, der Mann, der Dinge so gerne „erledigt“, dass er für diese Fähigkeit einst Adolf Hitler und jüngst Wladimir Putin lobte, seinen Stuhl zurück in Reih und Glied. Die Ordnung ist wieder hergestellt. Ecclestone, so erzählt es sein Anwalt Sven Thomas vor der Tür des Gerichtssaals B173, hat seinen Prozess gewonnen. Doch Ecclestone muss jetzt warten, bis Thomas fertig ist mit seinem Auftritt vor den Kameras. Er ist bald 84 Jahre alt, seine 46 Jahre jüngere Frau Fabiana Flosi hat ihm gerade die Schulter getätschelt. Ecclestone bleibt ein freier Mann, wenn er 100 Millionen Dollar zahlt. 99 Millionen an den Freistaat Bayern, eine Million an eine Kinderhospizstiftung.

          Draußen vor der Tür von B173 steht die Luft. Die Menschen drängen sich, Journalisten, Anwälte, die Gerichtssprecherin, der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Schweißperlen rinnen. Es riecht nicht gut. Kameralichter gehen an, aus, wieder an. Das Landgericht München I hat den Prozess gegen Bernie Ecclestone wegen des Vorwurfs der Bestechung eines Amtsträgers und der Anstiftung zur Untreue vorläufig eingestellt. Bis zu zehn Jahre Haft hatten ihm gedroht, aber Ecclestone gilt nicht als vorbestraft, wenn er die 100 Millionen Dollar zahlt, binnen einer Woche. 100 Millionen in einer Woche. „Ist das machbar?“, hatte ihn der Vorsitzende Richter am Morgen gefragt. „Yes“, hatte Ecclestone geantwortet. Verfahrenseinstellungen nach §153 a der Strafprozessordnung gibt es in Deutschland hunderttausendfach jedes Jahr. 100 Millionen für eine Verfahrenseinstellung, das gab es in Deutschland noch nie. Die Summe orientiert sich an den Einkommens- und Vermögenswerten. Der Paragraph wurde wohl noch nie auf jemanden angewendet, der so reich ist wie Ecclestone.

          Vor acht Jahren hatte Ecclestone Gerhard Gribkowsky, dem einstigen Risikovorstand der Bayerischen Landesbank 44 Millionen Dollar gezahlt, aber es darf nun niemand mehr behaupten, er habe ihn bestochen. Gerhard Gribkowsky, der einst die Anteile seiner Landesbank an der Formel 1 unter Ecclestones Vermittlung an die Investmentgesellschaft CVC verkauft hatte, wurde 2012 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Wegen Steuerhinterziehung. Und weil ihm Ecclestone das Geld gezahlt hatte. Verurteilt hatte ihn damals Richter Peter Noll. Derselbe Peter Noll, der an diesem Dienstag im Saal B173, zwanzig Minuten, bevor Ecclestone seinen Stuhl zurecht rückt, das Verfahren gegen ihn eingestellt hat. „Erhebliche Zweifel, dass Ecclestone die Amtsträgereigenschaft Gribkwoskys erkannt hat“, habe das Gericht, führte Noll zur Begründung aus. Kein Wunder, schließlich hatte selbst Kurt Faltlhauser, in den Jahren zwischen 2004 und 2006, als Ecclestone und Gribkowsky ihr Ding mit den Formel-1-Anteilen drehten, bayerischer Finanzminister, als Zeuge in diesem Prozess zu Protokoll gegeben, die Amtsträgereigenschaft der von ihm beaufsichtigten Landesbanker sei für Außenstehende nicht zu erkennen gewesen.

          Gribkowskys schwache Auftritte

          Aber Richter Noll hat noch mehr gute Gründe für die Verfahrenseinstellung: Ecclestones Alter. Ecclestones Gesundheitszustand. Seine weite Anreise. Seine Sprachprobleme. Und: „Sofern überhaupt Anklagevorwürfe erhalten bleiben könnten“, sei keine Freiheitsstrafe zu erwarten. Und, gewissermaßen als Looping dieser Prozessachterbahn: „Nicht zuletzt dem Engagement des Angeklagten war zu verdanken, dass der Kaufpreis (die mehr als 800 Millionen Dollar, die CVC schließlich zahlte, d. Red.) für die Formel-1-Anteile nach oben verhandelt werden konnte, so dass die Bayerische Landesbank von einem ‚Traumergebnis’ und einem ‚Lottogewinn’ sprechen konnte.“ Weiter: letztlich sei tatsächlich nicht auszuschließen, das Gribkowsky Ecclestone mit tatsächlichem oder vermeintlichem Wissen über dessen Steuersparmodell für seine Exfrau Slavica Probleme bereiten wollte und konnte, welche Ecclestone mit der Zahlung ausräumen wollte. Das war Ecclestones Version der Gribkowsky-Geschichte. Sie reichte. "Danke sehr", sagt Ecclestone anschließend zu Noll und dem Gericht. "Ich halte mein Wort. Leider sehe ich Sie freundliche Herren nicht mehr wieder. Danke sehr." 

          An diesem Punkt wäre in einem Gerichtsthriller womöglich zu Gribkowsky geschnitten worden. Was denkt der, wenn er liest, zu welchem Schluss das Gericht gegenüber Ecclestone gekommen ist? Es waren seine schwachen, von deutlichen Erinnerungslücken geprägten Auftritte als Zeuge gewesen, die Noll die Gründe für die Verfahrenseinstellung lieferten, die Verteidigung und Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche besprochen hatten. Letztlich, das macht Noll an diesem Dienstag deutlich, wäre es sogar schwer geworden, Ecclestone wegen der einfachen Bestechung im geschäftlichen Verkehr zu verurteilen.

          Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft umfasste 223 Seiten und basierte im Wesentlichen auf Gribkowskys Aussagen. Aussagen, die er als Zeuge nicht in dieser Deutlichkeit wiederholte. Waren die Münchner Ermittler darüber verwundert? „Nein“, sagt Thomas Steinkraus-Koch, ihr Sprecher, als sich die Kamerateams zum größten Teil verzogen haben. Man habe Gribkowsky so kennengelernt, dass er durchaus unterschiedliche Versionen von einzelnen Ereignissen erzähle.

          Keine Rennstrecke rund um Neuschwanstein

          Weiter vorn im Gang steht weiterhin Sven Thomas, Ecclestones Anwalt. Sein Mandant ist inzwischen verschwunden. Also hält sein Anwalt noch die Stellung und erzählt: Erstens, warum die Einstellung nach § 153a der Strafprozessordnung in diesem Fall besser als ein Freispruch sei: „Sie kann mit Rechtsmitteln nicht angefochten werden.“ Zweitens, was Ecclestone jetzt vorhabe: zurück zur Formel 1. „Das ist eine der drei größten Sportveranstaltungen der Welt. Die zweite Saisonhälfte steht an. Alle wollen das, alle Teams, auch Mercedes, wenn ich lese, was Herr Lauda sagt.“ Niki Lauda hatte am Wochenende Ecclestone in dieser Zeitung als voll rehabilitiert und unverzichtbar für die Formel 1 erklärt.

          Thomas will nun noch eines klarstellen, denn als sich vor wenigen Tagen dieses Prozessende abzeichnete, hatte er einem britischen Journalisten gesagt, er werde vorschlagen, für Ecclestones 100 Millionen Dollar könne der Freistaat Bayern eine Rennstrecke ums Schloss Neuschwanstein bauen: „Das war ein Scherz.“ Ecclestone wird er gefallen haben.

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