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Formel 1 in Kanada : Ein Überraschungsgegner für Mercedes

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Noch nicht ganz Kopf-an-Kopf: Doch Red Bull bedrängt Mercedes immer mehr. Bild: dpa

Vor dem Großen Preis von Kanada ist aus den schlechtesten Verlierern der Formel 1 der größte Konkurrent für die Weltmeister von Mercedes geworden. Beim ersten freien Training in Montreal dominieren dennoch die Altbewährten.

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          Der Gegner ist neu. Der Red Bull stand nicht auf der Rechnung. Deshalb ist er gefährlich. Mercedes richtete sich für die Saison 2016 auf einen Zweikampf mit Ferrari ein. Der Traditionsrennstall streute schon im vergangenen Jahr dreimal Sand in die Siegesmaschinerie der Silberpfeile. Im Winter kündigte Ferrari-Chef Sergio Marchionne die Konzentration auf das Unternehmen WM-Titel an. Bei den Wintertestfahrten hatten Mercedes-Teamchef Toto Wolff, Außenminister Niki Lauda und Technikdirektor Paddy Lowe nur Augen für den roten Gegner.

          Red Bull, der Rennstall, der von 2010 bis 2013 alle Titel abgeräumt hatte, kam in den ersten drei Rennen unverdächtig daher, schien sich in seinem Glaubenskrieg gegen die Hybrid-Formel aufgerieben zu haben. Er hatte es sich mit Motorenpartner Renault verscherzt. Star-Konstrukteur Adrian Newey arbeitet nur noch Teilzeit für die Formel 1. Sebastian Vettel setzte sich zu Ferrari ab. Red Bull agierte in dem irrigen Glauben, es gebe nur eine Daseinsberechtigung, wenn man alles gewinnt. Selten gab es einen schlechteren Verlierer. Die Limonadehersteller witterten überall eine Verschwörung, die es nur darauf abgesehen hatte, die eigene Siegesmaschinerie zum Straucheln zu bringen.

          Ende 2015 steht Red Bull ohne Motor da

          Ende 2015 stand Red Bull zwei Monate ohne Motor da. Keiner hatte Lust, mit einem Rennstall zu arbeiten, der die Schuld nur bei anderen sucht. Bis sich Renault dann doch für eine weitere Saison erbarmte, sich dafür aber ein Schmerzensgeld von 27 Millionen Euro zahlen ließ. Offiziell heißt die Antriebseinheit jetzt wie eine Uhr. TAG Heuer ließ sich das eine bekömmliche Summe kosten. Red Bull ist bei Renault nur noch die Nummer zwei. „Wir entwickeln den Motor für unser Werksauto, und Red Bull muss nehmen, was dabei herauskommt“, stellt Sportdirektor Cyril Abiteboul klar. Die Lektion zeigte Wirkung.

          Über den Winter besann sich Red Bull wieder auf seine Qualitäten. Es ist fast so, als hätten sie das Rad um sieben Jahre zurückgedreht. Als man gerade anfing, das Establishment mit den richtigen Entscheidungen, den besten Leuten und Werkzeugen und der effizientesten Aerodynamik herauszufordern. Als die Sympathiewerte noch im positiven Bereich lagen. Red Bull hat aufgehört, über das Reglement zu schimpfen, das dem Motor mehr Bedeutung als der Aerodynamik gibt. Man mag es immer noch nicht, arrangiert sich aber. Und man findet den Motorenpartner Renault plötzlich wieder „cool“. Red Bull hat den Vertrag in Monte Carlo gleich bis 2018 verlängert und das Juniorteam Toro Rosso wieder zurück ins Boot geholt.

          Renault hat über den Winter auf seiner größten Baustelle aufgeräumt. Die Antriebseinheit, die 2015 noch eine Wundertüte war, ist plötzlich das zuverlässigste Aggregat im Feld. Kein anderer Hersteller weist eine so geringe Fehlerquote auf. Die Ausbaustufe, die in Monte Carlo debütierte, hat 30 PS mehr zu bieten. „Auf Mercedes fehlt uns von der Motorseite her noch eine halbe Sekunde“, beziffert Chefingenieur Remi Taffin das Defizit. Fahrzeug-Konstrukteur Adrian Newey verteilt Lob statt Ohrfeigen: „Es ist eine andere Welt bei Renault. Alles, was sie versprechen, kommt auf der Rennstrecke an.“ Das RB12-Chassis ist dem Mercedes mindestens ebenbürtig. Auch beim Reifenmanagement wissen die Red-Bull-Ingenieure, was sie tun. Genau dort hat der vermeintliche Mercedes-Herausforderer Ferrari seine Schwächen.

          Es ist deshalb kein Zufall, dass Red Bull und nicht Ferrari zur Stelle war, als Mercedes in Barcelona strauchelte. Und auch das Rennen in Monaco gewonnen hätte, falls beim Boxenstopp von Daniel Ricciardo die richtigen Reifen gelegen hätten. Der Australier war der schnellste Mann auf der Strecke. Und ärgerte sich entsprechend: „An einem Tag, an dem wir Mercedes aus eigener Kraft schlagen können, dürfen wir uns solche Fehler nicht erlauben.“ Mercedes-Teamchef Toto Wolff bilanziert: „Im Augenblick sieht Red Bull stärker aus als Ferrari.“ Für die Zukunft allemal – auch wenn im ersten Training zum Großen Preis von Kanada in Montreal (Start: Sonntag 20 Uhr / Live auf RTL, bei Sky und im Formel-1-Ticker auf FAZ.NET) an diesem Freitag Lewis Hamilton die schnellste Zeit fuhr und Sebastian Vettel hinter Nico Rosberg den dritten Platz belegte.

          Ferrari reagiert mit Emotionen und Leidenschaft. Das war noch nie ein guter Ratgeber. Red Bull hat einen Plan und drängt Mercedes für die nächsten Jahre jetzt schon in die Ecke. Mit Ricciardo und Wunderkind Max Verstappen haben die Österreicher eine der besten und jüngsten Fahrerpaarungen unter Vertrag. Mercedes kann sich deshalb bei den Fahrern keine Experimente leisten. Eine Fortsetzung der Ära Hamilton-Rosberg ist praktisch Pflicht. Red Bull hat auch hinter den Kulissen gewaltig aufgerüstet, um die silberne Bastion einzureißen. Kürzlich wurden 30 Millionen Euro in einen neuen Simulator und Prüfstand investiert. In dem 360-Grad-Simulator steht das Auto auf einer Plattform, die sich komplett um die vertikale Achse drehen kann. Der Schlitten mit dem Chassis fährt beim Bremsen und Beschleunigen vor und zurück. Das vermittelt dem Fahrer einen realeren Eindruck der Fliehkräfte.

          Nie war das Labor näher an der Rennstrecke. In einem Nebenraum fährt das Auto auf dem neu entwickelten Rollenprüfstand samt Motor, Getriebe und Reifen so, als wäre es auf der Rennstrecke. Das kann 2017 für Red Bull zur Trumpfkarte werden. Weil die Formel 1 mit breiteren Autos und Reifen Neuland betritt. Während die Konkurrenz sich auf die offiziellen Winter-Testfahrten beschränken muss, kann Red Bull Tag und Nacht fahren. Und zwar auf jeder beliebigen Rennstrecke. So profitiert auch Renault. „In Viry sind sie mit den Prüfständen noch nicht so weit“, berichtet Red- Bull-Berater Helmut Marko. Niki Lauda staunt: „Da ist uns Red Bull einen Schritt voraus.“ Auf dem VTT-Prüfstand von Mercedes lassen sich nur Motor und Getriebe im Auto testen. Vom Chassis selbst gibt es keine Fahrdaten. Jetzt muss Renault nur noch 50 PS finden. Dann hat Mercedes auf jeder Rennstrecke einen Gegner.

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