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Michael Schumachers Leid : Die Schamlosigkeit der anderen

  • -Aktualisiert am

Michael Schumacher verunglückte vor zwei Jahren beim Skifahren. (Archivfoto aus dem September 2012) Bild: dpa

Bei der Falschmeldung zum Zustand Michael Schumachers ging es um die Aufmerksamkeit der Schaulustigen. Erbärmlich. Wer Schumacher helfen will, sollte ihn und seine Familie in Ruhe lassen.

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          Vielleicht wurde die Falschmeldung lanciert, um eine Reaktion zu erzwingen: Michael Schumacher kann wieder gehen! Wie sehr hätte man ihm an diesem Dienstag, genau zwei Jahre nach den tragischen Folgen seines Skiunfalls, diesen Fortschritt gegönnt. Umso bitterer ist es, die Wahrheit akzeptieren zu müssen. Nicht allein das Dementi der Familie zur Behauptung in der „Bunten“, sondern eben auch die Respektlosigkeit.

          Es gibt immer noch Zeitgenossen, die glauben, ein Recht auf Einsicht in die Krankenakte des deutschen Formel-1-Rekordpiloten zu haben. Die im Namen seiner Fans auf Zustandserklärungen pochen, weil Millionen doch sonst nicht Anteil nehmen könnten am Schicksal dieses Mannes.

          Als seien die Menschen nicht phantasiebegabt genug, zwei Jahre einer strengbehüteten Pflege Schumachers interpretieren zu können. Nein, es ging bei dieser Weihnachtsbotschaft nicht um die Verbreitung einer guten, sorgfältig recherchierten Nachricht, sondern um die Aufmerksamkeit der Schaulustigen. Erbärmlich.

          Dass Sportler wegen ihrer Prominenz nicht das Recht auf ein Privatleben aufgeben, ist längst von Gerichten bestätigt worden. Selbst extravagante Selbstdarsteller, die keine Gelegenheit auslassen, sich vor der Öffentlichkeit zu inszenieren, genießen einen gewissen Schutz, wenn sie sich zurückziehen wollen. Warum soll das nicht für Schumacher gelten?

          Ihm war doch das Jetset-Leben auf dem Boulevard fremd. Es reichte dem Rheinländer, bei der Arbeit in einem Glaskasten zu sitzen, ständig überwacht durch die Datenaufzeichnungen und verfolgt auf Schritt und Tritt von Kameras. Zur Rennstrecke nach Hockenheim musste er sich einst im Kofferraum transportieren lassen. Die Zuneigung hatte erdrückende Ausmaße angenommen.

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          Wer die Showbühnen neben dem Sport so gut es geht meidet, wer sich relativ früh zurückzieht und nichts mehr meistbietend preisgibt von dem, was den prominenten Sportler vom Privatier unterscheidet, der hat sich nicht mit Haut und Haaren verkauft. Dabei lag dieser Weg nahe. Hätte Schumacher intimere Blicke zugelassen, dann wäre die Polarisierung in Deutschland - hier der Beste von allen, dort der Rücksichtsloseste - zweifellos relativiert worden. Ist dieser Siegertyp vielleicht doch nicht so hart, wie es scheint?

          Das Privatleben war Schumacher wichtiger als eine Imagepolitur. Diese Konsequenz, mit der er jahrelang seine Kinder schützte, hat großen Respekt verdient. Wer Schumacher helfen will, sollte ihn und seine Familie in Ruhe lassen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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