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40 Jahre nach Jochen Rindts Unfall : Tod eines glücklichen Mannes

  • -Aktualisiert am

Jochen Rindt: Draufgänger, Sicherheitsapostel, Freund, Snob, Frauentyp, Familienvater, Sportsmann, Weltmeister Bild: dpa

Vor 40 Jahren raste Jochen Rindt in Monza in die Leitplanken. Österreich fühlte sich, „als wäre die Sonne ausgeknipst“. Mit 23 und einem Sieg in Le Mans war er endgültig zur Berühmtheit geworden, mit 28 tot - und Formel-1-Weltmeister.

          Bei Lotus werde ich Weltmeister – oder ich bin tot.“ Jochen Rindt behielt recht, in beiderlei Hinsicht. Am 5. September 1970 verunglückte der in Mainz geborene Österreicher in einem Boliden des Rennstallbesitzers und Konstrukteurs Colin Chapman während des Trainings zum Großen Preis von Italien in Monza tödlich. Er war 28 Jahre alt. Zwei Monate später wurde seiner Witwe Nina die Trophäe für den Gewinn des Fahrerchampionats überreicht. Jochen Rindt ist als einziger Weltmeister, der posthum den Titel gewann, in die Formel-1-Geschichte eingegangen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          In Österreich geriet Rindt nie in Vergessenheit. Ein Buch, eine Fotoausstellung, zwei Fernsehdokumentationen und zahlreiche andere Veranstaltungen auf Biertischniveau erinnern an seinen 40. Todestag. Vergangenes Jahr wurde ihm in Salzburg eine Rennfahrer-Oper gewidmet und aufgeführt, die offizielle Homepage jochen-rindt.at ist ein Dauerrenner im Internet.

          Mit seinen ersten internationalen Erfolgen begann in der Alpenrepublik eine Heldenverehrung, an deren Charakter sich bis zum heutigen Tag nichts geändert hat. Dass der Sohn eines Gewürzmühlenbesitzers seine deutsche Staatsbürgerschaft nie ablegte, tat der Bewunderung in Österreich keinen Abbruch. Ein zu vernachlässigender Aspekt, schließlich fuhr Rindt mit österreichischer Rennfahrerlizenz. Der Deutsche wuchs seit seinem zweiten Lebensjahr bei den Großeltern in Graz auf, nachdem die Eltern während eines Luftangriffs ums Leben gekommen waren.

          Schon mit Anfang 20 eine der größten Sportlerpersönlichkeiten: Rindt 1966 beim 1000-km-Rennen am Nürburgring

          Rindt brachte die Alpenrepublik erst auf die Landkarte des Motorsports. „Unbekannter Australier schlägt Graham Hill“, hieß die Überschrift in einer englischen Zeitung, nachdem der Neuling 1964 sein zweites Formel-2-Rennen vor dem Weltmeister aus England gewonnen hatte. Der Journalist konnte sich nicht vorstellen, dass die Landesangabe „Austria“ im Programm die richtige war.

          Im Alter von 23 wurde Rindt endgültig zur Berühmtheit, als er 1965 gemeinsam mit dem Amerikaner Masten Gregory die 24 Stunden von Le Mans gewann. Aber seine Bewunderer sahen in ihm viel mehr als den Rennfahrer. Rindt gehörte schon mit Anfang 20 zu den größten Sportlerpersönlichkeiten. Seine Erscheinung bot den Fans eine ungeheure Projektionsfläche. Jeder konnte an dem Mann mit dem Raubvogelgesicht etwas finden. Rindt verkörperte den robusten Draufgänger (haarsträubende Driftwinkel), den verantwortungsbewussten Sicherheitsapostel (Wortführer der Fahrer gegen die Rennstreckenbesitzer), den kühlen Geschäftsmann (Teammanager und Ausstellungschef), den verlässlichen Freund (Grazer Clique, Mechaniker), den Snob (Jaguar E, Kamelhaarmantel, rosa Hosen), den Frauentyp und Familienvater (glücklich mit dem Model Nina Lincoln verheiratet, Tochter Natascha) und den respektierten, fairen Sportsmann (Stewart und Ickx huldigten Rindts Verhalten im Zweikampf). Die Presse bezeichnete den Rennfahrer abwechselnd als Playboy, James Dean oder Popstar.

          Der Ehrgeiz treibt ihn zu Chapmans Lotus-Team

          Viel besser als die verschiedenen Etiketten und auch die Rennergebnisse charakterisieren ihn seine Entscheidungen, die seine Laufbahn beförderten oder auch bremsten. Kaum volljährig, verkaufte er Anteile seiner geerbten Fabrik, um nach zwei Jahren in allen möglichen Kisten und Klassen endlich in den richtigen Motorsport einzusteigen. Er erwarb einen Formel-2-Boliden von Brabham, engagierte einen Mechaniker und los ging die Hatz gegen die Weltklasse. Nach einem halben Jahr schon durfte der Privatier sein Formel-1-Debüt auf dem Österreich-Ring geben, zum Jahresende erhielt Rindt einen Dreijahresvertrag bei Cooper.

          Auch als Angestellter mischte sich der bisherige Motorsport-Unternehmer in alles ein. Ein Dauerzwist mit seinem Cooper-Teamchef Roy Salvadori entstand, der ihm manchmal zum Nachteil gereichte, aber ihm den Respekt der Branche einbrachte. 1965, mit 23, veranstaltete Rindt zum ersten Mal seine gleichnamige Rennwagen-Show in Wien, die ein riesiger finanzieller Erfolg wurde. „Ich will nicht abhängig sein vom Motorsport. Ausgebrannte Rennfahrer, die weitermachen müssen, obwohl sie nicht mehr wollen, gibt es genug“, erklärte Rindt damals. Parallel zur Formel 1 betrieb der Österreicher seinen eigenen Formel-2-Rennstall. Rindt, Fahrer und Teamchef in Personalunion, wurde zum König der kleineren Formel, in der sich damals noch einige Weltklassefahrer tummelten.

          In der Formel 2 holte er sich das Selbstvertrauen, das er in seinen durchwachsenen Formel-1-Jahren von 1965 bis 1968 zu verlieren drohte. Rindt galt zwar nach dem Tod von Jim Clark zusammen mit dem Schotten Jackie Stewart als anerkannt schnellster Mann im Feld, aber auch nach der vierten Saison fuhr er dem ersehnten Grand-Prix-Sieg noch hinterher.

          Sein Ehrgeiz trieb ihn 1969 schließlich zu Lotus. Die Rennwagen des genialen Konstrukteurs Colin Chapman waren in aller Regel die schnellsten, aber oft auch die zerbrechlichsten. Rindt sah in dem Vertrag auch einen Pakt mit dem Teufel, er unterschrieb ihn erst nach einem halben Jahr. Die Korrespondenz mit seinem Chef, in der er mehr Tests und stärkere Fahrzeugteile forderte, ist in der Branche legendär. Der heutige Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, damals Rindts Freund und Berater, übernahm die Vermittlung. „Ich musste den beiden dann gegenseitig etwas vom anderen ausrichten“, erzählte Ecclestone in einem Interview.

          „Jochen starb als glücklicher Mann“

          Auch die Sicherheit an den Rennstrecken war Rindt nach Clarks Tod, den er für ein Fahrgenie hielt, ein Anliegen. Für sich und seine Kollegen erstritt er einige Verbesserungen. Gemessen an den heutigen Standards blieb die Formel 1, wie die anderen Motorsportklassen auch, aber ein Spiel mit dem Tod. In seinen sechs Formel-1-Jahren verlor Rindt zehn Kollegen, darunter Freunde wie Piers Courage und Bruce McLaren. Rindt hatte haarsträubende Unfälle mit dem Lotus-Rennwagen zu überstehen, ehe er mit dem Sieg in Watkins Glen in den Vereinigten Staaten im Oktober 1969 seine Pechsträhne beendete. 1970 wurde dann sein Jahr. Nach einigen Ausfällen zum Saisonstart, gewann Rindt fünf Grand Prix, davon vier in Folge. Damit lag er nach zehn von 13 Grand Prix fast uneinholbar in Führung.

          Dann brach im Training zum Großen Preis von Italien eine Bremswelle, der Lotus, Modell 72, wurde unkontrollierbar, beim Aufprall in die Leitplanken erlitt Rindt tödliche Verletzungen. Eine Zeitung verglich die Bestürzung im Land mit dem Satz: „Als wäre über Österreich die Sonne ausgeknipst worden.“ Bei der Beerdigung in Graz erwiesen ihm die Kollegen die letzte Ehre. Jackie Stewart, Jack Brabham, Graham Hill und viele andere standen mit tausenden Trauernder am Grab. Jacky Ickx, der Einzige, der Rindt noch den Titel nehmen konnte, versuchte die Witwe zu trösten: „Jochen starb als glücklicher Mann.“ Der Belgier war es erst wieder, als er seine letzte WM-Chance verspielt hatte. „Ich wollte Jochen den Titel nicht rauben.“

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