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24 Stunden von Le Mans : Elektroschub für einen Klassiker

Audi dominierte die Qualifikation und besetzt beim Start die erste Reihe Bild: AFP

Das 24-Stunden-Rennen in Le Mans hat den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft, ohne seinen Reiz zu verlieren. Bei dieser Ausgabe stehen die technisch fragilen Hybridmodelle vor einer großen Herausforderung.

          3 Min.

          John Francis Duff war in der Welt schon ein wenig herumgekommen, bevor es ihn zum ersten Mal nach Le Mans zog. Als Sohn kanadischer Händler 1895 in China geboren und im Weltkrieg bei der dritten Flandernschlacht in den Gräben von Ypern verwundet, wurde er anschließend von einer Krankenschwester so gut gepflegt, dass er sie erstens heiratete und er sich zweitens seinem hochmodernen Hobby widmen konnte: Auto fahren. Nach dem Verständnis der Menschen des 21. Jahrhunderts war Duff Rennfahrer.

          1922, das Auto wurde mehr und mehr zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell, gründete Duff eine Autohandlung für das Fabrikat Walter Owen Bentleys. Bentley baute ein Fahrzeug, das sich bestens zu eignen schien für jenes Abenteuer, dass 1923 in Le Mans geplant war: ein Rennen rund um die Uhr, dessen Sieger derjenige sein sollte, der in 24 Stunden die längste Distanz über die öffentlichen Straßen rund um die Provinzstadt im Westen Frankreichs zurücklegen würde. Ein echter Test der Ausdauer von Mensch und Maschine, eine echte Herausforderung für Captain Duff: So schnell wie möglich, so weit wie möglich.

          Duff schrieb sich als Erster in die Teilnehmerliste ein, die seither ein wenig länger geworden ist: Inzwischen sind die 24 Stunden von Le Mans das älteste noch ausgetragene Autorennen der Welt. Es wird an diesem Samstag um 15 Uhr zum 80. Mal gestartet. Zwischen Duffs Abenteuer, das er gemeinsam mit Frank Clement auf Platz vier beendete, und den 56 Teams, die 2012 an den Start gehen, liegen 89 Jahre. Und doch hat sich beim Rennen an der Sarthe manches nicht geändert, wird mancher Anachronismus mit Hingabe gepflegt.

          Noch immer zieht es Jahr für Jahr Briten an, kommen Zehntausende, oft gut situierte Besucher von der Insel jenseits des Kanals. Was für den einen die Royal Regatta in Henley-on-Thames oder die Races in Ascot, ist für andere Briten Le Mans: ein gesellschaftliches Ereignis. Ihre Anreise erfolgt meist ganz im Geiste Duffs: möglichst schnell und vergleichsweise laut bei intensivem Einsatz des Gaspedals.

          Herausforderung für Mensch und Material

          Besonders geeignet: Bentley, Bugatti, Jaguar, Aston Martin, Ferrari, Porsche, BMW. Man könnte auch sagen: In ist, was drin ist, denn die Siegerliste der „24 heures du Mans“ liest sich auffallend ähnlich. Wenn der Sportwagen auf dem Parkplatz abgestellt ist, beginnt ein einzigartiges anglo-französisches Volksfest.

          Noch immer aber zieht das Rennen auch Teilnehmer an, die ihren Einsatz mit der Herausforderung von Mensch und Material begründen, dem Zeitgeist folgend inzwischen mit einem zartgrünen Anstrich versehen. Audi schickt erstmals zwei Autos mit Hybridantrieb an den Start, ebenso Toyota, der mutmaßlich einzige Konkurrent um den Gesamtsieg.

          Der stärkste Konkurrent Toyota wurde Dritter
          Der stärkste Konkurrent Toyota wurde Dritter : Bild: AFP

          Drei Jahre nach dem Ausstieg aus der Formel 1 kehren die Japaner in den großen Motorsport zurück - nicht von ungefähr in das einzige Autorennen der Welt, das seine globale Ausstrahlung neben der allumfassenden Präsenz der Formel 1 des Bernie Ecclestone bewahren konnte.

          Lediglich 18 Testtage liegen hinter dem schnellen Prototyp namens TS030 Hybrid. Doch im Abschlusstraining landete der Brite Anthony Davidson in seinem Toyota auf Rang drei, umgeben von Audis: Die Pole Position besetzte der Vorjahressieger André Lotterer. Aber in kaum einem Rennen auf der Welt ist der Startplatz irrelevanter - es gewinnt die beste Kombination aus Geschwindigkeit und Konstanz, auch daran hat sich seit Duffs Tagen nichts geändert.

          Vermarkten lassen sich nur Gewinner

          Die technisch fragilen Hybridmodelle, die beim Bremsen gespeicherte elektrische Energie im Gegenwert von 200 PS bis zu siebenmal auf der 13,6 Kilometer langen Runde des Circuit de la Sarthe freisetzen können und deshalb auf dem Papier einen Vorteil haben, stehen vor einer einzigartigen Herausforderung. Audi schickt deshalb noch zwei Wagen ins Rennen, die auf den zusätzlichen Elektroschub verzichten.

          Denn auch in Le Mans gilt: Vermarkten lassen sich nur Gewinner, ein Sieg ohne Hybrid ist besser als kein Sieg. Erst recht, wenn sich die Öffentlichkeit an den Erfolg gewöhnt hat. In den vergangenen zwölf Jahren hieß der Sieger mit zwei Ausnahmen stets Audi. Toyota, bei zwei Starts 1998 und 1999 stets schnell, aber unzuverlässig, will den ersten Erfolg in Le Mans. Ohne Ausdauer wird es kaum gehen. Auch John Francis Duff gewann erst 1924 im zweiten Anlauf an der Sarthe.

          1955 starben Pilot Levegh und 83 Zuschauer

          Beim automobilen Rausch in Le Mans, an dessen Anfang der kanadische Captain steht, ließen seither 21 Rennfahrer ihr Leben. Die schweren Unfälle, die Audis Piloten Alan McNish und Mike Rockenfeller im vergangenen Jahr nahezu unverletzt überlebten, belegen die immensen Verbesserungen der Fahrersicherheit in den vergangenen Jahren.

          Und doch steht Le Mans auch für die größte Katastrophe in mittlerweile mehr als einhundert Jahren Motorsport: Bei einer Kollision des Mercedes-Piloten Pierre Levegh mit dem Austin Healey von Lance Macklin starben 1955 Levegh und 83 Zuschauer. Der Kriegsveteran Duff überlebte dagegen seine gefährlichen Abenteuer im Automobil. Er starb 1963 bei einem Reitunfall.

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