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24-Stunden-Rennen : Glücksmomente in Le Mans

Der Sonne entgegen: Das Rennen in Le Mans ist schon alleine wegen seiner Dauer ein Spektakel Bild: dapd

Wer an der Sarthe siegt, hat Tag und Nacht hart dafür gearbeitet. Audi gewinnt zum elften Mal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Toyota-Fahrer Davidson überlebt es. Es ist das größte Geschenk dieser Ausgabe.

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          „Il n’y a pas des petits cadeaux“, ruft der Losverkäufer an seinem Stand vor dem Riesenrad ins Mikrofon. „Es gibt keine kleinen Geschenke“, nicht neben der Rennstrecke von Le Mans und schon gar nicht darauf. Der Losverkäufer bietet Plüschhasen im XXXL-Format, der Veranstalter einen größeren Preis: den Sieg beim ältesten noch ausgetragenen Autorennen der Welt, der 80. Auflage der 24 Stunden von Le Mans.

          Wer an der Sarthe siegt, hat Tag und Nacht hart dafür gearbeitet. Und trotzdem endet kaum ein Rennen, ohne dass sich mancher Pilot bei höheren Mächten seiner Wahl bedankt für das größte Geschenk in der Verlosung: sein Leben. Auch die Jubiläumsausgabe des Langstrecken-Klassikers macht da keine Ausnahme.

          Am Freitagnachmittag, knapp 24 Stunden vor dem Start, regnet es in Strömen. Im Zentrum von Le Mans spielen die Kapellen zur Fahrerparade auf. Links und rechts der Umzugsroute drängen sich Fans, wer nicht auf die 56 Pilotentrios wartet, steht am Bierstand. Als nach zwei Stunden die Audi-Piloten Allan McNish, Rinaldo Capello und Tom Kristensen präsentiert werden, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt, Tendenz rheinischer Karneval.

          Für Tausende Dänen ist Rekordsieger Kristensen, der achtmal in Le Mans gewonnen hat, Grund genug, eine Woche im Westen Frankreichs zu campieren, um Motorsport zu erleben, wie es ihn andernorts nicht mehr gibt. Kristensen schätzt die Aufmerksamkeit. Vor dem Rennen besucht er mit seinem Team stets die Zeltstadt des „Dänenlagers“. Im Juli wird er 45, er sieht sich und seine Teamkollegen, den Italiener Capello (48) und den Schotten McNish (42), als „elder statesmen“ mit einem Ziel: endlich wieder ein Sieg. Der letzte liegt vier Jahre zurück.

          Sieg im Prototypen: Lotterer dominiert in Le Mans in einem Dieselhybrid-Audi
          Sieg im Prototypen: Lotterer dominiert in Le Mans in einem Dieselhybrid-Audi : Bild: dpa

          „Wir wollen weitermachen, wo wir letztes Jahr bei unserem Unfall unterbrochen wurden“, sagt McNish. Aber das Alter? „Das Rennen ist so schwierig, es ist fast unmöglich, alles hundertprozentig zu erledigen. Wir sind die ganze Woche beschäftigt. Abnahme, Training, Qualifikation, Fahrerparade, Pressetermine. Als junger Fahrer war ich fertig, bevor das Rennen überhaupt losging. Heute bleibe ich im Bett liegen, wenn ich morgens um sieben wach werde. Samstags nachmittags um drei, wenn das Rennen beginnt, muss ich fit sein.“

          Samstagnachmittag, kurz vor drei. Die Hymnen laufen vom Band, Flaggen werden gehisst. Teilnehmer aus Indien, Saudi-Arabien, den Emiraten, Russland – längst ist auch Le Mans globalisiert. Zehntausende Briten singen zum Schutz für die zweite Elisabeth. Sie sind noch zahlreicher als die Dänen in Le Mans. Als Schlussakkord wird die Marseillaise gespielt, nicht vom Band, sondern von der Kapelle und mit Sängerin im Ballkleid. Der Regen zieht ab, die Sonne zeigt sich.

          Ein Sieg Toyotas wäre eine große Überraschung

          Audi startet wieder als großer Favorit, vier Autos haben die Ingolstädter Werksteams im Rennen. Statt Peugeot ist Toyota der große Konkurrent, wie Audi mit zwei Hybridfahrzeugen im Rennen. Die Japaner sind schnell, haben starke Fahrer von Peugeot abgeworben, aber ihren TS030 wenig getestet. Ein Sieg wäre eine große Überraschung. Audi behauptet, die Kosten des Einsatzes erreichten nicht die dreistellige Millionenmarke – auf Formel-1-Niveau ist der Aufwand aber allemal.

          Die beiden Audi R18 mit dem Hybridantrieb „etron quattro“, bei denen die Vorderachse siebenmal pro Runde kurzfristig über die beim Bremsen gespeicherte Energie angetrieben wird, übernehmen zunächst die Führung. Nach zwei Stunden, die weit mehr als 500 PS starken Prototypen überrunden längst die schwächeren Chevrolet Corvette, Porsche 911 und Ferrari der GT-Klasse, holen die Toyota-Piloten kontinuierlich auf.

          Letzter Check: Mechaniker wechseln beim Warm Up an Lotterers Audi die Reifen
          Letzter Check: Mechaniker wechseln beim Warm Up an Lotterers Audi die Reifen : Bild: REUTERS

          Als sich der Sonnenuntergang ankündigt, wird es gefährlich. Die Route Nationale 138 führt in westlicher Richtung von Le Mans nach Tours. An den Renntagen trägt sie einen anderen Namen: „Ligne droite des Hunaudières“, die Hunaudières-Gerade. Die Autos rasen sie mit mehr als 300 Kilometer pro Stunde entlang. „Wenn die Sonne untergeht und direkt ins Visier scheint, kannst du nur beten, dass dich ein langsamerer Fahrer im Rückspiegel sieht“, sagt Marco Werner. Er hat dreimal mit Audi in Le Mans gewonnen – auch, weil er stets gesehen wurde.

          „In den Fahrersitzungen wird immer gesagt, dass die langsameren Fahrzeuge ihre Linie halten dürfen. Gleichzeitig bekommen sie von den Streckenposten blaue Flaggen gezeigt“, sagt Werner: „Da stellt sich doch die Frage, ob dem Veranstalter klar ist, was die blaue Flagge bedeutet.“ Die Antwort: Dem schnelleren Auto ist die Ideallinie freizugeben. Um kurz vor acht liegt Toyota auf Platz zwei und drei. Um 19.59 Uhr geht der Franzose Nicolas Lapierre mit der Startnummer sieben in Führung.

          Der Anpressdruck geht verloren

          Der Engländer Anthony Davidson will eine Minute später den Anschluss nicht verlieren. Er versucht am Ende der Geraden, vor dem Einlenken in die Mulsanne-Kurve einen langsameren Ferrari auszubremsen, er ist schon auf gleicher Höhe. Doch der Ferrari-Fahrer, Piergiuseppe Perazzini, ein sogenannter Gentleman-Pilot im gesetzten Alter von 56 Jahren, zieht trotz geschwenkter blauer Flagge nach innen, rammt Davidson.

          Sofort stellt sich der Toyota quer, der Anpressdruck geht verloren, das Auto steigt in die Luft, überschlägt sich dabei erst über die Längs- und dann die Querachse. Nach 80 Metern schlägt Davidsons Bolide mit dem vorderen linken Kotflügel voraus in die Streckenbegrenzung ein – mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde. Das Fernsehen zeigt zunächst die erschütterte Toyota-Crew in der Box und einen entgeisterten, aber unverletzten Perazzini.

          Heißer Asphalt: Lotterer führt das Feld vom Start weg an
          Heißer Asphalt: Lotterer führt das Feld vom Start weg an : Bild: REUTERS

          In der Zwischenzeit befreit sich Davidson aus dem Auto und bleibt auf dem Kotflügel liegen. Ein Arzt bringt ihn ins Streckenhospital, später in ein Krankenhaus. Davidson erleidet zwei Brustwirbel-Brüche. „Das war heftig“, zitiert ihn sein Team: „Zu diesem Zeitpunkt des Rennens im Krankenhaus zu liegen, hatte ich nicht vor.“ Er liegt, aber er lebt. Es ist das größte Geschenk dieser Le-Mans-Ausgabe.

          In der Nacht fällt der zweite Toyota mit Motorschaden aus. Der Weg für Audi zum elften Sieg in vierzehn Jahren ist frei. McNish, Capello, Kristensen und die Vorjahressieger André Lotterer, Benoît Tréluyer und Marcel Fässler kämpfen um den ersten Rang. Um zwölf Uhr, drei Stunden vor Rennende, scheinen die „elder statesmen“ nicht zu bremsen. McNish führt.

          Nick Heidfeld wird Vierter

          Um zehn nach zwölf rutscht der Schotte von der Piste und beschädigt die Frontpartie seines Autos. Zehn Minuten später ist der Schaden repariert, doch die Siegchancen sind dahin. Das Team mit Lotterer siegt vor rund 240.000 Zuschauern mit 378 Runden vor Kristensen samt Kollegen sowie einem konventionell angetriebenen Audi, unter anderen mit Mike Rockenfeller am Steuer.

          Vierter wird der frühere Formel-1-Pilot Nick Heidfeld (Lola). 400 Meter von McNishs Unfallstelle werden die Lose des Verkäufers zu Glückshasen. Die Schlangen vor den Bierständen sind lang, trotz der letzten Nacht. Nur die Dänen wirken ein bisschen bedrückter.

          Schnelle Ringe: Die Audi-Piloten lassen sich nach dem Rennen mit offenen Türen feiern
          Schnelle Ringe: Die Audi-Piloten lassen sich nach dem Rennen mit offenen Türen feiern : Bild: REUTERS

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