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Formel 1 : Flucht ins Cockpit

Unter traurigen Umständen Klasse gezeigt: Michael Schumacher Bild: dpa/dpaweb

Am Todestag ihrer Mutter bewiesen die Gebrüder Schumacher beim Großen Preis von San Marino ihre professionelle Einstellung zum Sport. "Sie hätte gewollt, dass wir dieses Rennen fahren“, erklärte Michael Schumacher nach seinem ersten Saisonsieg.

          Wo hat ein Formel-1-Rennfahrer seine Ruhe? Im Rennwagen. Dorthin sind die Brüder Michael und Ralf Schumacher am Wochenende geflüchtet vor der ständigen Konfrontation mit den zwangsläufigen Fragen: Wie schafft ihr das? Könnt ihr euch überhaupt konzentrieren? Zehn Tage bangten die beiden Rheinländer um das Leben ihrer Mutter. Dieses Drama müssen andere auch aushalten. Aber nicht die ständigen Blicke, die Annäherungsversuche, schon gar keine Verfolgung.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Als die beiden Formel-1-Piloten kurz nach dem Zeittraining am Samstag in die Heimat flogen, lauerte ihnen in der Tiefgarage eines Kölner Krankenhauses ein Fotograf auf. Es ist zum Davonlaufen. Die Schumachers kamen wieder. Sie ließen die Nachricht vom Tod der Mutter bestätigen, sie gaben ihren Start beim Großen Preis von Imola bekannt und versuchten, sich mitten auf der großen Bühne zu verstecken.

          „Unter traurigen Umständen Klasse gezeigt"

          Gewöhnlich hält sich Michael Schumacher bis kurz vor dem Start eines Rennens neben seinem Ferrari auf. Diesmal blieb er sitzen, als er die Pole-position erreicht hatte, versunken im roten Renner, den Helm über den Kopf gezogen, für alle Welt zu sehen, aber doch unerreichbar. In einem Fragebogen hat der Weltmeister neulich einen unerfüllbaren Wunsch formuliert: Anonymität.

          Jean Todt und Norbert Haug haben am Sonntag mehr von den Schumachers gesehen als sonst: "Heute hat Michael wieder gezeigt, daß er ein besonderer Mensch ist", sagte der Rennleiter von Ferrari. "Sie haben unter den traurigen Umständen sportliche und menschliche Klasse gezeigt", erklärte der Sportchef von Mercedes: "Das sind tolle Kerle." Michael Schumacher leistete sich auf dem Weg zum 65. Sieg nur einen kleinen Ausritt über den Randstein. Sonst nichts. Obwohl er lange unter Druck stand.

          Bruderkampf bei Tempo 250

          Ralf hatte ihn beim Start von Position zwei aus überholt. Im ersten Moment schien die Kalkulation mit der Dreistopsstrategie von Ferrari durchkreuzt. Deshalb griff der ältere Schumacher sofort an, drückte und drängte. Ein Bruderkampf bei Tempo 250 am Todestag der Mutter? Das hat das Fahrerlager nicht irritiert. Wenn es Kritiker gegeben haben sollte, so blieben sie in Deckung. Die Schumachers stießen mit ihrer Entscheidung auf Verständnis: "Meine Mutter liebte es, auf der Kartbahn zu sein, sie liebte es, wenn wir in unseren Karts über die alte Strecke in Kerpen düsten, und sie liebte es, uns Rennen fahren zu sehen", ließ Michael Schumacher am Sonntag abend mitteilen: "Sie hätte gewollt, daß wir dieses Rennen fahren, da bin ich sicher."

          Sie hätte einen perfekten Grand Prix ihres Ältesten und eine beeindruckende Fahrt ihres Jüngsten auf Rang vier gesehen. Trotz anfänglicher Haftungsprobleme mit den Reifen hielt Ralf seinen großen Bruder bis zum ersten Boxenstop hinter sich. Der formatfüllende Ferrari in seinem Rückspiegel zerrte offensichtlich nicht an den Nerven des BMW-Fahrers. Obwohl ihm der Verfolger so dicht auf die Pelle rückte, daß die Zeitdifferenz für ein paar Runden im Moment der Zieldurchfahrt 0,0 betrug. Auf dem Monitor werden Hundertstelsekunden nicht gezeigt.

          „Da fährt immer was mit"

          Formel-1-Piloten sind Kopfarbeiter unter Zeitdruck. Ständig müssen sie in Windeseile Entscheidungen treffen, das sich ändernde Fahrverhalten des Boliden wegen des Reifenverschleißes mit den vielen Knöpfen und Schaltern vom Cockpit aus korrigieren, dabei Gegner und Taktik im Auge behalten. Wie soll man da auf andere Gedanken kommen? "Ich glaube, daß es nicht so einfach ist, die Konzentration zu bewahren", sagt der Sauber-Pilot Heinz-Harald Frentzen. "Beim Rennen in Imola 1994, nach dem Tod von Roland Ratzenberger und nach dem Unfall von Ayrton Senna ist mir das nicht gelungen. Da fährt immer was mit."

          Vielleicht nicht bei jedem. "Du mußt für dich klären, ob du abschalten kannst", sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger. "Geht es, dann ist es kein Problem. Ich denke, die Leute machen sich manchmal mehr Gedanken als man selbst." Der Österreicher gewann 1997 den Großen Preis von Deutschland in Hockenheim. Ein paar Tage vorher war sein Vater mit einem Flugzeug gegen einen Berg geprallt.

          Freiwillig eingestiegen

          Die Schumachers sind freiwillig eingestiegen. Weder bei Ferrari, beteuert Rennleiter Todt, noch bei BMW-Williams, versichert Sportdirektor Mario Theissen, sei Druck ausgeübt worden. "Ich habe Ralf gesagt, daß wir hinter jeder Entscheidung stehen." Obwohl viel für beide Unternehmen auf dem Spiel stand. Ferrari wollte unbedingt den Vorsprung von McLaren-Mercedes verringern, BMW-Williams den Anschluß halten im millionenschweren Mannschaftssport.

          Da sind Entscheidungen der hochbezahlten Fahrer nicht wirklich eine reine Privatangelegenheit. Selbst ein Schumacher kann sich dem Gruppenzwang nicht ganz entziehen. So wie er sich am Wochenende nach dem Attentat auf das World Trade Center 2001 mehr oder weniger verpflichtet sah, in Monza anzutreten, obwohl ihm nach einem Rennen nicht zumute war. In Imola sah Schumacher sich wieder als wichtiges Zahnrad eines großen Gemeinschaftsgetriebes. So stieg er überraschend zur Siegerehrung auf das Podest. Dabei hatte der Internationale Automobil-Verband die Schumachers von allen offiziellen Verpflichtungen befreit.

          Vielleicht war die Teilnahme doch hilfreich. Sie zeigte, wo sich ein Rennfahrer an "so einem schrecklichen Tag" am sichersten fühlt. Als die deutsche Hymne erklang, biß sich Schumacher auf die Lippe. Er kämpfte gegen die Tränen. Das war der erste Moment nach 82 Minuten Rennen, in dem er beinahe die Kontrolle verloren hätte.

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