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: Floyd Landis hat die Tour de surprise in der Hand

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MACON. Das perfekte Rennen? Für Floyd Landis stellt sich das so dar: Am liebsten, sagte er unlängst, würde er einen Sieg mit einem Geniestreich erringen. Vielleicht ist er diesem Ideal nun endlich ein bißchen nahe gekommen an dem ...

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          MACON. Das perfekte Rennen? Für Floyd Landis stellt sich das so dar: Am liebsten, sagte er unlängst, würde er einen Sieg mit einem Geniestreich erringen. Vielleicht ist er diesem Ideal nun endlich ein bißchen nahe gekommen an dem Tag, als er mit Mut, mit Risikobereitschaft und wohl auch mit Verzweiflung die Flucht nach vorne ergriff und niemand ihn bremsen konnte. Keine Steigung, kein Widersacher, auch nicht ein Defekt an seinem Rad. Wie ein Eroberer dürfte er sich in Morzine gefühlt haben, wie ein Günstling des Schicksals, als die Aussicht auf Gelb zurückkehrte, auf die Triumphfahrt an diesem Sonntag nach Paris. Von einem "Comeback des Jahrhunderts" schrieb die französische Zeitung "L'Equipe" nach dem mitreißenden Schauspiel, das Landis beim Abschied von den Alpen geliefert hatte und das ihm die Tür zum Glück geöffnet zu haben scheint. Wer mag den Amerikaner jetzt noch stoppen bei der Tour de France? Die "Große Schleife" steckt zwar voller Unwägbarkeiten, voller Tücken und Überraschungen. "Man kann schlecht von Normalität ausgehen", sagt etwa Olaf Ludwig, der Teamchef von T-Mobile, zu den Besonderheiten der 93. Tour. Doch es gibt auch Anhaltspunkte, die klar für Landis sprechen, den Kapitän des Schweizer Phonak-Teams, das in jüngerer Vergangenheit durch mehrere Dopingaffären erschüttert wurde und nun auf neuen Glanz hofft durch den Rennfahrer aus Pennsylvania. An diesem Samstag dürfte die Entscheidung fallen, beim Showdown in Montceau-les-Mines, bei dem mit Spannung erwarteten Einzelzeitfahren, das 57 Kilometer lang ist und über welliges Gelände führt. Und Landis ist ein exzellenter Zeitfahrer, er hat dies bereits beim ersten "Kampf gegen die Uhr" während dieser Tour bewiesen, als er Zweiter wurde hinter dem Ukrainer Sergej Gontschar. Aber er lag deutlich vor dem Deutschen Andreas Klöden und noch klarer vor den Spaniern Carlos Sastre und Oscar Pereiro, die er jetzt noch überholen muß. 30 Sekunden liegt Landis hinter Pereiro, dem Mann im Gelben Trikot, 18 Sekunden hinter Sastre, der nach der Suspendierung des Italieners Ivan Basso zum Anführer des dänischen CSC-Rennstalles aufgestiegen ist - Differenzen, die für Landis keine allzu große Hürde sein dürften.

          Pereiro beispielsweise, der einst bei Phonak unter Vertrag stand, hat bereits signalisiert, daß er mit einem Erfolg von Landis rechne. "Er hat die Tour in der Hand, er ist der Topfavorit." Er ist das wieder seit dem Donnerstag, als er - notgedrungen - von seinem Konservatismus abrückte und sich als ein Radprofi voller Angriffslust präsentierte, furioser als einst Lance Armstrong. Weil seine Rivalen zu lange gezaudert hatten, ehe sie ihr Tempo erhöhten, weil niemand die Verantwortung für die Verfolgung übernehmen wollte, weil mancher auch - Klöden beispielsweise - grundsätzlich nicht über genügend Antriebskraft verfügte, fuhr Landis uneinholbar davon. Ein Auftritt mit Seltenheitswert. Nur zwei Episoden in der Tour-Geschichte sind mit der außergewöhnlichen Leistung von Landis vergleichbar: 1958 holte der Luxemburger Charly Gaul, den man den "Engel der Berge" nannte, in der Chartreuse 14:35 Minuten auf, nachdem er am Vortag einen Zeitverlust von 16:30 Minuten hatte hinnehmen müssen.

          1971 reagierte der "Kannibale" Eddy Merckx auf die Niederlage (8:42 Minuten Rückstand), die ihm von Luis Ocana zugefügt worden war, prompt mit einem Vorsprung von 1:56 Minuten.

          Auch die Konkurrenz wunderte sich nun in Morzine darüber, "daß ein Totgesagter nicht nur aufersteht, sondern wieder fliegt". So formuliert etwa Ludwig seine Anerkennung für Landis. Und für Ludwig, den ehemaligen Sprinter, steht damit jetzt auch fest: "Ich würde sagen, er gewinnt die Tour." Klöden hatte ja auch damit geliebäugelt, immer wieder hatte er über diese Ambition geredet, und kurz glaubte der Cottbuser sogar an dem großen Coup "geschnuppert" zu haben. Am Donnerstag jedoch schwanden sogar seine Chancen, einen Platz auf dem Podium zu ergattern, Klöden fehlte es am dritten Tag in den Alpen schlichtweg an Energie. "Ich habe", sagte er, "ums Überleben gekämpft." Klöden fällt es nun schwer, sich mit seinem wahrscheinlichen Abschneiden anzufreunden: Er sei schon ein bißchen enttäuscht, räumte der Vierte des Tour-Klassements ein. Und auch Ludwig sagt, daß mit einem solchen Rang "eigentlich keiner so richtig zufrieden ist".

          Grundsätzlich hält sich Klöden für einen Mann, der bei der Tour den großen Wurf landen kann; immerhin war er ja auch schon einmal Zweiter der Frankreich-Rundfahrt geworden. Daß diesmal vermutlich nichts daraus werden wird, mag auch an seiner Verletzungspause im Frühjahr liegen. Ohne dieses Handicap, sagt er, wäre er auf einer Qualitätsstufe mit dem Spanier Sastre gewesen, "davon bin ich fest überzeugt". Klöden wird nichts übrigbleiben, als in der nächsten Saison einen neuen Anlauf zu nehmen. Dann vermutlich wieder im Trikot von T-Mobile, obwohl über eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages noch nicht verhandelt wurde. Klöden hat noch nicht einmal ein neues Angebot von den Bonnern erhalten. Ihn erstaunt das. Offerten anderer Rennställe liegen offensichtlich vor, geschmeichelt spricht Klöden von großem Interesse. Sein Manager Tony Rominger sondiert bereits die Lage, allerdings würde Klöden gerne der Farbe Magenta treu bleiben - auch weil sich das nach den Ausschlüssen von Ullrich und Oscar Sevilla nur noch sieben Fahrer starke Team bei der Tour bemerkenswert geschlagen hat. "Ich würde mit den Jungs schon gerne weiter zusammenarbeiten", betont Klöden. Und er behauptet sogar, daß Landis "ein bißchen eifersüchtig auf unser Team sein wird". Klöden dürfte freilich in noch größerem Maß Neid auf Landis empfinden.

          Rainer Seele

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