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Fed Cup : Sie wollten es zu sehr

Wir ergeben uns: Angelique Kerber und die deutschen Tennisdamen verloren drei von vier Einzeln Bild: dpa

Nach drei Einzeln war der Abstieg aus der Weltgruppe besiegelt: Die deutschen Tennisdamen hatten sich viel vorgenommen; groß war der Optimismus; groß die Ernüchterung und Einsicht nach dem 0:3-Zwischenstand.

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          Wer immer auch für die Musikauswahl verantwortlich war, er hatte einen Titel heraus gesucht, der genau zur Situation passte. Während Barbara Rittner, die deutsche Teamchefin, schweren Schrittes quer über den Platz zum ersten Fernsehinterview schritt, tönte der deutsche Beitrag zum kommenden Eurovision Song Contest durch die Stuttgarter Porsche Arena: „Standing still“, und so müssen sich auch die deutschen Tennis-Damen bis auf weiteres erst einmal fühlen.

          Schöne Geschichte mit heftigem Riss

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sie hatten davon geträumt, irgendwann in nächster Zeit einmal den Titel im Fed Cup zu gewinnen, aber nun stand die Niederlage im Relegationsspiel gegen Australien und damit der Abstieg in die zweite Gruppe angesichts des 0: 3-Zwischenstands seit ein paar Sekunden fest. Vorwärts geht nun erst einmal nichts mehr, stattdessen herrscht bestenfalls Stillstand, und diese schöne Geschichte vom deutschen Aufschwung im Damentennis hat urplötzlich einen heftigen Riss bekommen.

          Wie verzweifelt die Situation am Sonntag gewesen war, belegte schon der Zeitpunkt des Comebacks von Andrea Petkovic, die angesichts des 0:2-Rückstandes nach dem ersten Tag gegen die Weltranglistenfünfte Samantha Stosur versuchen musste, schier unmögliches zu schaffen. Die Darmstädterin ist zwar auf Rang elf die am besten platzierte deutsche Spielerin in der Weltrangliste, aber sie hatte nach ihrem Ermüdungsbruch im Rücken drei Monate pausieren müssen und seit Januar kein einziges Spiel bestritten. Sie spielte bei ihrer Rückkehr mehr als ordentlich und verlor trotzdem 4:6 und 1:6, weil vor allem der Aufschlag gehörige Probleme bereitete.

          Probleme beim Aufschlag: Andrea Petkovic
          Probleme beim Aufschlag: Andrea Petkovic : Bild: dpa

          „Ich kann ja erst seit vierzehn Tagen wieder Aufschläge trainieren“, sagte sie, was nicht verwundert. Es ist der Schlag, der im Tennis den Rücken am stärksten belastet. Es wäre ein sportliches Wunder gewesen, wenn Andrea Petkovic diese Partie gewonnen hätte, etwas, was niemand hätte erklären können. Aber es war die einzige Chance, die sich dem deutschen Team geboten hatte, nachdem Julia Görges am Vortag überraschend gegen Jarmila Gajdosova 4:6 und 4:6 verloren hatte.

          Das war der Punkt gewesen, denn die Deutschen unter gar keinen Umständen hatten verlieren dürfen. Sie wollten beide Punkte gegen die Nummer zwei des australischen Teams gewinnen und hatten darauf gehofften, dass Samantha Stosur entweder in ihren Partien gegen Angelique Kerber oder Julia Görges Federn lassen oder zumindest soviel Kraft verlieren würde, dass der dritte Punkt dann spätestens im abschließenden Doppel gewonnen werden könnte.

          Zeigte kaum Schwächen: die US-Open-Siegern Samantha Stosur
          Zeigte kaum Schwächen: die US-Open-Siegern Samantha Stosur : Bild: dpa

          Der Plan war schon am Samstag also Makulatur geworden, weil sich die Geschichte wiederholt hatte. Im Februar hatte die Weltranglisten-Dreizehnte Sabine Lisicki, die diesmal wegen einer Bänderdehnung verletzt absagen und sich nur auf das Anfeuern beschränken musste, in der Erstrundenpartie gegen den Titelverteidiger Tschechien überraschend gegen Iveta Benesova, der wesentlich schwächer eingeschätzten Nummer zwei des Gegners, verloren und die Niederlage eingeleitet. Diesmal leistete sich Julia Görges den Aussetzer, der sich früh andeutete.

          Sie sei körperlich nicht in der Lage gewesen, dagegen zu halten und habe sich krank gefühlt, erklärte die Bad Oldesloerin. Eine Erkältung hatte sie zuletzt zwar behindert, aber nach dem Vorbereitungstraining in Stuttgart hatte sie sich fit zum Dienst gemeldet. „Standing still“ - ganz sicher hätte sich Barbara Rittner gewünscht, dass die Zeit nun tatsächlich erst einmal still steht. Wie kann sie auch erklären, was so schwer zu erklären ist?

          Ausgeglichenes Team unterliegt einem Ass

          Die deutschen Damen verfügen mit Petkovic (Nr. 11), Lisicki (Nr. 13), Kerber (Nr. 14) und Görges (Nr. 16) doch über eine extrem ausgeglichene Mannschaft, dazu kommt mit der als Trainingspartnerin erstmals ins Team integrierten Mona Barthel (Nr. 35) eine vielversprechende Aufsteigerin, und jede einzelne von ihnen hatte in den vergangenen Monaten als Solisten auf der Profitour für Aufsehen gesorgt. Zusammen aber präsentieren sich die Spielerinnen als ungewöhnliche Einheit, ohne jedes Anzeichen für Stutenbissigkeit, und dieser Fed Cup scheint ihnen obendrein auch keine eher lästige Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit zu sein. Der australischen Nummer eins Stosur waren sie aber nicht gewachsen.

          Einsichtig in der Niederlage: „Uns fehlt noch Erfahrung“
          Einsichtig in der Niederlage: „Uns fehlt noch Erfahrung“ : Bild: REUTERS

          Und vielleicht ist genau die emotionale Verbissenheit das entscheidende Problem - sie wollen es möglicherweise so sehr, dass die Angst, im entscheidenden Moment zu versagen, zu groß wird. Der Traum vom Triumph im Fed Cup war so vielleicht nur eine Illusion, an die sie nur zu gerne geglaubt haben. „Auf den allergrößten Bühnen haben wir ja noch nicht gespielt“, sagte Andrea Petkovic nun. Hier und da ein Viertel- oder Halbfinale bei Grand-Slam-Turnieren, was aller Ehren wert ist, aber eben noch nicht zu allergrößten Ambitionen berechtigt. Mindestens eine von ihnen hätte im Fed Cup nämlich über sich hinaus wachsen müssen - stattdessen aber hatte eine von ihnen immer unter Normalform gespielt.

          Für ganz oben reicht es noch nicht

          So weit, wie sie glaubten, sind sie noch nicht, das machten die Niederlagen gegen Tschechien und nun gegen Australien deutlich. „Uns fehlt noch Erfahrung, aber wir sind und bleiben eine geschlossene Gemeinschaft“, sagte Andrea Petkovic. Auch in der Niederlage ein Team bleiben, das ist schon einmal ein gute Voraussetzung. Moral bewiesen die deutschen Tennisdamen dann auch nach dem aussichtslosen Rückstand: Andrea Petkovic und Julia Görges gewannen zum Abschluss des Relegationsspiels das bedeutungslose Doppel gegen Casey Dellacqua und Jarmila Gajdosova mit 6:3, 6:4 . Zuvor hatte Angelique Kerber gegen Olivia Rogowska das vierte Einzel zugunsten der Deutschen entschieden - und damit den ersten Punkt eingefahren.

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