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FC Bayern : Unter Beschuß

Angeschlagen: Oliver Kahn Bild: dpa

Ein Besuch in der Welt des FC Bayern und seines Torhüters Oliver Kahn: Wie eine Affäre die Welt des Rekordmeisters erschütterte und was die Vereinsführung dagegen unternimmt.

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          Eine Klingel gibt es nicht an der Tür dieses Etablissements. Man muß posieren für das verschwommene Augenpaar hinter der schmalen Glasscheibe. In oder nicht in, lautet die Frage. Oder sogar out?

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.
          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Nicht für jeden geht die Tür auf. Und drin folgt noch ein kurzer Blick auf die Schuhe, bevor der Outfit-Bewerter den Weg freimacht. Doch wer reinkommt ist drin - in der Welt der Münchner Schickeria, in der Welt des FC Bayern München. Hier, im Promi-Klub P1, schlürft der Profi seinen Champagnercocktail.

          Strichlisten für Getränke und Zigaretten

          Zwischen diesen aufgeplusterten schwarzen Lederkissen soll Oliver Kahn das Mädchen kennengelernt haben, zu dessen Apartment ihn später Paparazzi verfolgt haben. Hier spielte auch Stefan Effenbergs "Watsch'n-Affäre". Es bleibt nämlich nichts geheim. Wenn die Bayern ein schlechtes Spiel gemacht haben, rufen besorgte Fans auf der Geschäftsstelle an der Säbener Straße an und tragen eilfertig ihre Strichlisten vor, aus denen hervorgeht, wieviel Getränke und Zigaretten ein gewisser Bayern-Spieler am Vorabend zu sich genommen hat. Manager Uli Hoeneß spricht die Spieler sogar manchmal darauf an. Man ist an die Öffentlichkeit privater Eskapaden gewöhnt. Doch was zuletzt passierte, hat den selbstzufriedenen Promi-Kickern fast die Sprache verschlagen.

          Tagelang widmeten die "Bild"-Zeitung und andere Skandalblätter dem Torwart Oliver Kahn mit seiner Partygirl-Affäre ihre Aufmacher. Zu seinen Eheproblemen - Kahns Frau Simone brachte vor wenigen Tagen, auf dem Höhepunkt der öffentlichen Kampagne, einen Sohn zur Welt - kam der grelle Schmerz des Rampenlichts. Fast ein Dutzend Kamerateams verfolgten ihn tagelang vom Training zum Auto, andere postierten sich gegenüber der Frauenklinik in der Röntgenstraße, um den Fortgang von Kahns Privatleben zu durchleuchten.

          Irgendwann war ihm dann alles egal und er gab alle Diskretion auf. Kahn, der Mann, der das Abwehren zu seinem Beruf gemacht hat, mußte einstecken wie noch nie. "Da muß ich durch", sagte er zu Wochenbeginn zwischen zwei Autogrammen, und es sah aus, als hätte er nicht einmal mehr die Kraft zur üblichen grimmigen Miene.

          Hoeneß und Rummenigge genossen mehr Freiheiten

          Man sei nachdenklich geworden, sagt Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des Vereins, doch man könne die Spieler weder vor sich selbst noch vor den Zumutungen des Boulevards schützen. Uli Hoeneß hat ein intensives und vertrauliches Gespräch mit dem Nationaltorhüter geführt. Schließlich ist auch er schon - wie so viele Fußballstars von einst und jetzt - wegen einer Liebesaffäre in die Schlagzeilen geraten. Und ganz besonders der oberste Repräsentant der Bayern, Franz Beckenbauer, hat einschlägige Erfahrungen.

          Doch nicht das, was Kahn tat, sondern das, was ihm danach passierte, wird als neue Dimension angesehen. Darum traf die Vereinsführung am Dienstag mit der Mannschaft zum Abendessen zusammen. Hoeneß wollte mit den Spielern über das Bild des "FC Hollywood" und seiner Akteure in der Öffentlichkeit sprechen. Müssen sich in Kahns Kielwasser künftig alle auf einen untadeligeren Lebenswandel besinnen? Das täte Hoeneß und Rummenigge leid. Zu ihrer Zeit genossen sie mehr Freiheiten, man verdiente mit Spielen sein Geld und mußte erst nach der Fußballkarriere erwachsen werden. So sehen die Vor- und Männerbilder im Fußball dann auch aus.

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