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FAZ.NET-Spezial: Vor der EURO 2004 : Erholsame Wellness-Tage mit Aufbaupräparaten

  • Aktualisiert am

Ballack macht sich und Teamchef Völler Mut Bild: AP

Angesichts der Hoffnungsschimmer bei den Problemkindern Ballack und Kuranyi sowie reaktivierter Stärken bei den Standard-Situationen ordnete Teamchef Völler das 3:0 gegen harmlose Belgier als Mutmacher ein.

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          Bei der Nationalmannschaft läßt es sich wieder gut leben. Als der Abend in Köln zu Ende ging, der mit einem Feuerwerk zur offiziellen Eröffnung des RheinEnergie-Stadions begonnen hatte und dem schwächelnden Weltmeisterschaftszweiten danach auch sportlich neue Energie zuführte, zog Jens Lehmann sein ganz persönliches Fazit: "Ich habe mich gut erholt, gut gegessen und gut geschlafen", sagte der Torwart von Arsenal London über einen erholsamen Drei-Tages-Aufenthalt der Fußball-Nationalmannschaft im abgeschiedenen heimatlichen Idyll im Bergischen Land.

          Lehmann fühlte sich offensichtlich gestärkt an Leib und Seele, und weil zum DFB-Wohlfühlangebot für gestreßte Fußballprofis auch noch ein ungefährdeter 3:0-Sieg über Belgien im Aktivprogramm hinzukam, machte sich bei den Deutschen ein lange vermißter Wellness-Effekt breit. "Jeder ist mit einem anderen Thema hierhergekommen", sagt Lehmann über mindestens ein halbes Dutzend zumindest halbwegs therapierter deutscher Fußball-Sorgenkinder, die sich allesamt gestärkt durch ein persönliches Erfolgserlebnis in den aber nach wie vor zumeist ziemlich grauen Liga-Alltag verabschieden durften.

          Eckstoß, Freistoß, Freistoß

          Der 3:0-Erfolg gegen biedere Belgier nach einem glücklichen Tor von Kevin Kuranyi (45. Minute), einem zackig ausgeführten Freistoß von Dietmar Hamann (54.) und einem klassischen Kopfballtreffer Michael Ballacks (81.) wirkte wie ein Aufbaupräparat zur rechten Zeit für die Nationalmannschaft. "Die jetzige Phase in der Saison ist die schwierigste", sagte Rudi Völler, und die Erleichterung, daß das anschwellenden Krisengerede über den deutschen Fußball zweieinhalb Monate vor der Europameisterschaft keine weitere Nahrung erhalten hatte, war dem Teamchef deutlich anzumerken.

          Kuranyi beendet seine torlose Zeit

          Völler glaubte nach dem zweiten Sieg im zweiten Spiel des EM-Jahres sogar schon den ersten Anflug von Überschwang bremsen zu müssen - obwohl die Nationalelf nach dem 2:1 in Kroatien auch diesmal nicht mehr als ein solides Standardprogramm abgeliefert hatte. "Wir heben jetzt nicht ab", sagte der Teamchef, "wir sehen nicht alles durch eine rosarote Brille." Warum auch? Eckstoß, Freistoß, Freistoß - so lautete das deutsche Standard-Erfolgsrezept, wenn der Ball ruhte. Ansonsten galt des Teamchefs Generaleinschätzung: "Bei der Europameisterschaft müssen wir aber noch einen Zahn zulegen."

          Nowotnys Grenzen noch immer erkennbar

          Bis dahin ist es noch eine ganze Weile, und auf den Erfolgserlebnissen von Köln hofft der Teamchef bis Portugal weiter aufbauen zu können. Kevin Kuranyi etwa kehrte mit einem lange vermißten Glücksgefühl und breitem Grinsen zurück in die torlose schwäbische Heimat. Nach exakt 1027 Minuten lieferte er wieder ein zählbares Argument für seine Daseinsberechtigung als Nationalstürmer. "Der Ball ist irgendwie reingegangen. Ich kann auch nicht genau sagen, wie", sagte Kuranyi als Zeuge über eine Szene, in der ihm der Ball nach einem Eckstoß von Torsten Frings gegen die Hüfte prallte - und von dort ins Tor sprang. Absicht oder nicht? Die Frage wurde an diesem Abend im Zweifel für den Angeklagten entschieden, der nach seinem Torerfolg von einer "Befreiung" sprach.

          Für den Teamchef, mit den Leiden eines Stürmers in der Krise bestens vertraut, war die seltene Tatsache, "daß Kevin ein Tor geschossen hat", daher auch schon mit die wichtigste Erkenntnis eines Länderspieltests, mit dem vorab nur Sorgen und Befürchtungen verknüpft waren. Die andere erfreuliche Botschaft erhielt Völler aus der Defensive. "Wir haben hinten gut gestanden und relativ wenige Chancen zugelassen", sagte der Teamchef zufrieden über einen Abwehrverbund, den Jens Nowotny, der Leverkusener Nationalspieler aus der Oberliga Nordrhein, zu organisieren hatte. Die natürlichen Grenzen des zweimal von einem Kreuzbandriß zurückgeworfenen Musterathleten waren zwar immer noch erkennbar, aber die Kollegen bemühten sich um eine positive Bewertung. "Das war heute ein Anfang für ihn", sagte der äußerst zuverlässige Dortmunder Christian Wörns, der wegen Kahns Länderspielpause auch noch die Rolle des Kapitäns ausfüllte.

          Völlers Lob verpuffte schnell

          Wo die Abwehr um Nowotny trittsicherer und der Angriff mit Kuranyi treffsicherer zu werden versuchte, ist das Mittelfeld gegen Belgien allerdings schon einen größeren Schritt weitergekommen. Nicht nur die Formation mit Torsten Frings, Dietmar Hamann, Michael Ballack und Bernd Schneider erinnerte den Teamchef an die Erfolgsgeschichte der vergangenen Weltmeisterschaft. "Ich habe ja schon in der Vergangenheit gesagt, daß das meine wichtigsten Spieler sind", sagte Völler über die erstmals wieder vereinten Zentralgewalten Hamann und Ballack. "Die Art und Weise ihres Zusammenspiels hat mich ein bißchen an Zeiten erinnert, wie sie bei der WM harmoniert hatten." Vor allem in der zweiten Halbzeit steigerte sich Ballack - aber schon WM-Form?

          Völlers ausgeprägtes pädagogisches Lob verpuffte jedoch schnell. Denn dem zuletzt hart kritisierten Münchner wurde in der Kabine auch der entsprechende Nachschlag von Fernsehchefkritiker Günter Netzer zugetragen. Ballack verzog sich am Tag der deutschen Harmonie daher lieber wortlos aus dem RheinEnergie-Stadion - dafür aber vermutlich ziemlich geladen.

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