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FAZ.NET-Spezial: Nationalmannschaft : Deutsche Problemzonen vor der WM

  • -Aktualisiert am

FAZ.NET stellt die WM-Kandidaten vor Bild: FEM-Grafik

Den WM-Härtetest hat Deutschland nur bedingt bestanden. Im Team tun sich viele Problemzonen und -felder auf. Das FAZ.NET-Spezial.

          Martin Max war fast schon in Abschiedsstimmung. „Es war 'ne schöne Zeit hier“, sagte der Mann, der im Alter von 33 Jahren für sieben Minuten gegen Argentinien debütieren durfte, wenige Minuten vor seiner Abreise von der deutschen Nationalmannschaft.

          Ob er noch einmal anreisen muss - der Münchner weiß es nicht. Er macht sich auch nicht viel daraus. „Ich will es Rudi Völler so schwer wie möglich machen.“ Mehr sagt er nicht - Max stellt minimale Ansprüche.

          Das ist ganz nach Völlers Gusto. Der Teamchef möchte unmittelbar vor der WM-Vorbereitung jede Personaldiskussion ersticken. So wird auch die Frage abgeblockt, ob der torlose Bayern-Angreifer Carsten Jancker oder der in der Bundesliga treffsichere 1860-Torjäger Max zur WM fahren soll. Völler sagt nur: „Der ein oder andere hat gegen Argentinien gut oder schlecht gespielt.“

          Torwart: Luxusproblem

          Gut ist für den DFB-Teamchef, dass er spätestens nach dem Härtetest gegen einen WM-Favoriten sich in einem Mannschaftsteil keine Sorgen machen muss: Jens Lehmann ist international erfahren und kann, wie gegen Argentinien bewiesen, genau wie Oliver Kahn erstklassig halten.

          Wenn Deutschland auf einer Position Weltklasse bietet, dann bei den Torhütern. Die Frage, wer als dritter Keeper ins Aufgebot rutscht, ist ein Luxusproblem, das zu Ungunsten von Frank Rost und zu Gunsten von Hans-Jörg Butt entschieden werden könnte. Doch in allen anderen Mannschaftsteilen sind Problemfelder offensichtlich.

          Abwehr: Standproblem

          In der Defensive scheint Völler zu schwanken, ob er Abwehrchef Jens Nowotny wie in Leverkusen nur einen Mann zur Seite stellt oder ihn hinter zwei Manndeckern eher als Absicherung agieren lässt. Beide Rezepte waren nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Chancen deutscher Gegner gibt es reichlich - ob der Gegner nun USA, Israel oder Argentinien heißt.

          Thomas Linke wirkt auf internationalem Niveau zu hölzern, Christian Wörns sagte drei der letzten vier Länderspiele ab, Christoph Metzelder hat zwar gegenüber Frank Baumann die besseren Karten, ist allerdings auch eher Risiko- als Beruhigungsfaktor. Bezeichnend wie der verärgerte Torwart Jens Lehmann nach dem Argentinien-Test reagierte: „Zur Abwehr will ich nichts sagen.“

          Mittelfeld: Kreativitätsproblem

          Das Mittelfeld wird als Mannschaftsteil mit den meisten Alternativen angesehen. Selbst der formstarke Torsten Frings hat Schwierigkeiten, sich einen Platz im WM-Aufgebot zu sichern. Doch Quantität sichert noch keine Qualität. Und vor allem keine Kreativität. „Da hoffen wir auf Mehmet Scholl und Sebastian Deisler“, sagt Rudi Völler. Doch die Genesung der beiden „klugen Köpfe“ ist kritisch - und damit auch, ob dem deutschen Spiel Idee und Inspiration verliehen wird.

          Desweiteren bemängelt „Chefkritiker“ Günter Netzer die fehlenden Fixpunkte auf den Außenpositionen: Christian Ziege auf links und Bernd Schneider auf rechts sind erste Wahl, doch zum einen sind beide nicht konstant genug, zum anderen die Alternativen begrenzt.

          Sturm: Kardinalproblem

          Oliver Bierhoff sieht kein Sturmproblem. „Wir schießen genug Tore“, meint der Mann, der bei der WM Stammspieler sein will. Könnte mangels Alternativen sogar sein, dass der Reservist beim AS Monaco in der Nationalelf feste Größe wird. Gesetzt scheint der flinke Oliver Neuville. Gegen Miroslav Klose spricht mangelnde internationale Erfahrung und fehlendes Durchsetzungsvermögen, gegen Carsten Jancker eine Flaute in Sachen Form und Toren.

          Martin Max und Thomas Brdaric taugen für personalpolitische Debatten, kaum aber für die Anforderungen einer Weltmeisterschaft. „Wir können uns nicht richtig durchsetzen“, klagt Völler und meint damit seine Angreifer.

          Terminprobleme

          Hinzu kommen noch ein paar kleine Problemchen. In der nationalen und internationalen Terminhatz zum Saisonende hin ist für WM-Tests kaum noch Spielraum. Wenn sich die Nationalelf zum Vorbereitungskick gegen Kuwait (am 9. Mai in Freiburg) versammelt, werden alle Spieler von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Schalke 04 fehlen.

          Uefa-Cup-Finale am 8. Mai (mit Dortmund) und DFB-Pokal-Endspiel am 11. Mai (mit Leverkusen und Schalke) stören die unmittelbare WM-Vorbereitung derart, dass vor dem Abflug nach Japan nur noch ein Aufenthalt für alle bleibt: vom 14. bis 18. Mai in Troisdorf, mit dem finalen Test gegen Österreich.

          Völler und Bundestrainer Michael Skibbe haben daraus offenbar schon Konsequenzen erwogen: Der Nominierungstermin am 6. Mai könnte noch nach hinten verschoben werden. Aber auch mit längerem Grübeln kann Rudi Völler die Probleme in den Mannschaftsteilen nicht lösen.

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