https://www.faz.net/-gtl-37ib

FAZ.NET-Interview : WM-Schiedsrichter Markus Merk: "Der Druck wird immer größer"

  • Aktualisiert am

Schiedsrichter Markus Merk: "Wie ich die Meisterschaft 2001 erlebte" Bild: dpa

Bester deutscher Schiedsrichter, anerkannter Zahnarzt in Kaiserslautern, Entwicklungshelfer in Indien: Markus Merk spielt viele Rollen. FAZ.NET sprach mit ihm bei der Schiedsrichter-Tagung.

          4 Min.

          Mit dem Spiel Bochum gegen Uerdingen fing im August 1988 seine Karriere in der Bundesliga an. Markus Merk war damals 26 Jahre alt und jüngster deutscher Schiedsrichter. Heute ist er der Beste. Und einziger Referee bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea.

          Bei der Halbzeit-Tagung der Bundesliga-Schiedsrichter sprach FAZ.NET mit dem renommiertesten deutschen Unparteiischen, der nicht nur die Rolle als Referee überzeugend spielt.

          Frage: Zahnarzt, Schiedsrichter, Entwicklungshelfer: Wie bekommen Sie das alles geregelt?

          Markus Merk: Ich bin ein bodenständiger Typ und möchte trotzdem diese Mehrfach-Tätigkeit nicht missen. Das geht aber nur, wenn der Partner mitspielt. 1993 hat meine Frau einmal vor der Kamera gesagt: Die Stunden, die wir haben, genießen wir intensiver. Das ist heute noch gültig. In meiner Zahnarztpraxis frage ich häufig meine jungen Helferinnen, was sie am Wochenende gemacht haben. Die meisten sagen: 'Nichts Besonderes'. Ich erlebe die Stunden aber besonders intensiv. Jetzt geht es gerade los, dass mich mein Sohn im Fernsehen erkennt. Er hat sich eine Szene gemerkt und sagt jetzt immer "Papa, gelb, rot, raus."

          Schuhe schnüren für den Leistungstest: Markus Merk

          Sie sind so häufig im Einsatz, müssen Urlaub opfern. Wäre der Profi-Schiedsrichter nicht eine bessere Lösung?

          Das Ganze ist für den Bundesliga-Schiedsrichter wesentlich intensiver geworden. Man ist wesentlich beschäftigter. Aber das Hauptargument gegen den Schiedsrichter als Beruf: Die Schiedsrichter sind keine Profis, aber sie agieren schon professionell. Ich kenne genug in der Materie Fußball, die Profi aber nicht professionell sind. Ich liebe den Doppelpass zwischen Beruf und Familie, Schiedsrichter und meine Reisen nach Indien. Und ich liebe das, weg von dieser Welt, nach Indien zu fahren. Das gibt mir erst die geistige Freiheit, den Ball hinzulegen, ins Stadion zu blicken, das Spiel anzupfeifen und dadurch kann ich alles auf mich zukommen lassen.

          Also wäre die alleinige Fokussierung auf seinen Job für den Unparteiischen kaum vorteilhaft.

          Ich möchte nicht Samstag ins Stadion gehen, zu sagen, Mensch Markus, hoffentlich passiert dir kein Bock. Denn du hast Familie, es geht um deine Existenz. Du musst richtig entscheiden, weil du was abbezahlen musst.
          Solche Gedanken will ich mir als Schiedsrichter nie machen, weil ich dann nicht frei entscheiden kann. Mit der Einstellung kann ich nicht hantieren. Das ist so als wenn Michael Schumacher nachdenkt, wie fahre ich die nächste Kurve an. Dann macht er schon den ersten Fehler und ist zu langsam.

          Sie sorgen für Kinderheime in Südindien, bauen Schule und Waisenhaus, sammeln Geld für Hilfsprojekte. Warum?

          Das Engagement in Indien ist die Summe von vielen Zufällen: Ich wollte nicht 100 Mark spenden sondern selbst Hand anlegen. Aber nur ein paar Wochen. Dann ist da mehr gewachsen. Ich habe gemerkt, dass es viel wichtigere Werte gibt: etwa in Indien um das nackte Überleben kämpfen. Nur ich konnte anfänglich nicht darüber sprechen. Diese Gegensätze zu realisieren, hat mir am Anfang Probleme gemacht. Ich kam in den neunziger Jahren aus Indien zurück und hier haben sich alle über einen Einwurf an der Mittellinie aufgeregt. Ich weiß heute, dass der Einwurf an der Mittellinie, über den sich die Spieler und Trainer aufregen, in diesem Moment an diesem Ort das Wichtigste ist.

          Der Schiedsrichter hat es nicht einfach: Hat er nur Feinde und keine Freunde?

          Weitere Themen

          Ein halber Italiener

          Mario Adorf im Gespräch : Ein halber Italiener

          Mario Adorf wird nächstes Jahr neunzig. Ein Gespräch über alte und neue Nazis, Karriere im Ausland und über seine sehr deutsche Liebe zur Heimat seines Vaters.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.