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@Exprofis-Twitterer Schaar : „Keine Entzauberung von Fußballlegenden“

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Ein Account für Liebhaber: @Exprofis weiß und twittert, was ehemalige Spieler heute machen. Schnauzbart-Titelheld Herbert Heidenreich ist allerdings noch nicht entlarvt Bild: @Exprofis

Auf Twitter ist @Exprofis gerade „trending“: Der Macher Thorsten Schaar weiß und twittert, was ehemalige Bundesligaspieler heute machen. Im Interview spricht der Sportjournalist über Fußball-Marginalwissen und erstaunliche Erkenntnisse.

          3 Min.

          Thorsten Schaar hat vor zehn Tagen den Twitter-Account @Exprofis ins Leben gerufen und fragt sich dort „Wo sind sie jetzt?“. Sie sind ehemalige Fußballprofis und schon gelten die Tweets als „trending“. Er findet also stetig mehr Follower mit seinen Kurzinfos zum beruflichen Verbleib von ehemaligen Fußballspielern, die die legendäre Rubrik „Was macht eigentlich?“ des Fußball-Magazins Kicker verdichtet auf die Spitze treibt.

          Der freie Sportjournalist lebt und twittert in Düsseldorf und ist unter anderem tätig für „11Freunde“ und das Amateur-Fußballmagazin „Nachspielzeit“, das gerade mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet wurde.

          Wie kommt man auf die Idee, sich auf die Suche nach den aktuellen Beschäftigungen ehemaliger Bundesligaprofis zu begeben?

          Anfangs war das von mir eigentlich nur als Spaß gedacht zwischen Windelwechseln und Milchflascheaufwärmen für meine kleine Tochter. Dass es so gut ankam in der Twitter-Gemeinde habe ich nicht erwartet. Ich habe einfach die Verdichtung der legendären „Kicker“-Rubrik „Was macht eigentlich?“ auf 140 Zeichen angestrebt.

          Und warum?

          Das war so ein Prozess der inneren Reinigung. Ich habe so viel Marginalwissen über Fußball angehäuft, dass ich meinen Kopf mal entschlacken musste.

          Ist der Kicker mit seiner Rubrik „Was macht eigentlich?“ ihre Haupt-Quelle?

          Nein. Wie gesagt habe ich viel in meinem Hinterkopf gehabt, was ich mal loswerden musste. Ich hatte zu meiner Zeit als Redakteur bei „11 Freunde“ mal Geschichten zu zweiten Karrieren von Spielern geschrieben, beispielsweise zum Werdegang von Markus Münch vom Fußballspieler zum Galopptrainer. Dadurch wurde das zu einem Steckenpferd für mich. Und jetzt ist es natürlich schnell zur Besessenheit geworden, als ich merkte, dass es Follower gibt, die das interessiert. Also mache ich jetzt viel mit Internetrecherche. Da heute fast jeder im Internet steht bei seinem Arbeitgeber, kann man fast alle Spieler finden und meist sogar sehen, wie sie heute aussehen!

          Gehen Sie da systematisch die Kader von einst durch?

          Nein. Zum einen konzentriere ich mich eher auf die Spieler Nummer acht bis 15 als auf die Top-Leute. Von denen weiß man meist, was sie so treiben. Oft sind es dann auch Namen, die mir wieder einfallen, die mich schon als Kind fasziniert haben. Gregor Quasten, einst Hertha BSC, war so ein Name. Ich habe nun festgestellt, dass er gestorben ist, ohne dass ich es mitbekommen habe. Übrigens im Alter von 52 Jahren. Meines Erachtens sterben viele Profis, wenn sie verfrüht sterben, ausgerechnet mit 52 Jahren. Eine Bedingung müssen alle Spieler übrigens noch erfüllen: Es muss ein Panini-Bild von ihnen geben.

          Welche anderen Erkenntnisse bringt Ihre Arbeit?

          Allgemein denkt man ja, dass alle Fußballprofis, die man so kennt, ausgesorgt haben. Umso erstaunlicher ist es zu sehen, wieviele Profis einer ganz normalen geregelten Arbeit nachgehen. Sie sitzen oft ganz unspektakulär in Büros und haben nix mit Fußball zu tun. Dirk Hupe ist ein Klassiker mit einem Versicherungsbüro in Solingen. Natürlich gibt es dann auch viele Inhaber von Sportgeschäften. Und der ehemalige KSC-Torwart Alexander Famulla führt tatsächlich noch eine Lotto-Annahmestelle wie einst alle Exprofis in den 70ern. Und generell habe ich das Gefühl, dass die junge Generation an Spielern viel besser plant, was nach dem Fußball kommt.

          Thorsten Schaar weiß, was aus Exprofis geworden ist

          Fürchten Sie nicht, dass Sie Spieler entzaubern durch das Offenlegen von eher niederen Tätigkeiten, die von einem sozialen Abstieg zeugen?

          Mir geht es nicht darum, Legenden zu entzaubern oder jemanden bloßzustellen. Deshalb tauchen bei mir keine Informationen wie Empfänger von Sozialleistungen oder ähnliches auf. Ein Uli Borowka firmiert bei mir zum Beispiel auch als Buchautor. Andererseits ist das eben die Realität, dass nicht jeder ehemalige Profi ein glückliches Leben in Saus und Braus führt. Das ist doch wichtig, das zu vermitteln. Caspar Memering ist stellvertretender Empfangschef einer Schlachterei. Da muss man nicht eingehender beschreiben, dass das vermutlich nicht der steile Weg in die zweite Karriere nach der Laufbahn beim HSV mit dem Europapokalsieg 1983 war. Aber es gibt auch ganz erstaunlich originelle Berufswege, die genauso erstaunen.

          Beispiele?

          Vladimir But hat einen Verlag gegründet, um den russischen Schriftsteller Juri Polyakow hierzulande bekannter zu machen. Der ehemalige BVB-Kicker Wolfgang Feiersinger ist Hüttenwirt auf einer Bergalm bei Kitzbühel und der ehemalige Eintracht-Spieler Jürgen Mohr ist als Importeur von Weinen aus dem Burgund tätig.

          Welche Rolle spielt denn der Fußball außer bei den prominenten Trainern und den Sportgeschäftsinhabern?

          Soccerhallen waren ein paar Jahre lang in, das waren quasi die Lottoannahmestellen des neuen Jahrtausends. Aber die sind jetzt out.

          Wo wollen Sie hin mit Ihrem Projekt?

          Mit diesem Interview verkünde ich, dass ich mein Tempo nun deutlich drossele. Das nimmt zu viel Zeit in Anspruch. Dafür hoffe ich, dass es zum Selbstläufer wird. Unter meinen Followern sind viele Lokalreporter, von denen ich mir jetzt Infos zu Exprofis erhoffe. Das würde dann schnell alles übertreffen, was der „Kicker“ jemals abdecken kann mit seiner Rubrik. Die Infos würde ich dann einfach weitergeben. Und toll wäre natürlich auch, wenn mir jetzt Follower schreiben würden, dass Sie bei Norbert Eder Blumen gekauft haben.

          Blumen?

          Ja, Norbert Eder, beinharter Innenverteidiger bei den Bayern und bei der WM 1986, führt heute einen Blumenladen, offenkundig aus der Familie seiner Frau. Da würde ich mal gerne erfahren, ob Eder einen guten Geschmack als Florist hat. Vielleicht weiß das ja einer Ihrer Leser?

          Wir geben das mal so weiter. Noch weitere Fragen?

          Ja! Ich versuche gerade abzuklären, ob sich der ehemalige St.-Pauli-Profi Jens Scharping wirklich als Fahrradbote in Bremen fit hält oder ob das nur eine Namensgleichheit ist.

          Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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