https://www.faz.net/-gtl-x227

Spielerbörse in der Sommerpause : Der teuerste Stellenmarkt der Welt

  • -Aktualisiert am

„Schon als Kind vom FC Barcelona geträumt”: Andrej Arschawin (l.) Bild: REUTERS

Dichtung oder Wahrheit? Alles war während der EM in Bewegung, wenig hat sich konkretisiert. Die Zeit, in der aus Wechselwünschen Wunschtransfers werden, bricht erst jetzt an. Gut möglich, dass bald ein neuer Transferrekord aufgestellt wird.

          6 Min.

          Einer, den man vom Uefa-Pokal- Wettbewerb schon kannte, ist bei der Europameisterschaft noch einmal entdeckt worden: Andrej Arschawin. Sahen beim Europapokal der zweiten Klasse nur die Späher jener Klubs genauer hin, die nicht zum Kreis des kontinentalen Fußball-Geldadels gerechnet werden, sind diesmal die Einkäufer aus den ganz großen Vereinen auf den stürmischen Russen vom Uefa-Pokal-Gewinner Zenit Sankt Petersburg aufmerksam geworden.

          Arschawin hat dort zwar noch einen Vertrag, der erst am 30. Juni 2010 ausläuft, und er wird mit freundlicher Unterstützung des russischen Energieriesen Gasprom auch schon fürstlich bezahlt. Doch trotz seiner Heimatliebe und der 2,5 Millionen Euro, die der 27 Jahre alte stürmische Shootingstar verdient, will er weg. Wohin, das hat er gern gesagt: zum FC Barcelona. Warum? Aus reiner Liebe, selbstverständlich.

          Andrej Arschawin hat schon als Kind vom FC Barcelona geträumt

          „Ich war schon immer ein großer Barça-Fan“, hat der raketenhaft flotte Russe mit treuherzigem Augenaufschlag verkündet, „und habe als Kind schon davon geträumt, für diesen großen Klub zu spielen.“ Manchmal werden Kinderträume wahr - vor allem, wenn man seine Ziele auf dem Fußballplatz so kinderleicht erreicht wie dieser umschwärmte Profi mit der Unschuldsmiene. Ob Zenit ihn allerdings noch für die zu Beginn des Turniers kolportierten 15 Millionen Euro Ablöse ziehen ließe?

          Bald in Chelsea: In Barcelona war Deco nicht mehr glücklich

          Inzwischen hat Arschawin mit zwei Galashows bei den russischen WM-Erfolgen über Schweden (2:0) und die Niederlande (3:1 nach Verlängerung) so viel für seinen Marktwert getan, dass der Preis für ihn kometenhaft gestiegen sein könnte. Barcelona aber kann da lange mitbieten; der Klub ist megareich und war schon immer ein Dorado für Stars aus aller Welt.

          Hiddink sieht seine Spieler gern im Ausland

          Die Russen kommen! Das hat man sehr eindrucksvoll bei der am Sonntag zu Ende gegangenen EM gesehen. Doch wo gehen sie hin? Das Gros der „Sbornaja“ wird, dazu gehört angesichts des neuen Reichtums im Land der Oligarchen wenig Phantasie, in der eigenen Liga bleiben. Für Turnieraufsteiger wie den besten Linksverteidiger der EM, Juri Schirkow (ZSKA Moskau), und den wuchtig-eleganten Mittelstürmer Roman Pawljutschenko (Spartak Moskau) soll es Angebote aus der Premier League und der Primera División geben.

          Vielleicht folgen sie dem Rat ihres allwissenden Nationaltrainers und versuchen ihr Glück im Ausland. Guus Hiddink, der niederländische Chefcoach der Russen, empfiehlt den Wechsel im Wandel der Zeiten: „Für unsere besten Spieler wäre es gut, wenn sie sich gegen hochkarätige Konkurrenz durchsetzen müssten und auch mehr Widerstände als in der heimischen Liga spürten.“

          Der wankelmütige Ronaldo

          Diese Liga aber wird zusehends interessant auch für Profis, die zuvor in den europäischen Premium-Ländern vorgespielt haben. So wechselt der mit dem 1. FC Nürnberg abgestiegene und bei der EM einmal per Kopf erfolgreiche Tscheche Jan Koller gegen eine Ablösesumme von einer Million Euro zu Krylia Samara in die russische Provinz. Auch dort rollt noch der Rubel für das globale Unterhaltungsprogramm Fußball.

          Natürlich galt auch bei dieser EM das Turnier der Besten als idealer Anlass, Vereinswechsel anzubahnen und sich selbst interessant zu machen. Experten schätzen, dass rund fünfzig der 386 Spieler aus den 16 Teilnehmerländern nach der Europameisterschaft den Verein wechseln und anderswo mehr Geld als bisher schon verdienen werden. Beim begehrtesten Kaufobjekt der europäischen De-Luxe-Abteilung könnte allerdings ein barsches „No“ am Ende aller Abwerbungsavancen stehen.

          88 Millionen Euro wäre Real bereit zu zahlen

          Cristiano Ronaldo, der portugiesische Superstar, hat zwar keine überragende EM gespielt, doch Folgen für seinen Marktwert hatte das nicht. Immer noch baggern die Chefeinkäufer von Real Madrid an ihm herum. Zwar stellte Präsident Ramon Calderón inzwischen klar, dass der spanische Meister keineswegs, wie zunächst zu lesen, bereit sei, die Rekordtransfersumme von 100 Millionen Euro für den Mittelfeldstürmer auszugeben. Nein, nein, Real will schön bescheiden bleiben und bestenfalls 88 Millionen für den 22 Jahre alten Jüngling von der Insel Madeira zahlen.

          Auch das wäre Weltrekord, vorher gehalten von Real Madrid beim Erwerb des französischen Starregisseurs Zinédine Zidane im Jahr 2001. Seinerzeit überwiesen die Preziosensammler aus Madrid 72 Millionen Euro an Juventus Turin. Diesmal könnten die plötzlichen Veränderungswünsche von Ronaldo an Manchester United scheitern. Der englische Meister hat's selbst reichlich und ist in der Lage, die Kollegen von Real auf die Wirklichkeit hinzuweisen.

          Kann sein, dass der Portugiese weiter träumen muss

          Und die sieht so aus, dass Cristiano Ronaldo sich im Jahr 2007 bis zum 30. Juni 2012 an den englischen Traditionsklub gebunden hat. Damals sagte er: „Ich bin sehr glücklich und möchte hier noch viele Titel gewinnen.“ Ein Jahr später klingt derselbe Spieler in seiner Sehnsucht nach Madrid ganz anders. „Meine Entscheidung steht schon lange fest. Es ist das, wovon ich schon als Kind geträumt habe.“ Mag sein, dass der Portugiese nach seinem Sommerurlaub weiter träumen muss, weil Manchester ihn nicht freigibt.

          Manchester United, Real Madrid, der FC Barcelona, der FC Chelsea, der FC Arsenal, der FC Liverpool, Inter Mailand, AC Mailand, Juventus Turin, manchmal auch der FC Bayern - das sind die Spitzen der Champions-League-Gesellschaft, die sich aus dem Pool der besonders gesuchten EM-Spieler mit dem Extrakick bedienen können. Kein Wunder, dass rund um diese ersten Adressen des Klubfußballs die meisten Gerüchte gestreut werden.

          Alles in Bewegung, wenig konkretisiert

          So hieß es am vergangenen Sonntag vor dem EM-Finale in einer englischen Zeitung, der Münchner Bastian Schweinsteiger sei auf dem Sprung nach Manchester. United-Trainer Alex Ferguson warte auf einen wie ihn. Dichtung, Wahrheit? Alles war während der EM in Bewegung, wenig hat sich konkretisiert. Die Zeit, in der aus Wechselwünschen Wunschtransfers werden, bricht erst jetzt so richtig an. Auch für die wenigen Bundesliga-Größen mit internationalen Perspektiven.

          Dass der Holländer Rafael van der Vaart eine weitere Saison beim Hamburger SV verharren werde, glaubt inzwischen so gut wie niemand mehr. Trotz einer ordentlichen EM dürfte der Holländer aber nicht ein Kandidat für einen der europäischen Spitzenklubs sein. Überhaupt ist es eher unwahrscheinlich, dass mehr als eine Handvoll Profis aus der Bundesliga ihr Glück im Ausland suchen werden. Podolski, wie kolportiert, zu Juventus Turin? Äußerst unwahrscheinlich, da der Kölner Liebling zwar nicht mehr voller Begeisterung, aber immerhin eindeutig bei Bayern München unter Vertrag steht und es in Zukunft mit seinem früheren Nationalmannschaftsförderer Jürgen Klinsmann als Trainer zu tun hat.

          Manche Liebe ist sehr teuer

          Die Klubs, auf die in Europa jeder schaut, werden zunächst der FC Chelsea mit dem portugiesischen EM-Coach Luiz Felipe Scolari und vor allem Inter Mailand sein, wo Chelseas früherer Trainer José Mourinho angeheuert hat. Chelsea ist sich einig mit Deco, dem portugiesischen Spielmacher, der den FC Barcelona gegen ein Trennungsgeld von 15 Millionen Euro verlassen konnte, und dazu buhlt man noch um die Dienste des spanischen Topangreifers Fernando Torres (FC Liverpool) und seines Nationalmannschaftskollegen David Villa (FC Valencia).

          Doch da buhlt in Europa die halbe Liga der Megareichen mit. Wer Villa haben will, steht zunächst vor einem ultrateuren Hindernis: Valencia hat für seinen bis 2013 verpflichteten Angreifer, der bei der EM bis zum Finale mit vier Treffern die Schützenliste anführte, eine fixe Ablösephantasiesumme von 126 Millionen Euro festgesetzt. Wer soll das bezahlen?

          Aus Liebesbeziehungen sind schon oft Missverständnisse geworden

          Nicht einmal der russische Chelsea-Patron Roman Abramowitsch oder der steinreiche Inter-Präsident Massimo Moratti würden so viel Geld in beide Hände nehmen. Eher wechselt David Silva, einer der ruhmreichen vier aus der spanischen EM-Mittelfeldreihe, zum FC Arsenal, der dafür allerdings 25 Millionen Euro an Valencia bezahlen müsste.

          Trainer Arsène Wenger, einer der besten Aufspürer von Talenten, suchte bei der Europameisterschaft vielleicht schon nach einem Nachfolger für den wechselwilligen Weißrussen Alexander Hleb. „Wenn ich mich hier in einen Spieler verliebe“, sagte er während des Turniers, „kann es gut sein, dass wir ihn danach verpflichten.“ Doch aus Liebesbeziehungen sind schon oft teure Missverständnisse geworden. Michael Owen und der Brasilianer Ronaldo verließen Real desillusioniert; Thierry Henry ist beim FC Barcelona so kreuzunglücklich wie der frühere Milan-Star Andrej Schewtschenko als Ersatzmann beim FC Chelsea.

          Schlau war, wer vor der EM gehandelt hat

          Geld allein macht auch nicht glücklich, und vielleicht fühlt sich so mancher EM-Aufsteiger bei einem nicht ganz so protzigen Klub wohler. Schlau angestellt haben es jedenfalls die Vereine, die schon vor der Europameisterschaft wichtige Transfers abwickeln konnten. So haben die Tottenham Hotspurs für den Kroaten Luka Modric zwar 21 Millionen Euro bezahlt, doch diesen Marktwert hatte der von Dinamo Zagreb nach London wechselnde Ballkünstler während der EM mit konstant eindrucksvollen Leistungen schon übertroffen. Auch Eintracht Frankfurt war gut beraten, den Wiener Rapid-Flügelmann Ümit Korkmaz schon vor dem Anpfiff zur EM für rund 2,5 Millionen Euro zu holen. „Jetzt wäre er um einiges teurer“, sagt Korkmaz' Berater Max Hagmayr.

          Einer, der Werder Bremen ablösefrei verlässt, hat bei der Europameisterschaft nachhaltig für sich geworben: Ivan Klasnic. Er, der eine Nierentransplantation unter äußerst komplizierten Umständen überstand, könnte sich nach seinen zwei Treffern weiterempfohlen haben. Vielleicht verpflichtet den Stürmer nun auch ein Verein, der bereit ist, Klasnics üppige Gehaltsforderung von zwei Millionen Euro zu erfüllen. Der Kroate gilt in der Bundesliga bei Vertragsverhandlungen als Meister des Pokers mit eisernen Nerven. Gut möglich, dass er auch diesmal richtig spekuliert hat. Aufsteiger 1. FC Köln soll an ihm interessiert sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Wahlsieg für Tories : Der nächste Boris

          Sein Versprechen an die neuen Tory-Wähler ist auch eine Verpflichtung für Boris Johnson. Nach seinem fulminanten Wahlsieg könnte der britische Premierminister deshalb ganz anders daherkommen als gewohnt.

          „Get Brexit done“ : Die Sehnsüchte sind vom Tisch

          Großbritannien hat sich entschieden: Boris Johnson bleibt Premierminister – und soll das endlose Brexit-Thema schnell beenden. F.A.Z.-Außenpolitikchef Klaus-Dieter Frankenberger ordnet im Video das Labour-Desaster und den großen Sieg der Konservativen ein.
          Gelingt dem ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache die Rückkehr in die Politik?

          Zerreißprobe der FPÖ : Das Comeback des Heinz-Christian Strache

          Vor zweieinhalb Monaten erst verkündete Strache seinen Rückzug, doch nun könnte der frühere Vorsitzende die FPÖ aufspalten. Wie ihm die Rückkehr in die österreichische Politik gelingen könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.