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Spaniens Fußball : Ihr Spiel, es ist aus Eisen und Seide

Spaniens Ballkünstler sind auf dem Weg ins Museum: Torhüter Casillas Bild: picture-alliance/ EPA

Hemingway ist auch in Spaniens Fußball nicht fern: Ein alter Mann regiert dort den Lauf des Balls. Zugleich ist Luis Aragonés ein Verjünger der Spielkultur. Er setzt auf junge Ballkünstler, die Spaniens Fußball in den Rang der schönen Künste erheben.

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          Die letzten anderthalb Tage bis zum EM-Finale von Wien werden für die Mannschaften von Deutschland und Spanien nicht dieselben sein. Natürlich tun die Spieler mehr oder minder das Gleiche, machen ihre Dehnübungen, kicken den Ball, lassen sich massieren und so weiter. Aber in ihren Köpfen laufen unterschiedliche Filme ab.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der deutsche Film muss ziemlich lang sein, um all die WM- und EM-Finals verschiedener Nationalmannschaften unter sieben Bundestrainern zu fassen, man lässt ihn eher im Hintergrund laufen. Dass auf dem Weg dorthin auch Arbeitssiege, unsagbar öde Partien und Peinlichkeiten unterliefen, die noch Jahrzehnte später Gesprächsstoff liefern - wen kümmert das? Das Bollwerk steht schon so lange, dass kein Mensch mehr weiß, was der Begriff „deutsche Tugenden“ überhaupt bedeutet. Hauptsache, der Gegner hat Angst davor.

          Der Sieg des Nationalkatholizismus

          Spanien dagegen erinnert sich an kaum etwas. Nie Weltmeister. 1992 Olympiasieger, aber das zählt nicht. Und ein einziges Mal, vor vierundvierzig Jahren, wurden sie im Bernabéu-Stadion gegen die Sowjetunion Europameister. Den Filmclip dazu möchte man sich lieber nicht antun. Francisco Franco und seine drei Militärminister (zu Wasser, zu Lande und in der Luft) saßen auf der Ehrentribüne, während auf dem Rasen die sportlichen Vertreter zweier verfeindeter politischer Systeme miteinander rangen: hier die spät reputierlich gewordene iberische Rechtsdiktatur, dort der Sowjetstaat in den letzten Monaten der Ära Chruschtschow.

          Siebzig Jahre und noch kein bisschen leise: Spaniens Coach Aragones

          Verständlich, dass Spanien nicht verlieren durfte. Der Sieg der Gastgeber (zwei zu eins) bewies die Überlegenheit des Nationalkatholizismus über den Kommunismus, des westlichen Bündnisses über den Warschauer Pakt. Es bedarf keiner Erwähnung, dass die spanische Mannschaft aus Gründen politischer Sauberkeit nicht „la Roja“ heißen konnte wie heute und dass auch das rote Trikot nicht so hieß. Erst vor einem Jahr übrigens stellte sich heraus, wer wirklich die Vorarbeit zum Siegtreffer leistete. Die Kamera war auf der einen Spielfeldseite ausgefallen, so dass es bis heute keine vollständige Überlieferung des entscheidenden Tores gibt.

          Eine Leistung des Kollektivs

          Seit jenem auch mediengeschichtlich prähistorischen Triumph lässt sich das Schicksal der selección als schöner Wechsel zwischen absurd übersteigerten Erwartungen und mäßig schmerzhaften Niederstürzen erzählen. Wirklich tief ging die Enttäuschung nie, weil die Auswahlmannschaft ja selten etwas Bemerkenswertes geleistet hatte. Spanisches Großsprechertum und spanischer Fatalismus nahmen sich bei der Hand und brachten das Ritual der geraden Jahre hervor: Schrieb die Presse die eigenen Leute vor jedem EM- oder WM-Turnier hoch und beschwor schrill das „Diesmal packen wir's!“, rollte der realistische Fan selbst nach einer Niederlage im Elfmeterschießen gegen Südkorea die Fahne ein und zog davon, wie er es schon immer getan hatte. Auf ein Neues in zwei Jahren! Manche Dinge werden durch Einübung leichter - auch das Verlieren.

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