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Spanien vor dem EM-Halbfinale : Die phantastischen Vier unter einsachtzig

  • -Aktualisiert am

Ein Mittelfeld mit kleinen Hochbegabten: Spanien setzt nicht auf körperliche Stärke Bild: AP

Im spanischen Mittelfeld zaubern lauter Kleingewachsene. Und hinter Senna, Xavi, Iniesta und Silva warten noch Fabregas und Xabi Alonso auf den Einsatz gegen Russland. Doch vor der „Sbornaja“ haben die Spanier viel Respekt.

          Versprochen! Marcos Senna war seiner Zeit schon voraus, als er sagte: „Wir gehen selbstbewusst und zuversichtlich in die nächsten zwei Spiele.“ Damit sprach der defensivste der vier fabelhaften spanischen Mittelfeldspieler aus, was alle in seiner Mannschaft vor dem Halbfinale gegen Russland an diesem Donnerstag in Wien denken (20.45 Uhr / Live in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker). Doch dann korrigierte der gebürtige Brasilianer seine Aussage und sprach fürs Erste nur noch von dem bevorstehenden Wiedersehen mit Russland.

          Den am hellsten glänzenden Aufsteiger dieser Fußball-Europameisterschaft haben die Spanier zu Beginn des Turniers schon einmal deutlich mit einem 4:1-Erfolg auf Abstand gehalten. Doch was am 10. Juni in Innsbruck geschah, wird sich nach Auffassung selbst der größten Optimisten nicht wiederholen. „Das wird eine völlig andere Partie“, prophezeit Xavi, der Chefkatalane im spanischen Mittelfeld, vor der Neuauflage dieser vermutlich überaus attraktiven Begegnung. „Russland hat inzwischen ein unglaubliches Selbstvertrauen. Der Sieg gegen die Niederländer, die einer der EM-Favoriten waren, hat ihre Moral weiter gestärkt.“

          Aragones: „Wir müssen den Ball schneller bewegen“

          Um mit den Turbo-Russen, voran den Schrittmachern Arschawin und Pawljutschenko, Schritt halten zu können, hat Cheftrainer Luis Aragones den Trainingsaufwand vor der Partie im Ernst-Happel-Stadion heruntergefahren. Schließlich hat jeder, der es mit den Russen bei diesem Turnier zu tun bekommt, inzwischen Bammel vor der auffälligen Fitness der Osteuropäer - und außerdem hatten die Spanier einen Tag weniger Pause auf dem Weg vom Viertel- zum Halbfinale.

          Eigentlich Brasilianer, jetzt der größte Spanier im Mittelfeld: Marcos Senna

          Dort will Aragones auch von seinen Spielern wieder mehr Action sehen - wie zum Beispiel beim 4:1 über die Russen zur diesjährigen EM-Premiere. „Gegen Italien“, sagt der „Weise“ aus dem Madrider Stadtteil Hortaleza, „war unser Spielrhythmus zu langsam, wir müssen den Ball wieder schneller bewegen, um zu mehr Torchancen zu kommen.“

          Das Mittelfeld ist das Herzstück und die Seele

          Damit ist der Auftrag für die phantastischen Vier im spanischen Mittelfeld vorgezeichnet: Tiqui-Taca, aber zügig! Die Ballzirkulation über mehrere Stationen im hohen Tempo sollen Xavi, Andres Iniesta, sein Vereinskollege vom FC Barcelona, David Silva vom FC Valencia und, als Absicherung hintendran, Senna vom FC Villarreal vorantreiben.

          Das Mittelfeld ist das Herzstück und die Seele des filigranen, aber auch störanfälligen spanischen Spiels. Könnte Fußball mit mehr als elf Mann gespielt werden, Aragones hätte vermutlich auch noch seinen Superjoker Cesc Fabregas (FC Arsenal), Xabi Alonso (FC Liverpool) oder Santi Cazorla (Villarreal) nominiert. Sie alle verstehen es meisterhaft, ihre Spielkunst in eine Gesamtaufführung zu integrieren, bei der den Gegenspielern schon mal schwindlig wird.

          Ein großer Stratege des europäischen Fußballs

          Dass es Aragones fertiggebracht hat, den Neidfaktor in diesem hochklassig besetzten Mannschaftsteil auf ein erträgliches Maß herabzustufen, ist vielleicht seine eigentliche Leistung. Denn jeder dieser besten spanischen Mittelfeldgrößen ist, von Santi Cazorla vielleicht abgesehen, ein internationaler Star. Im Nationalteam aber gilt die Referenzgröße 23, also der Grundsatz, dass der Kader wichtiger als der Einzelne sei.

          Der 28 Jahre alte Xavi, der bei Barca prächtig mit Iniesta in der Mitte des Spiels harmoniert, ist mal gerade 1,70 Meter lang und wiegt nur 68 Kilogramm. Auf dem Platz aber ist er ein kleiner Riese, der an sich nur ein Manko immer wieder bemängelt: „Ich muss mehr Tore schießen.“ Sechs Treffer in 59 Einsätzen, das klingt nicht furchterregend. Andererseits ist dieser Spieler einer der großen Strategen des europäischen Fußballs, wie Iniesta gesegnet mit der Fähigkeit, den Ball passgenau in die Tiefe des Raumes zu den spanischen Spitzenstürmern Villa und Torres zu spielen.

          Auch verbal geht Marcos Senna in die Offensive

          Iniesta, mit 24 vier Jahre jünger und mit 1,70 Metern genauso groß wie sein vertrauter Nebenmann, ist im Aragones-System auf der rechten Seite vorgesehen. Bei der EM aber fehlte es dem Katalanen, der auch aus dem berühmten Jugendinternat des FC Barcelona kommt, an der letzten Spritzigkeit für seinen Beschleunigungsfußball. Iniesta kann mehr, als er bisher zeigte. Dass er vom Flügel aus auf das Spiel einwirkt, muss Iniesta im Übrigen nicht hemmen. Es ist sogar erwünscht, dass er bei Gelegenheit diagonal nach innen zieht und damit den Tiqui-Taca-Spielzügen noch ein Überraschungselement hinzufügt.

          Links außen ist die Startposition für den 22 Jahre alten Kanaren Silva, der auch nur 1,70 Meter misst, aber für seine sehnige Statur einen gewaltigen Schuss hat. Silva war gegen Italien der Spanier mit der größten Explosivität im Offensivspiel, während Senna der wohl beste Profi in Aragones' erstem Aufgebot war. Der mit 1,77 Meter schon längste Mittelfeldspieler in der spanischen Elf, ein gebürtiger Brasilianer, der 2006 eingebürgert wurde, besticht durch seine Zweikampfstärke und in der Spieleröffnung beim blitzschnellen Umschalten von Defensive auf Offensive. Seit kurzem auch verbal, wie sein Versprecher vor dem Duell mit den Russen zeigte.

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